3 Lehnübersetzung und Lehnbedeutung vs. Lehnwort: Zu den Entlehnungen aus dem Lateinischen und Französischen in das mittelalterliche Deutsch

Kurt Gärtner

 

Der Wortschatz einer Sprache wird immer wieder durch außersprachliche Faktoren, d. h. konkrete historische Ereignisse beeinflusst, die bekanntlich zu beträchtlichen Veränderungen des lexikalischen Systems führen können. Wer mit der Geschichte der englischen Sprache auch nur etwas vertraut ist, kennt die Wirkung der normannischen Eroberung Englands 1066 auf die Sprache der Eroberten. Dieses historische Ereignis führte für mehrere Jahrhunderte zu einer Zweisprachigkeit und veränderte das lexikalische System des Englischen tiefgreifend durch den Zuwachs an neuen Wörtern. 

Die germanischsprachigen Völker kamen im Verlauf ihrer Geschichte immer wieder in engen Kontakt mit anderssprachigen Völkern und Kulturen und haben von diesen Wörter zusammen mit den damit bezeichneten Sachen und Verhaltensweisen übernommen. Zu den frühesten nachweisbaren Entlehnungen gehören die Wörter Amt, Reich und Geisel aus dem Keltischen, die im Wortschatz von einigen germanischen Sprachen fest verankert blieben und reiche Wortfamilien ausgebildet haben. Die Geschichte des Deutschen wie der anderen germanischen Sprachen ist geprägt durch solche Kontakte, die in der Wortgeschichte ihre vorübergehenden oder bleibenden Spuren hinterlassen haben. Im Folgenden werde ich zunächst anhand von Beispielen die verschiedenen Arten von Entlehnungen skizzieren und dann auf die Entlehnungen aus dem Lateinischen und Französischen in das mittelalterliche Deutsch ausführlich eingehen. 

3.1 Gliederung des Lehnwortschatzes nach Werner Betz

Am folgenreichsten für den Wortschatz der von Haus aus schriftlosen Germanen war der Kontakt mit der antiken Schriftkultur des Mittelmeerraums und mit dem Christentum, einer Buchreligion. Die verschiedenen Entlehnungsvorgänge hat Werner Betz1 in einer grundlegenden Studie dargestellt und systematisiert. Seine Gliederung,2 die von anderen Forschern zum Teil modifiziert wurde,3 umfasst zwei Hauptgruppen: 

3.1 Entlehnungsvorgänge nach Betz (1974, 137). 

1. Lehnwort
Fremdwort assimiliertes Lehnwort
Palais Pfalz, mhd. palas, Palast
2. Lehnbildung mit Beispielen von Lehnübersetzungen
paen-insula    Halb-insel
con-scient-ia    ahd. ga-wizzan-i
3. Lehnbedeutung
got. daupjan 1. *eintauchen (vgl. engl. to dip)
2. *taufen       gr.-lat. βαπτίξειν / baptizare
ahd. touffan *taufen

3.1  Die drei zentralen Termini, die den drei wichtigsten Formen der Entlehnungen entsprechen, sind hier mit Beispielen wiedergegeben.  

Es sind also im Wesentlichen drei Möglichkeiten, die für die Lehnvorgänge eine Rolle spielen. Zunächst das Lehnwort, das für die Entlehnungen aus dem Bereich der Sachkultur wichtig ist; mit der fremden Sache werden die fremden Bezeichnungen übernommen, mit der Sache also zugleich auch das Wort dafür. Bleibt die fremde Lautgestalt bei der Übernahme erhalten, dann spricht man von einem Fremdwort, dessen Aussprache, Flexion und Betonung meist ein gewisses Maß an Bildung voraussetzt, um der Gefahr eines Malapropismus im Gebrauch des Wortes zu entgehen (z. B. eine Verkaufsbude ein Fiasko zu nennen statt Kiosk oder eine Sisyphosarbeit als Syphilisarbeit zu bezeichnen). 

Das entlehnte Wort kann aber auch phonetisch und morphologisch dem System der entlehnenden Sprache assimiliert werden und dadurch alle seine fremden Merkmale einbüßen. Ein assimiliertes Lehnwort unterliegt dann auch allen Lautwandelvorgängen. Sind diese zeitlich befristet, kann auch ungefähr der Zeitraum der Übernahme bestimmt werden. So kann z. B. das Wort Pfalz nur vor dem Ende der althochdeutschen Lautverschiebung im 8. Jahrhundert aus dem spätlateinischen palantia ins Althochdeutsche übernommen worden sein, denn es hat die Verschiebung von p- zu pf- und von -t- zu -tz- mitgemacht und erscheint im Althochdeutschen als pfalanza. Die mittelhochdeutsche Form pálas ist eine assimilierte Entlehnung des französischen palais, erscheint aber auch mit der fremden Betonung palás, die später mit epithetischem -t versehen wird und als Palást im Neuhochdeutschen erscheint und wie pfalenze, Pfalz eine reiche Wortfamilie begründet. Im 17. Jahrhundert kommt es dann zu einer erneuten Entlehnung von palais, das aber seine fremde Form beibehält. 

Eine zweite Hauptart von Entlehnungsvorgängen bezeichnet Betz als Lehnprägung, die er wiederum unterscheidet in Lehnbildung und Lehnbedeutung. Die Lehnbildung differenziert er in Lehnübersetzung und die etwas freiere Lehnübertragung. Anders als bei den direkten Übernahmen von Wort und Sache aus einer fremden in die heimische Sprache und Kultur werden bei den Lehnbildungen die fremden Wörter Glied für Glied mit semantisch entsprechenden Morphemen der heimischen Sprache nachgebildet. Dieser Transfer setzt linguistische Kompetenz in der Geber- und Nehmersprache voraus, also die Zweisprachigkeit, und ist damit in der Regel eine gelehrte Angelegenheit. Vor allem für den Einfluss des Lateinischen auf die germanischen Sprachen, nachdem diese Buchsprachen geworden waren, war dieser Transfer von nicht zu unterschätzender Wirkung. Doch schon für das Lateinische hat diese Art des Transfers bei den Übernahmen aus dem Griechischen eine wesentliche Rolle gespielt,4 denn vor allem die Abstrakta, mit denen die Vorstellungen der neuen Religion, aber auch der Philosophie, Wissenschaft und Technik ausgedrückt wurden, sind griechischen Mustern nachgebildet. Die Lehnprägungen nach klassischen, antiken Vorbildern finden sich in allen europäischen Sprachen. So ist das in dem Beispiel genannte lat. con-scient-ia dem neutestamentlichen, in den Briefen des Paulus mehrfach belegten Abstraktum συν-είδη-σις5 nachgebildet und hat Nachkommen in Form von Lehnübersetzungen nicht nur im ahd./nhd. ga-wizzan-i/Gewissen,6 und ähnlich in niederld. geweten, sondern auch im Mittelniederdeutschen sam-witt-ic-heit und in den nordgermanischen Sprachen, nur dass in diesen dem ahd. ga- *zusammen das Präfix sam- entspricht: dän. samvittighed, schwed. samvete; isld. samviska. Ein Lehnwort aus dem Lateinischen ist frz. und engl. conscience. 

Eine dritte Art von Entlehnungsvorgängen, die zum Bereich der Lehnbildungen gehört, kann man als Bedeutungsentlehnung bezeichnen. Es wird dann nur die Bedeutung eines fremden Wortes übernommen und als Lehnbedeutung dem Bedeutungsspektrum des heimischen Wortes hinzugefügt. In dem Beispiel werden für das gotische Verbum daupjan zwei Hauptbedeutungen genannt, die auch das griech. βαπτίξειν7 aufweist, nämlich 1. *eintauchen und 2. *taufen. Die zweite Bedeutung erhält das Wort aber erst durch seine Verwendung im Neuen Testament, in dem es im Aktiv und Medium belegt ist (βαπτίξειν *taufen und βαπτίξεθαι *sich taufen lassen).8 Es ist ein Schlüsselwort des Christentums, das Wulfila (311–383), der Übersetzer des griechischen Bibeltextes ins Gotische, mit daupjan wiedergab und das sich im 5. Jahrhundert donauaufwärts ins Bairische und von da aus ins Kontinentalgermanische verbreitete.9 

3.2 Entlehnungen aus dem Lateinischen in das Alt- und Mittelhochdeutsche

3.2.1 Erste Welle von Entlehnungen 1. bis 5./6. Jahrhundert

Die Kontakte zwischen den Römern auf der einen Seite und den Germanen auf der anderen Seite, aber auch die Kontakte zwischen Griechen und Goten, führten in den ersten vier Jahrhunderten nach Christi Geburt zu einer ersten Welle von Wortentlehnungen aus dem Lateinischen und—vermittelt durch die Goten, wie das Beispiel βαπτίξειν / baptizare > daupjan gezeigt hat—auch aus dem Griechischen ins Deutsche. Es sind mehrere Hundert Lehnwörter, bei denen das Wort zusammen mit der Sache, der Ausdruck mit dem Inhalt übernommen wurde. Für diese Übernahme- und Aneignungsvorgänge ist keine wirkliche Zweisprachigkeit der Bevölkerung in der Kontaktzone erforderlich. 

Das wahrscheinlich älteste deutsche Lehnwort aus dem Lateinischen ist Kaiser. Das Wort geht auf den Familiennamen Caesar bzw. seinen berühmtesten Träger Gaius Iulius Caesar (100–44 vor Chr.) zurück und wurde unter den nachfolgenden Herrschern als Titel verwendet. Das Wort gelangte zunächst ins Germanische und dann weiter ins Deutsche. Das ahd. keisur (auch -or, -ar) wird wohl auch noch als Titel, aber zugleich auch schon als De-onomastikon, als ein vom Namen abgeleitetes Appellativum mit der Bedeutung *Herrscher gebraucht. Ähnlich haben unter dem Eindruck eines übermächtigen Herrschers die Slaven später den Namen Karls des Großen, also ahd. Karal / Karl, entlehnt und als Herrscherbezeichnung gebraucht (russ. король, tschech. král, poln. król usw. für *König). Aber auch dem russ. царь *Zar liegt Caesar zugrunde, es ist eine Entlehnung aus got. kaisar, das über griech. καῖσαρ auf Caesar zurückgeht. Die Lautgesetze erlauben hier eine ungefähre Datierung der Entlehnung von Caesar ins Germanische: Sie konnte nicht später als im 2. Jahrhundert erfolgen, weil bis dahin der Diphthong ae in Caesar noch gesprochen wurde, der auch in ahd. keisur bzw. got. kaisar erscheint; ebenso war auch noch die k-Aussprache im Anlaut von Caesar erhalten, erst im 6./7. Jahrhundert wurde k- palatalisiert, also als [ts] gesprochen. 

Von den mehreren Hundert Wörtern, die in den ersten vier Jahrhunderten nach Chr. zu den Germanen und in den althochdeutschen Wortschatz gelangten, ist ein großer Teil noch heute erhalten. Die Entlehnungswege von der Romania in die Germania hat Theodor Frings erforscht.10 Aufgrund der Verteilung bestimmter Bezeichnungen wie z. B. der verschiedenen lateinischen Wörter für *Kelter in den heutigen Mundarten11 hat er auf die Kontaktzonen zwischen den Römern und Germanen geschlossen und in diesen Kontaktzonen die über Gallien und Oberitalien führenden Aufmarschstraßen der Romania—so die militärische Terminologie von Frings12—lokalisiert. Eine dieser Aufmarschstraßen aus dem römischen Gallien führte über das Mosel- und Maasgebiet; der Mittelpunkt dieses Kontaktraums war die Stadt Trier, die in der Spätantike ein großes römisches Zentrum war und für einige Zeit sogar die Hauptstadt des römischen Imperiums bildete. 

Die lateinischen Lehnwörter der ersten Welle sind überwiegend Bezeichnungen, die mit den neuen, den Germanen bisher unbekannten Sachgütern und Gegenständen übernommen wurden. Mit den neuen Sachen kamen also die neuen Wörter, die im Althochdeutschen wie in den benachbarten germanischen Sprachen, dem Altenglischen und Altnordischen zum großen Teil auch bezeugt sind. Dazu einige Beispiele: Die Germanen kannten nur die Holzbauweise. In den Sagas findet sich die vollständige Terminologie für das Haus und seine Teile in der Holzbauweise. Die Fachwerkbauten sind im Grunde die Fortsetzung der altererbten Bauweise. Von den Römern lernten die Germanen dann die Steinbauweise kennen; mit den dafür nötigen neuen Baustoffen und Bauformen wurden auch die neuen Fachausdrücke importiert. Die meisten davon sind bis heute erhalten geblieben. Oft steht die alte germanische oder althochdeutsche Bezeichnung für einen Hausteil neben der entlehnten römischen, so steht z. B. ahd. wand, nhd. Wand für das aus Flechtwerk gewundene und mit Erde verschmierte Hausteil neben der neuen Bezeichnung ahd. mūra (aengl. mūr), nhd. Mauer aus lat. mūrus, die Steinmauer eben. Abweichend vom Lateinischen, aber analog zu wand ist das neue Wort ein Femininum. 

Die heutigen Umgangssprachen spiegeln mit ihren Synonymen für verschiedene Hausteile die alten Entlehnungs- und Importwege wider. Ein Beispiel ist die Bezeichnung für den Dachboden, den obersten Raum des Hauses unter dem Dach. Die ererbten Wörter sind Boden, das heute im Norden und Osten benutzt wird, und Bühne, auch Beune, das die Schwaben für Dachboden gebrauchen. In den Kontaktzonen zur Romania kommt als Bezeichnung für den Dachboden wie für den Fußboden das Wort Estrich aus dem lat. astracum, astricum (< griech. ὄστρακον *Tonziegel, Scherbe) der römischen Siedler zu den Germanen: Einmal kommt Estrich über Oberitalien und das Alpengebiet ins Alemannische, wo es bis heute im Schweizerdeutschen den Dachboden bezeichnet; ein andermal kommt Estrich über die Moselstraße ins Rheinland, wo es in einigen Gegenden die Zimmerdecke bezeichnet.13 Ein anderes Wort für Dachboden ist Söller aus lat. solārium *Sonnenraum; das Wort bezeichnet ein flaches Dach oder eine Terasse und gelangt ebenfalls mit dem römischen Geschossbau ins Deutsche, es bleibt bis zur Gegenwart am Niederrhein und im Mitteldeutschen erhalten, wo es heute als Söller den Dachboden bezeichnet, in der Schweiz dagegen den Fußboden.14 Die Bezeichnung für Dachboden in der römisch-germanischen Kontaktzone am Mittelrhein bis hin zur romanischen Sprachgrenze im Westen ist das Wort Speicher aus spätlat. spīcarium.15 

Weitere Wörter, die mit dem römischen Bauwesen ins Althochdeutsche gekommen sind und im heutigen Deutsch überregional gebraucht werden, sind: Ziegel (ahd. ziagala < lat. tēgula), Kalk (ahd. kalc < lat. calx), Mörtel (ahd. mortāri < lat. mortārium *Mörser und metonymisch für den Inhalt des Mörsers *Mörtel), Pfeiler *Stütze, Säule (ahd. phīlāri, mhd. phîlære < vulgärlat. *pīlāre, eine Ableitung von lat. pīla *Pfeiler), Pfahl (ahd. mhd. phâl < lat. pālus), Pfosten *Stützpfeiler (ahd. phosto, mhd. phost[e] < lat. postis *Türpfosten), Keller (ahd. kellāri, mhd. keller < lat. cellārium *Vorratskammer), Kamin *offene Feuerstelle mit Rauchfang; Schornstein (mhd. kámîn, kémîn < lat. camīnus *Feuerstätte, Schmelzofen [< griech. κάμινος]), Kammer (ahd. kamara, mhd. kamer[e] < lat. camara), Küche (ahd. kuhhina, mhd. küche[n] < vulgärlat. cucīna, cocīna). 

Bei Wörtern wie Pfeiler, Pfahl, Pfosten zeigt die anlautende Affrikata pf-, dass sie vor der Zweiten oder althochdeutschen Lautverschiebung übernommen worden sind, obwohl sie zum Teil erst spät belegt sind; ebenso bei Ziegel aus lat. tēgulum. Diese Wörter waren schon im voralthochdeutschen Wortschatz vorhanden und wurden seit dem 6./7. Jahrhundert mit den Affrikaten gesprochen, als vermutlich zuerst die Alemannen die neuen Aussprachegewohnheiten praktizierten, also /p-/ als /pf-/ und /t-/ als /ts-/ realisierten, die wir als Zweite oder Althochdeutsche Lautverschiebung bezeichnen.16 Auch Wörter wie Keller, Kamin, Kammer, Küche mit k- im Anlaut wurden schon früh, noch zur Zeit der k-Aussprache des anlautenden c- in cellārium usw. mit den andern Wörtern des römischen Steinbaus entlehnt. 

Auch das Wort Fenster ist bereits im 8. Jahrhundert als ahd. finestra und um 1000 als fenstar belegt, es ist aus lat. fenestra *Öffnung in einer Wand oder Mauer, Fenster entlehnt. Daneben gab es in den germanischen Sprachen aber auch altererbte Wörter für Fenster: got. auga-dauro,17 altengl. eaȝ-duru und eagh-þyrl18 ahd. auga-tora,19 *Tür in Form eines Auges oder wie umgangssprachlich *Guck-loch, dagegen altnord. vind-auga *Wind-auge bzw. *Wind-öffnung, das ins Englische (window) entlehnt wird und die alten Bezeichnungen ersetzt. 

Die aus dem Lateinischen entlehnten Wörter wurden, wie bereits bemerkt, von den Germanen mit germanischen Artikulationsgewohnheiten ausgesprochen, und die vor der Zweiten Lautverschiebung ins Voralthochdeutsche gelangten Lexeme unterlagen dem historischen Lautwandel. Die Lehnwörter wurden auf der ersten Silbe betont und sind im 8./9. Jahrhundert dem morphologischen System des Althochdeutschen angepasst. Sie sind also völlig assimiliert, sind keine Fremdwörter mehr; sie werden von allen sozialen Schichten gebraucht, auch von denjenigen, die des Lateinischen nicht mächtig sind. 

Mit der ersten lateinischen Welle von Lehnwörtern kamen zusammen mit den Sachen noch zahlreiche neue Wörter für weitere Bereiche, so für den Gemüse- und Gartenbau, den Obst- und Weinbau, für Kochkunst und Küche. Die Weinbauterminologie stammt fast gänzlich aus dem Lateinischen. Es wurden auch Wörter entlehnt, die für die Zeiteinteilung und den Handel mit seinen Termingeschäften wichtig waren. Überwiegend handelte es sich aber um Konkreta. 

3.2.2 Zweite Welle von Entlehnungen 8. bis 11. Jh.

Ganz anderer Art sind die Entlehnungsvorgänge, die eine zweite Welle des lateinischen Einflusses auf das Althochdeutsche bestimmen, als mit dem Christentum und der lateinischen Schriftkultur Phänomene und Verhaltensweisen bezeichnet werden mussten, die innere Vorgänge betrafen, Gefühle, Einstellungen oder das Seelenheil und alles was zur Transzendenz, dem Jenseits, gehört. Mit solchen Fragen hatten die christlichen Missionare zu tun, die vom 6. Jahrhundert an den Franken, dann den Alemannen und Baiern den christlichen Glauben vermitteln wollten. Die neue Lehre konnte nicht mit Fremdwörtern verkündigt werden, denn sie sollte ja von allen, auch von den des Lateinischen nicht Kundigen, verstanden werden, weil sie jeden betraf, nicht nur die Winzer oder Maurer oder Gemüsehändler, die sich mit ihrem aus dem Lateinischen entlehnten Fachwortschatz verständigten, der fast ausnahmslos Konkreta umfasste. Es mussten daher neue Wörter gebildet werden, die den Inhalt der lateinisch gefassten Lehren des Christentums, einer Buchreligion, übermitteln konnten. 

Die Prägung neuer Ausdrücke für die neuen Inhalte erforderte von den Missionaren eine hinreichende Kompetenz im Lateinischen, der Sprache also, in der die neue Lehre abgefasst war, und zugleich im Deutschen, der Sprache der zu Missionierenden. Nicht nur die christliche Lehre hatten die Missionare zu verkündigen, auch die mit einer Buchreligion wie dem Christentum verbundenen Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen und andere für das Medium Buch wichtige Bezeichnungen. 

Die altnord. Bezeichnung für das Lesen von Runen lautet: rúnar ráða *Runen raten; ráða hat dabei durchaus die Bedeutung *raten, und rúnar ráða heißt: *die durch die Runen verborgenen Geheimnisse erraten. Altnord. ráða und die altengl. Entsprechung rædan wurden dann aber auch benutzt zur Bezeichnung der neuen Kulturtechnik des Lesens. Wie im Altnordischen hat auch im Altenglischen das Verbum mehrere Bedeutungen, darunter *raten und die aus ihr sich entwickelnde neue Bedeutung *lesen (read), die unter dem Einfluss von lat. legere entsteht. Diese Lehnbedeutung wird im Laufe der Zeit die Hauptbedeutung. Ähnlich verhält es sich mit der Bezeichnung für *Schreiben im Altenglischen: Die Runen schrieb man nicht mit der Feder, sondern man ritzte sie in Holz oder Stein; mit altengl. wrítan, dem das ahd. rîȥan *ritzen (mit Verschiebung von germ. -t- > ahd. -ȥ-, nhd. reißen) entspricht,20 bezeichneten die Angelsachsen dann auch die neue Kulturtechnik des Schreibens. Heute ist die Hauptbedeutung von to write nicht mehr *ritzen, sondern die nach lat. scribere geprägte Lehnbedeutung. 

Anders werden aber im Althochdeutschen die beiden neuen Kulturtechniken bezeichnet: lat. legere wird wiedergegeben mit lësan, das unter dem Einfluss von lat. legere die neue Bedeutung *mit den Augen auflesen erhält, die zu der alten *mit den Händen auflesen, aufsammeln hinzukommt (z. B. Kartoffeln lesen u. ä.). Scribere dagegen wird mit der Bedeutung *schreiben entlehnt und dem morphologischen System des Althochdeutschen angepasst als starkes Verbum (scrīban, screip, scribun, giscriban), es gehört also zusammen mit einigen anderen Wörtern der Kirchen- und Klostersprache wie dihtōn (dictāre) bei Otfried *erdenken, erdichten; verfassen, trahtōn (tractāre) *sich gedanklich mit etwas befassen, bedenken, erwägen, predigōn (< praedicāre) *die christliche Lehre verkündigen und auslegen, ordinōn (ordināre) *(an)ordnen, einreihen; ordnungsgemäß erfüllen, zu den wenigen althochdeutschen Lehnwörtern aus dem Lateinischen.21 Was wir aber hier bei altengl. rædan und wrítan sowie bei ahd. lësan beobachtet haben, ist die neue Gebrauchsweise eines vorhandenen Wortes. Ein vorhandener Ausdruck wird mit einem neuen Inhalt verwendet. Die neue Kulturtechnik konnte man auf diese Weise ganz oder—wie im Althochdeutschen—zumindest zum Teil mit vorhandenen Wörtern bezeichnen. 

Wie am Beispiel von got. daupjan, ahd. touffan gezeigt wurde, wird dann nur die Bedeutung eines fremden Wortes übernommen und als Lehnbedeutung dem Bedeutungsspektrum des heimischen Wortes hinzugefügt. Ganz anders als im Gotischen und Althochdeutschen wird die Taufhandlung im Altenglischen und Altnordischen bezeichnet. Hier werden andere Wörter unter dem Einfluss von lat. baptizare mit der Lehnbedeutung *taufen versehen, nämlich altengl. fulwian, eigentlich *voll-weihen, und altnord. skíra *reinigen. 

Die neue Religion und die spezifischen Inhalte ihrer Lehre wurden ebenso wie die neuen Kulturtechniken vor allem durch Lehnprägungen (Lehnbedeutungen und Lehnbildungen) vermittelt. Der religiöse Wortschatz zweier althochdeutscher Werke, die den Inhalt der Evangelien in Prosa bzw. Versen erzählen, nämlich die Übersetzung der Evangelienharmonie des Tatian (2. Viertel 9. Jh. im Kloster Fulda) und Otfrieds von Weißenburg Evangelienbuch (zwischen 863 und 871 entstanden), besteht zu 60 bzw. 80% aus Wörtern, die mit neuen Lehnbedeutungen gebraucht werden.22 Otfried und die andern um die Vermittlung der lateinischen Welt bemühten Gelehrten standen immer wieder vor der Frage, welches vorhandene althochdeutsche Wort sich am besten eigne, um einen neuen, mit dem lateinischen Ausdruck verbundenen christlichen Inhalt aufzunehmen. Die benediktinischen Mönche hatten oft die Qual der Wahl, und wir können ihr Wählen und Probieren anhand der Überlieferung beobachten. Wir können verfolgen, wie sie nach geeigneten althochdeutschen Wörtern suchten, die für eine Bedeutungserweiterung brauchbar waren und die Inhalte zentraler christlicher Begriffe wie *Glaube, Gott, Christus, Heiliger Geist, Hoffnung, Liebe, Himmel, Hölle, Auferstehung, Taufe, Beichte, Opfer, Buße, Reue, Gnade und Erlösung übermitteln konnten. Für diese Übermittlung spielte die Lehnbedeutung eine zentrale Rolle. 

Bisweilen versuchten sie es zunächst mit einem Lehnwort, dann aber auch mit einem Erbwort, mit dem eine Lehnbedeutung verbunden wurde und das im Laufe der Zeit das fremde, dem des Lateinischen nicht Kundigen unvertraute oder *schwere Wort ablöste. *Schwer sind die Fremdwörter zunächst immer deshalb, weil sie isoliert und nicht in eine Wortfamilie eingebettet sind und gleichsam asozial dastehen.23 Für lat. apostolus, einem Lehnwort aus griech. ἀπόστολος zur Bezeichnung der Jünger Jesu mit Einschluss des Paulus, wird in der Ende des 8. Jahrhundert entstandenen Übersetzung einer Predigt Augustins, die in den sog. Monseer Fragmenten erhalten ist, das ins Althochdeutsche entlehnte und assimilierte Wort apostol gebraucht; im 9. Jahrhundert gebrauchte man jedoch fast nur noch das Erbwort boto *Bote (mhd. zwelfboto) mit der neuen entlehnten Bedeutung, die sich auf die christlichen Apostel bezog. 

Aber auch die Erbwörter, die mit den Lehnbedeutungen aufgeladen werden konnten, standen in Konkurrenz miteinander. Die Mönche hatten —wie gesagt—die Wahl unter vielen Wörtern, die sich eigneten für den Gebrauch mit der neuen christlichen Bedeutung. So wird z. B. der Inhalt von lat. gratia, einem Zentralbegriff des christlichen Glaubens, mit ganz verschiedenen, meist teilsynonymen althochdeutschen Ausdrücken verknüpft. Die christliche Bedeutung *Barmherzigkeit Gottes, Sündenvergebung, die heute am besten noch in der Zwillingsformel Gnade und Barmherzigkeit (Gottes) erhalten ist, wird mit ganz verschiedenen Wörtern im Althochdeutschen wiedergegeben,24 die im Bedeutungsspektrum des Lateinischen Wortes gratia (*Annehmlichkeit, Gunst, Dank, Wohlwollen usw.) Parallelen haben (Tab. 3.2): 

Ahd. 1. anst stF. *Gunst (wie got. ansts für griech. χάρις *Gnade)
2. geba stF. *Gabe (wie altengl. gifu *(Gnaden-)Gabe)
3. huldî stF. *Zuneigung, Geneigtheit
4. trôst stM. *Zuversicht, Hilfe
5. gimuati stN. *Wohlwollen
6. ginâda stF. *Geneigtheit, Ruhe und Glück

3.2 

Von diesen sechs Äquivalenten setzt sich ginâda zum Mittelhochdeutschen hin durch. Ahd. ginâda ist zunächst ebenso wenig wie seine Konkurrenten ein Wort des religiösen Wortschatzes, sondern hat eine weltliche Bedeutung, die auch im Mittelhochdeutschen noch lebendig ist in einem Satz wie spätmhd.: die sonne czu gnaden ging,25 *die Sonne begab sich zur Ruhe, ging unter. 

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele, anhand derer wir das Wählen und Probieren, das Experimentieren der benediktinischen Gelehrten gut beobachten können anhand der überlieferten Texte, die wir der neuen Buchkultur verdanken. Die lexikalisch fruchtbare Periode des Experimentierens mit Lehnbedeutungen ist im 10./11. Jahrhundert im Wesentlichen abgeschlossen, alle zentralen Begriffe des Christentums und der antiken Kultur sind eingedeutscht, und im Mittelhochdeutschen erfolgt dann eine terminologische Fixierung auf einen Ausdruck. 

Die Vermittlung der christlichen Zentralbegriffe, wie sie im Credo und im Neuen Testament vorkommen, erfolgte über die Lehnbedeutung, dies war für die nicht lateinkundigen Laien der gegebene Weg, um den Inhalt eines neu gebrauchten Ausdrucks zu erfassen. Eine Zweisprachigkeit war daher in den Kreisen, denen das Credo oder Paternoster verständlich gemacht werden sollte, nicht erforderlich. Die Vermittlung theologischer oder philosophischer Fachausdrücke hatte dagegen ein ganz anderes Publikum als Otfrieds Evangelienbuch, das dem fränkische König Ludwig dem Deutschen (843–876) gewidmet war und mit dem der Dichter das Fränkische zur lingua sacra machen wollte. 

Die Übersetzung der Benediktinerregel ins Althochdeutsche26 war dagegen für das Kloster bestimmt, für einen kleinen exklusiven Kreis von Lehrern und Schülern. Obwohl die Lehrer im benediktinischen Kloster mit einer Zweisprachigkeit, die ja auch das Ziel der Schüler war, rechnen konnten, haben sie nur wenige Wörter aus dem Lateinischen entlehnt. Ähnlich wie später die dominikanischen und franziskanischen Theologen im 13. Jahrhundert schaffen sie eine allgemein verständliche Terminologie ohne Rückgriff auf Fremdwörter. Sie nutzen vor allem die Möglichkeiten der Wortbildung. Die Bildung neuer Wörter aus dem vorhandenen Schatz an Wortstämmen, Präfixen und Suffixen, die den entsprechenden lateinischen Äquivalenten nachgebildet werden, war die gegebene Möglichkeit, für all das einen leicht verständlichen Ausdruck zu finden, was durch Lehnwörter und Erbwörter mit Lehnbedeutungen nicht ohne weiteres verständlich gemacht werden konnte. Dies betrifft vor allem die zahlreichen Verbalabstrakta, die von Verben abgeleiteten Substantive zur Bezeichnung von Vorgängen, Handlungen und Zuständen. Die mit den Möglichkeiten der Wortbildung operierende Lehnbildung war also der Schlüssel zu dem fremden theologischen und philosophischen Wortschatz. 

3.2.3 Dritte Welle von Entlehnungen im Hochmittelalter

Bereits in der Zeit des Althochdeutschen beginnt im Bereich des von der Zweisprachigkeit geprägten klösterlichen Schulbetriebs mit den Lehnbildungen ein Prozess, der die Latinisierungsbewegung des Hochmittelalters bestimmt und für die Geschichte des deutschen Wortschatzes folgenreich wird. Vor allem in der reichen Glossenüberlieferung ist das zu beobachten. Glossen machen rund zwei Drittel des überlieferten althochdeutschen Wortschatzes von rund 35 000 Wörter insgesamt aus.27 

Wie bei den Lehnbedeutungen ist auch bei den Lehnbildungen ein Experimentieren zu beobachten. Dabei werden in den einzelnen Zentren der Glossierung für die Nachbildung oder Kontrafaktur eines lateinischen Wortes in den Glied-für-Glied-Übersetzungen unabhängig voneinander verschiedene Lösungen gefunden. Für resurrēctio, einem der Zentralwörter des christlichen Glaubens aus dem Credo und dem Neuen Testament, sind im Althochdeutschen insgesamt 13 Versuche überliefert28 und im Mittelhochdeutschen noch acht, von denen sich schließlich eine einzige im Neuhochdeutschen fest etabliert (siehe Abbildung 3.2). Lat. resurrēctio *Wiederauferstehung selbst ist bereits eine Lehnübersetzung des neutestamentlichen ἀνάστασις; der Transfer des Wortes vom Lateinischen ins Deutsche hat also eine analoge Vorgeschichte im Transfer vom Griechischen ins Lateinische. 

3.2 Konkurrierende Lehnübersetzungen im Alt- und Mittelhochdeutschen. 

Letzten Endes hat sich unter den konkurrierenden Bildungen diejenige durchgesetzt, die dem lateinischen Wort am genauesten nachgebildet ist, und zwar Sibe für Silbe: re-sur-rēct-io = Auf-er-steh-ung, obwohl die etymologische Vorstufe von lat. surgo im Präsensstamm verdunkelt und auch im Stamm des Partizip Perfekt Passivi nicht mehr deutlich erkennbar ist, mit dem das Verbalabstraktum gebildet ist.29 

Im Althochdeutschen zeigen sich die bekannten Übersetzer mit ihren Vorlieben für bestimmte Bildungsweisen ihrer Lehnübersetzungen von resurrectio. Das Team, das den Tatian in Fulda übersetzte, gebraucht 10 x urrestî und 1 x arstantnessî, Otfried von Weißenburg nur irstantnissi; aber Notker von St. Gallen († 1022) gebraucht neben urstenti (23 x) und urstentida (12 x) noch urstentî (4 x), urstant (1 x) und schließlich noch den substantivierten Infinitiv thaz ûfstân.30 Im Mittelhochdeutschen ist die mit Abstand am häufigsten überlieferte Bildung das seit dem Anfang des 12. Jahrhundert belegte urstende (< ahd. urstentî); ûferstentnisse (seit 13. Jh. bis ca. 1700) ist bis ins Frühneuhochdeutsche bezeugt, aber der Spätling ûferstêunge > Auferstehung, seit Ende des 14. Jahrhundert nachgewiesen, dominiert vom 16. Jahrhundert an und hat dann keine Konkurrenten mehr.31 

Für die Geschichte der deutschen Wortbildung aufschlussreich ist das bereits von den Glossatoren in althochdeutscher Zeit gebrauchte Suffix -unga für die Ableitung von Verbalabstrakta, das die im Tatian und von Otfried und Notker gebrauchten Konkurrenten ablöst und eine immer stärkere Rolle spielt. Die Wörter auf -unga/-unge sind im Alt- wie im Mittelhochdeutschen eine gelehrte Angelegenheit. Sie sind charakteristische schöpfungen der unter dem banne des lateins arbeitenden übersetzer; fast alle sind sie mechanische copien lateinischer substantive auf -(at)io.32 Zugleich ist mit ihnen aber auch viel deutlicher die Tätigkeitsvorstellung verbunden als bei den konkurrierenden Suffixen, mit denen sowohl Nomina acti als auch Nomina actionis unterschiedslos gebildet wurden. Unter dem Einfluss des Lateinischen ist der Siegeszug des -unga/-unge-Suffixes zur Bildung von Nomina actionis nicht mehr aufzuhalten, die deutschen Wörter auf -unga/-unge werden wie die lateinischen Bildungen auf -io im 13./14. Jahrhundert in der Sprache der deutschen Scholastik und Mystik zu Modewörtern schlechthin. Im Neuhochdeutschen werden Verbalabstrakta so gut wie ausschließlich mit -ung von den Verben abgeleitet. Ähnlich verhält es sich mit den Adjektivabstrakta auf lat. -tas (griech. -της) und dem deutschen Äquivalent -heit bei der Bildung von Nomina qualitatis. 

Gleichzeitig mit der durch die Lehnbildungen bestimmten dritten Welle des lateinischen Einflusses auf das Deutsche des Mittelalters zeigt sich aber auch, wie in der klassischen mittelhochdeutschen Literatur die Dichter um 1200 die Möglichkeiten des Deutschen als Wortbildungssprache nutzen. In der heroischen Dichtung wie dem Nibelungenlied ist ein großer Teil des alten Wortschatzes aus heimischer Tradition bewahrt, die höfischen Dichter dagegen gebrauchen mit Vorliebe neumodische Lehnwörter aus dem Französischen, die in der Sprechsprache der feudalen Oberschicht bereits im Umlauf waren (s. u. unter IV). Die höfischen Dichter erfinden zugleich aber auch eine höchst differenzierte Sprache, mit der sie beschreiben, was im Innern ihrer Figuren vor sich geht; sie können Gedanken, Gefühle und Einstellungen genau analysieren und ausdrücken, was die Figuren im Innern bewegt. Dazu brauchen sie einen differenzierten Wortschatz, den sie sich vor allem dadurch schaffen, dass sie die Möglichkeiten der Wortbildung nutzen. 

Von den Möglichkeiten des Deutschen als einer ausgesprochenen Wortbildungssprache machen in den beiden Jahrzehnten nach 1200 Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg am intensivsten Gebrauch. Sie zeigen, welche Möglichkeiten das Deutsche als Wortbildungssprache bietet im Unterschied zu den romanischen Sprachen, die keine ausgesprochenen Wortbildungssprachen sind, sondern Vergleichbares nur mit den Möglichkeiten der Syntax wiedergeben. 

Es gibt kühne Neubildungen bei Wolfram, Zusammensetzungen und Ableitungen, darunter viele ad-hoc-Bildungen, die nicht lexikalisiert sind. Dazu einige Beispiele:33 Es gibt substantivische Komposita wie ûz-gesinde *Ausgesinde, eine Analogiebildung zu in-gesinde; valken-sehe *Falken-blick; valschheit-swant *der die Falschheit (Untreue) zum Verschwinden bringt; Adjektive wie ougest-heiz *august-heiß, freuden-flühtic *die Freude fliehend, walt-müede *von der Reise durch den Wald erschöpft; Partizipialadjektive wie be-kerzet *mit Kerzen versehen, ge-naset *mit einer Hundenase ausgestattet, ge-îsert *mit Eisen (Rüstung) versehen, gerüstet, ge-orset *mit einem ors = Pferd ausgestattet, beritten. 

Gottfried von Straßburg verspottet in seinem *Tristan34 Wolframs Wortbildungskunststücke mit einem berühmten Satz, dass sich sein Dichterrivale in der Gemeinschaft hakenschlagender Hasen auf der Wortheide hochsprüngig und weitweidend mit zusammengewürfelten Wörtern herumtolle: swer nû des hasen geselle sî / und ûf der wortheide / hôchsprünge und wîtweide / mit bickelworten welle sîn, dem—so meint Gottfried—gebühre nicht der Dichterlorbeer. Seine Kritik formuliert Gottfried mit vier spottenden Neubildungen à la Wolfram, nämlich wortheide, hôchsprünge, wîtweide und bickelwort.35 Aber auch Gottfried schüttelt die Neubildungen nur so aus dem Ärmel. Allein die Wortfamilie von herze z. B. bereichert er durch viele neue Komposita und Ableitungen, die bei ihm zum ersten Male belegt sind, so die Substantive: herze-galle *Bitternis im Herzen, herze-gir, herze-ger, herze-lust, herze-niftel *allerliebste Nichte, herze-quâle, herze-schade, herze-sorge, herze-tohter; Adjektive: un-herze-haft *verzagt, ge-herzet *beherzt; Verben: ent-herzen (nach dem Muster von ent-lîben) *des Herzens berauben. Ebenso wird die Wortfamilie von senen *sehn- und leidsüchtig einander lieben bereichert: senen ist der Hauptzeitvertreib von Tristan und Isolde, die senedære *Liebesleidsüchtige genannt werden, der Roman von ihnen ist ein sene-mære, eine *Geschichte von Liebesleid, von sene-gluot *heißer Liebessehnsucht und sene-viuwer *Liebesfeuer, sene-bürde *Liebeslast; Tristan ist Isoldes sene-genôz *Freund im Liebesleid. Wenn Wolfram ein Partizipialadjektiv wie ge-hundet *von einem Hund begleitet bildete, dann war Gottfried noch kühner und bildete analog dazu ein Partizipialadjektiv mit dem Namen Îsôt: ge-îsôtet *von Isolde verzaubert. 

Die Neuerungen in der Wortbildung und die Aktivierung der deutschen Wortbildungsmöglichkeiten gehören zu den sprachgeschichtlich bemerkenswerten Leistungen der höfischen Dichter. Nicht nur weltliche Stoffe bearbeiten sie, sondern auch geistliche wie die Legenden von Gregorius oder die apokryphen Stoffe von der Kindheit Jesu und des Marienlebens. Vielfach ist Weltliches und Geistliches gar nicht rein zu scheiden: Die Thematik des *Parzival verbindet z. B. das weltliche Artusthema mit dem geistlichen Gralsthema. 

Das Neue an den volkssprachigen Werken, die seit dem 12. Jahrhundert auf das Pergament kommen, ist aber vor allem, dass sie weitgehend unabhängig von der lateinischen Schriftkultur entstehen und eine eigene Schriftkultur begründen. Der höfische Roman ist sowohl buchgeschichtlich als auch kulturgeschichtlich etwas Neues. Die größtenteils analphabetische laikale Oberschicht, ihre männlichen Angehörigen jedenfalls, bekommt erstmals ein Verhältnis zum Buch. Ein zwiespältiges allerdings. Ein Autor wie Wolfram von Eschenbach sagt z. B. ganz deutlich, dass er mit der lateinischen Buchgelehrsamkeit nichts zu tun haben will: ine kann decheinen buochstap /36 [...] disiu âventiure / vert âne der buoche stiu-re37 *Ich kann nicht schreiben und lesen [...] Diese Geschichte hat mit Buchgelehrsamkeit nichts zu tun. Sein älterer Dichterkollege Hartmann von Aue dagegen stellt sich so vor: Ein ritter der gelêret was / daz er an den buochen las / swaz er dar an geschriben vant / der was Hartman genant.38 

Während das Althochdeutsche der Glossen und der Übersetzungen immer abhängig vom Latein und damit von der Buchgelehrsamkeit ist, ist das Mittelhochdeutsche der höfischen Dichter um 1200 eine literarisch offene Sprache, wie das Wortbildung und Syntax besonders deutlich zeigen. Doch die Tradition der lateinischen Schriftkultur wirkt auch im Hochmittelalter weiter auf bestimmte volkssprachige Werke, die zur gleichen Zeit wie der höfische Roman und der Minnesang entstehen. Und alles Neue auf dem Gebiet der lateinischen Gelehrsamkeit wird wie in der Zeit des Althochdeutschen zum Teil auch an die des Lateinischen nicht Kundigen vermittelt. Insbesondere die Vermittlung der lateinisch verfassten christlichen Lehre über den rechten Weg zum Heil ist ein besonderes Anliegen auch in der Zeit, in der die höfischen Dichter versuchen, den Konflikt zwischen dem Einzelnen und Gott oder der Gesellschaft zu gestalten, wie wir das bei Parzival oder Tristan und Isolde sehen. Die Ausleger der Bibel versuchen ebenso, die Beziehung der Einzelseele zu Gott zum Thema ihrer Predigten zu machen. Das Private ist die große Entdeckung des 12. Jahrhunderts, dazu gehören die Liebe ebenso wie das Heilsstreben des Einzelnen, der für sich auf Gnade und Erlösung hofft. 

Die dritte Welle des lateinischen Einflusses wird nun wieder getragen von den zweisprachigen Gelehrten der neuen Orden, zu deren Hauptaufgaben die Seelsorge gehörte. Die neuen Orden, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstehen, versuchen, das in den Ketzerbewegungen offenbar gewordene Heilsstreben großer Laiengruppen auf die Wege der Kirche zurückzulenken. Die neuen Orden sind die Franziskaner und die Dominikaner; sie heißen Bettelorden wegen ihrer Herkunft aus der Armutsbewegung, für deren Anhänger die Armut Christi und seiner Apostel das große Vorbild war. Armut ist aber eigentlich nur attraktiv für die Reichen. Franz von Assisi (*1181/82–1226) war der Sohn eines reichen Kaufmanns. Er gab alles auf, er wollte arm sein und leben wie die Vögel unter dem Himmel, die für morgen nicht zu sorgen brauchen. Die in seinem Sonnengesang gepriesene Schöpfung lieferte alles, man musste sie nur bewahren. 

Mit der Aufgabe der Seelsorge war für die Bettelorden zugleich die Predigt verbunden, mit der sie in den neuen großen gotischen Kirchen die Massen erreichen konnten. Zur Predigtvorbereitung gehörte ein gründliches theologisches Wissen, das Studium spielte daher eine zentrale Rolle für die Ausbildung der Ordensangehörigen, des Predigerordens, so hießen die Dominikaner, und der Minoriten oder Minderen Brüder, so nannten sich im Hinblick auf das biblische Armutsideal die Franziskaner. Die Angehörigen der Bettelorden lebten und wirkten in den Städten, sie gehörten nicht für immer einem bestimmten Kloster an und waren nicht der stabilitas loci verpflichtet, sondern dem Orden als ganzem und konnten daher von einem Konvent zum andern versetzt werden. In den großen Städten wie Köln, Magdeburg, Erfurt befanden sich die Ausbildungszentren der neuen Orden mit ihren universitären Strukturen. 

Aus den beiden neuen Orden gehen die Hauptvertreter der Scholastik hervor, aber auch die Hauptvertreter der mittelalterlichen Mystik. Diese Tatsache hatte die germanistische Forschung lange Zeit nicht gesehen, und sie hatte einen Gegensatz zwischen deutscher Mystik und lateinischer Scholastik konstruiert.39 Man kannte zunächst auch nur das autobiographische Werk *Das fließende Licht der Gottheit der Mechthild von Magdeburg (* um 1207, † 1282 im Kloster Helfta), die Werke der Dominikaner Meister Eckhart (* um 1260, † 1328 in Avignon), Johannes Tauler (* um 1300, † 1361 in Straßburg) und Heinrich Seuse (* um 1295/97, † 1366 in Ulm) und der Franziskaner Berthold von Regensburg (* um 1210, † 1272 in Regensburg) und David von Augsburg (* um 1200, † 1272 in Augsburg).40 

In den Werken Mechthilds und der Bettelordenstheologen stehen mystische Erfahrung und scholastische Lehre in einem vielfältigen Zusammenhang. Die Mystik wird von dem großen Franziskanertheologen Bonaventura (* 1221, † 1274) bestimmt als cognitio Dei experimentalis, als *Erkenntnis Gottes durch Erfahrung, in der Exstase oder Schauung; die scholastische Lehre dagegen ist sacra doctrina, *heilige Lehre, die als Lehre auf die Sauberkeit der Begriffe achtet.41 Indem jedoch die mystische Erfahrung zur Literatur wird, wird sie auch Gegenstand der Lehre und kann als solche durch die Sprache der Scholastik expliziert werden. Meister Eckharts deutsche Werke mit ihren zahlreichen neu gebildeten Wörtern kann man nur im Zusammenhang mit der Sprache seiner lateinischen Werke sehen und verstehen. 

Das scholastische Latein ist geprägt durch die enormen Bereicherungen, die es durch die Rezeption der antiken Philosophie erfuhr, insbesondere der Werke des Aristoteles. Mit den lateinischen Übersetzungen der griechischen Philosophen und Kirchenväter werden auch die Wortbildungsmuster des Griechischen ins scholastische Latein übernommen und bei der volkssprachigen Vermittlung scholastischer Lehren dann die lateinischen Muster ins Deutsche. Die beherrschende Rolle in den deutschen Scholastikerübertragungen spielt die Lehnübersetzung, sie bietet sich als nie versagendes Mittel an, fremde Wortprägungen mit eigenen Sprachmitteln nachzuformen.42 In der möglicherweise schon um 1300 entstandenen deutschen Teilübersetzung der *Summa theologica des Thomas von Aquin (* um 1225, † 1274) kann der Transfer der philosophischen und theologischen Schlüsseltermini von Griechenland über Rom in die Germania beobachtet werden; er erfolgt wie bereits im Althochdeutschen über Lehnbildungen, insbesondere Lehnübersetzungen: εὐ-λογ-ία = bene-dict-io = wola-sprech-unge; ἔμ-πνευ-σις = in-spirat-io = în-blas-unge, συμ-πάϑε-ια = com-pass-io = mite-lid-unge, ὑπόστασις = sub-stant-ia = under-stand-unge.43 Wie im Althochdeutschen sind viele dieser Kontrafakturen bloße Versuche und gehen wieder unter. Zahlreich sind jedoch viele Lehnbildungen, die von den Schreibenden und Sprechenden übernommen werden und im deutschen Wortschatz fest verankert sind wie z. B. An-fecht-ung < ane-vecht-unge = im-pugnat-io, Ewig-keit < êwic-heit =aeterni-tas, Genug-tu-ung < genuoc-tuow-unge = satis-fact-io, Da-sein < dâ-sîn = ad-esse, un-aus-sprech-lich < un-ûz-spreche-lich = in-e-fa-bilis, Unter-scheid-ung < under-schîd-unge = di-vis-io usw. 

Im scholastischen Latein werden massenhaft neue Verbalabstrakta auf -io und Adjektivabstrakta auf -tas gebildet, die in den entsprechenden Lehnbildungen der deutschen Übertragungen mit -unge und -heit nachgebildet werden und sich dann unabhängig vom Latein zu den produktivsten Ableitungssuffixen im System der deutschen Wortbildung etablieren. 

Schwieriger zu fassen ist in den Texten der deutschen Mystik die Rolle der Lehnbedeutungen. Ein Wort wie mhd. milte, das die Pflicht eines Feudalherren zur Gewährung des Unterhalts der von ihm Abhängigen bezeichnet, erhält über die Bedeutung *Freigebigkeit unter dem Einfluss der Bezeichnungen für die Gaben des Hl. Geistes die christliche Bedeutung *Barmherzigkeit, Gnade. 

Lehnbildungen, insbesondere Lehnübersetzungen, spielen wie gesagt die Hauptrolle in der dritten Welle des lateinischen Spracheinflusses auf das Deutsche. Lehnwörter spielen in der Rezeption der lateinischen Scholastik eine durchaus untergeordnete Rolle.44 Es sind immer wieder dieselben wenigen Lexeme, die häufiger gebraucht werden, darunter z. B. conscienzje und gracie, für die es bereits die etablierten Äquivalente gewizzen(e) und genâde gibt. Häufiger dagegen sind substanzje und davon abgeleitet substanzlich, beide bei Eckhart, Tauler, Seuse und in der Teilübersetzung der *Summa theologica belegt, und subtîl mit subtîl(ec)heit, die ebenfalls von den Mystikern gebraucht werden. 

Im Bereich der Derivation im Wortbildungssystem des hochmittelalterlichen Deutsch ist der lateinische Einfluss am deutlichsten zu fassen. Im Bereich der Komposition sind aber ebenfalls Neubildungen zu beobachten, die wohl vom Inhalt der lateinischen Quelle inspiriert sind, aber in der Form an die Wortbildungskünste der höfischen Dichter erinnern, wenn z. B. die geistliche Trunkenheit in inebriare mit himeltrunken werden übersetzt wird oder—anknüpfend an die Stelle im Evangelium Lukas 24,32 Nonne cor nostrum ardens erat ...?—das Kompositum herz-brennung gebildet wird.45 

Die mystische Prosa der Predigten und Traktate ist keine Übersetzungsliteratur wie die Übertragung der *Summa theologica oder anderer scholastischer Texte, es handelt sich vielmehr um genuin deutsche Schöpfungen, und sie weisen auch eine weit größere Varianz in der Wortbildung auf als die aus dem Lateinischen übersetzten Texte. Sie nutzen wohl die Wortbildungsmöglichkeiten des scholastischen Lateins und machen sie für das Deutsche fruchtbar, doch sie knüpfen auch an die höfischen Dichter an, die ebenso große Wortbildungskünstler waren wie die Dominikanerprediger. 

3.2.4 Entlehnungen aus dem Französischen in das mittelalterliche Deutsch

Die seit dem 11. Jahrhundert nachweisbaren Lehnbeziehungen zwischen dem Französischen und dem Deutschen unterscheiden sich von denen zwischen dem Lateinischen und Deutschen der zweiten und dritten Welle grundsätzlich, sind aber wieder teilweise vergleichbar mit den unter beschriebenen Entlehnungen der ersten lateinischen Welle, denn aus dem Französischen werden ebenfalls erstmals in großem Umfang Wörter direkt entlehnt und nicht nur durch Wortbildungsmöglichkeiten neu geschaffen, wie das für den unter und beschriebenen lateinisch-deutschen Sprachkontakt im Mittelalter charakteristisch war. In den Quellen für den deutschen Wortschatz des 12. und 13. Jahrhunderts sind zahlreiche französische Lehnwörter belegt. Zum größten Teil bezeichnen diese Entlehnungen Dinge, Tätigkeiten und Verhaltensweisen der höfischen Kultur, wie sie seit dem 11. Jahrhundert an den französisch sprechenden Höfen in Mode kamen und von dort aus z. T. mit ihren französischen Bezeichnungen in Europa verbreitet wurden. 

Die französischen Entlehnungen im Mittelhochdeutschen haben finnische Germanisten seit der Jahrhundertwende systematisch erforscht, gesammelt und in umfassenden Inventaren publiziert.46 In den Verzeichnissen von Hugo Palander (1902), der später den fennisierten Namen Suolahti annahm, sind für das 12. Jahrhundert etwa 230 Lehnwörter aus dem Französischen gesammelt, für das 13. Jahrhundert sind es über 700.47 Der Höhepunkt der Entlehnungen aus dem Französischen liegt in den Jahren um 1200, in denen die großen höfischen Romane nach französischen Quellen verfasst wurden. Diese Werke spiegeln den zunehmenden Einfluss des Französischen auf den Wortschatz der deutschen Autoren. 

Aus Suolahtis Verzeichnissen ergibt sich für Heinrich von Veldeke (Eneit) und die bereits oben genannten Autoren um 1200, nämlich Hartmann von Aue (Erec und Iwein), Wolfram von Eschenbach (Parzival und Willehalm) und Gottfried von Straßburg die folgenden Zahlen für die französischen Lehnwörter in ihren Werken (Tab. 3.3): 

Eneit (um 1170–74/85) 70
Erec (um 1180) 71
Iwein (um 1190/1200) 35
Parzival (um 1200/10) 385
Willehalm (um 1210/20) 294
Tristan (um 1210) 220

3.3 

Suolahti teilt die Entlehnungen in drei Kategorien, von denen nur die erste mit ihren Belegzahlen in dem Überblick berücksichtigt ist. Diese erste Kategorie umfasst alle Lehnwörter, sowohl die eigentlichen Fremdwörter, d. h. die lautlich nicht oder nur teilweise assimilierten, als auch die nicht so zahlreichen Lehnwörter im engeren Sinne, d. h. die lautlich vollständig assimilierten Wortentlehnungen, deren Ausdrucksseite nichts Fremdes mehr aufweist. 

Charakteristisch für die ausdrucksseitig nicht mehr fremden Lehnwörter ist, dass sie früh übernommen wurden und in vielen Texten zahlreich belegt sind und dass schon eigene Wortfamilien um sie existieren. Dies gilt z. B. für prîs und prîsen nach frz. pris und priser. Das deutsche Verb lautet nicht prisieren, ist also nicht mit dem neuen, unter dem Einfluss des entlehnten frz. Nomen agentis-Suffixes -ier (aus lat. -arius) erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstandenen deutsche Verbalsuffix -ieren48 gebildet wie tjostieren nach frz. joster. Das gilt auch nicht für prüeven, das mit frz. prover in Verbindung gebracht wird, aber nicht als probieren oder provieren im Mittelhochdeutschen erscheint. vælen = nhd. fehlen aus frz. faillir erscheint ebenfalls in der älteren Form und nicht in der neuen mit -ieren gebildeten Form als failieren, die bei Wolfram zuerst belegt ist. Man kann also auch das relative Alter einiger Entlehnungen bestimmen und eine frühe Schicht mit vollständiger Assimilierung unterscheiden von einer späteren, die teilassimiliert ist. Das Verbalsuffix -ieren gehört ähnlich wie die Suffixe -unge und -heit zu den folgenreichsten Neuerungen der deutschen Wortbildungssystems; -ieren ist heute das produktivste Suffix zur Ableitung von Verben mit fremdsprachiger Basis. 

In der Übersicht sind nur die in Suolahtis erster Kategorie gesammelten eigentlichen Wortentlehnungen, assimilierte wie nichtassimilierte, erfasst, also auch die Belege für prîs, prîsen und prüeven mit ihren Zusammensetzungen und Ableitungen. Die Entlehnungen, die Suolahti in der zweiten Kategorie erfasst, nämlich die recht häufigen französischen Floskeln, Formeln und Titel, sind ebenso wenig berücksichtigt wie die Belege seiner weniger häufig belegten dritten Kategorie mit den Lehnprägungen, d. h. den semantischen Entlehnungen (Lehnbildungen und Lehnbedeutungen). 

Der höfische Roman ist nach Theodor Frings breites Einfallstor für französisch-höfisches Wortgut aus dem Bereich des höfisch-ritterlichen Lebens.49 Unter den höfischen Romanen ist der *Erec Hartmanns von Aue der erste deutsche Artusroman; er geht zurück auf den um 1170 entstandene französische Roman von *Erec et Enide des Chrétien de Troyes. In dem einschlägigen Handbuchartikel über den deutschen Wortschatz der höfischen Blütezeit heißt es unter der Zwischenüberschrift Überfremdung mit französischem Sprachgut vom *Erec: Diese Dichtung schwelgt in Fremdwörtern wie keine zuvor und liefert für viele, die sich später behaupteten, die ersten Belege in unseren Wörterbüchern.50 

Woher kennt Hartmann nun die von ihm benutzten französischen Wörter? Die zunächst naheliegende Antwort auf diese Frage aus der Schreibtischperspektive des Forschers wäre, dass Hartmann diese französischen Fremdwörter aus seiner französischen Quelle übernommen hat. Emil Öhmann charakterisierte die Entlehnungsvorgänge aber nicht als rein literarisch, sondern als mündlich-literarisch oder halbschriftlich.51 Theodor Frings bettete die Entlehnungswege in die *Kulturströmungen von West nach Ost ein. Danach scheinen die Entlehnungsprozesse nicht von den Dichtern gesteuert und rein literarischer bzw. buchsprachlicher Natur gewesen zu sein; mündliche Entlehnung über Wege, die durch die Kontaktzonen von Romania und Germania führen, dürften für die Entlehnungen um 1200 die Regel gewesen sein. Pragmatische Überlegungen, wie sie vor allem Theodor Frings52 anstellte, machen es von vornherein unwahrscheinlich, dass bloß von den Dichtern neu eingeführte Wörter ohne weiteres von einem nicht zweisprachigen Hofpublikum, den Erstrezipienten also, verstanden werden konnten. Es handelt sich also keineswegs nur um literarische Einflüsse von Pergament zu Pergament, von Buch zu Buch, sondern teilweise sicher um persönlichen Verkehr, dessen Einfluß [von Frankreich aus, K. G.] immer weiter ostwärts vordrang.53 

Unter den Entlehnungen aus dem Französischen im *Erec bilden die zahlreichen Ausdrücke des Turnierwesens die umfangreichste Gruppe:54 baneken, baniere, bûhurt und bûhurdieren, buckel, enschumphieren, harnasch, tjost und tjostieren, kastelân, kovertiure, panel, panzier usw. Aber auch Bezeichnungen für Stoffe, Schmuck, Speisen usw. sind darunter: kulter, rubîn, samît, safervar, schapel, sigelât, vâsân usw. Die Liebenden in den höfischen Romanen werden nicht mehr nur vriunt und vriundinne genannt, sondern auch auf Französisch amîs und amîe. Fast all diesen Entlehnungen ist gemeinsam, dass sie mit der Hofkultur zu tun haben und zur Hofsprache gehören, zur Sprechweise der feinen Gesellschaft also. Dies lässt sich sogar beweisen, wenn man Hartmanns *Erec mit Chrétiens *Erec et Enide, seiner französischen Quelle, vergleicht: Der weit überwiegende Teil der französischen Lehnwörter im *Erec kommt in der französischen Quelle überhaupt nicht vor. Das ist besonders deutlich in den Turnierschilderungen, die bei Hartmann sehr viel ausführlicher sind als bei Chrétien,55 und nur selten Berührungspunkte mit dem französischen Text aufweisen.56 

Die Forscher der finnischen Schule, die sich mit den mittelhochdeutschen Entlehnungen aus dem Französischen beschäftigt haben, haben zwischen literarischer Entlehnung und mündlicher Entlehnung unterschieden. Literarische Entlehnungen sind 1. französische Wörter, die der deutsche Autor aus seiner französischen Vorlage direkt übernimmt, und 2. französische Wörter des deutschen Autors, der das Französische zwar beherrscht, es aber nur durch die schriftlich verbreitete Literatur kennt. Für die Zeit der höfischen Klassik um 1200 spielt die literarische Entlehnung—wie schon bemerkt—noch kaum ein Rolle. 

Auf mündliche Entlehnung zurückführen kann man besonders all jene Wörter, die ihrer lautlichen Form nach aus den an das deutsche Sprachgebiet angrenzenden Mundarten des Französischen stammen und durch Sprachkontakte im Grenzgebiet vermittelt wurden. Sie haben also alle zunächst einmal zum Wortschatz der gesprochenen Sprache gehört, bevor sie auch in die Buchsprache, d. h. die Sprache der höfischen Romane, Eingang fanden. Die Entlehnungswege für mündliche Entlehnungen hat Emil Öhmann in den an das Lothringische und Pikardische angrenzenden deutschen bzw. niederländischen Gebieten lokalisiert. Ein großer Teil der französischen Lehnwörter, vor allem der frühen, waren also mündliche Entlehnungen aus dem Pikardischen, die über das Niederländische ins Mittelhochdeutsche gelangten. 

Zur Veranschaulichung dieses Sachverhaltes ein Beispiel: mhd. kolze schw. Mask. *Fuß- und Beinbekleidung des Ritters entspricht altfrz. chauce (< lat. calceus); das mittelhochdeutsche Wort muss wegen des anlautenden k- aus dem Pikardischen oder Wallonischen stammen. Nach Öhmann57 wurde vermutlich pik. *cautse (> chauche) als *coutse ins Mittelniederländische übernommen und von dort ins Deutsche entlehnt. Im *Erec V. 2330 erscheint es im Kompositum îser-kouse statt des heimischen îser-hose *Beinrüstung aus Eisenblech. 

Die französischen Lehnwörter gehörten nach Öhmann also zunächst einmal der Sprechsprache der höfischen Oberschicht im Grenzgebiet von Romania und Germania an, bevor sie über die Wege durch das Grenzgebiet zu den höfischen Dichtern gelangten und von ihnen für ihre Buchepen benutzt wurden und danach auch als Buchwörter weiterwirken konnten. Direkte Entlehnungen aus den französischen Vorlagen lassen sich kaum nachweisen.58 Da trotzdem die literarischen Beziehungen für die nachweisbare Geschichte der Entlehnungen eine Rolle gespielt haben müssen, spricht Öhmann59 von mündlich-literarischer Entlehnung; eine Kompromissformel also, welche nicht ausschließlich für mündlich entlehnte und dann in die Literatursprache aufgenommene Wörter gilt. 

Anders als in der ersten Welle des lateinischen Einflusses sind auch Lehnprägungen nach altfranzösischem Vorbild in größerem Umfang ins Deutsche gekommen.60 Ein Teil von ihnen wurde bereits im Mittelniederländischen gebildet und über das Gebiet zwischen Maas und Rhein ins Mittelhochdeutsche übernommen. Einige von diesen Übernahmen wie etwa dörper kommt aus dem mittelnld. dorpere *Bauer mit der pejorativen Bedeutung *roher, nicht höfisch gebildeter Mensch, einer Lehnbedeutung aus dem altfrz. vilain; nur in dieser Bedeutung wird dörper zugleich mit seiner mittelniederländischen Lautgestalt ins Mittelhochdeutsche übernommen und bleibt bis heute erhalten, allerdings in der dissimilierten Form Tölpel.61 Das mit einem dörper verbundene Verhalten wird als dörperheit bezeichnet, das Gegenwort dazu ist höveschheit *gebildetes, dem Hofe gemäßes Verhalten und Wesen, ein Adjektivabstraktum, abgeleitet von hövesch (hüb(e)sch), das mit seiner entsprechenden Lehnbedeutung über mittelnld. hovesch aus altfrz. cortois übernommen wurde; dieses wiederum kursiert auch als Lehnwort kurtois mit dem fremden Diphthong oi und etwas mehr assimiliert als kurteis in den Werken der mittelhochdeutschen Klassiker. Ein Zentralwort zur Kennzeichnung höfischen Verhaltens ist die mâze, ein Femininum, das eigentlich auf gemessene Größen aller Art bezogen ist, aber mit der neuen Bedeutung *Maßhalten und Mäßigung in allen Dingen über mittelnld. māte nach altfrz. mesure aufgeladen wird. 

Die Lehnbeziehungen zwischen dem mittelalterlichen Deutsch und dem Altfranzösischen setzen in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein und erreichen im 13. Jahrhundert einen Höhepunkt. Zu den Hunderten von Lehnwörtern, die in dieser Zeit übernommen werden, kommen zahlreiche Französische Redensarten, wie Suolahti sie nennt, z. B. Grußformeln und Anreden wie *Parzival 76,11 bien sei venûz, bêâs sir und selbstständig aus französischen Bestandteilen gebildete Neuwörter wie *Parzival 50,5 und 68,8 in einer Wappenbeschreibung sarapandratest *Schlangenkopf = serpent a teste *Schlange mit dem Kopf. Nach deutschen Wortbildungsregeln formt Wolfram *Parzival 52,15 in Analogie zu burc-grâve einen Titel wie schahtelakunt = conte del chastel.62 Wolframs Romane, der *Parzival und der *Willehalm, sind die wirkungsmächtigsten deutschen Werke des Mittelalters, keines der andere großen Versepen hat eine vergleichbare Überlieferung und einen entsprechenden Einfluss auf die Dichter, die ihn als Meister verehren und seinen Lehnwortgebrauch nachahmen. Durch ihn werden daher zahlreiche französische Lehnwörter und Lehnprägungen im Deutschen fester etabliert und bilden Wortfamilien aus; vieles aber geht auch unter, insbesondere seine ad hoc-Bildungen wie die eben beschriebenen. 

Mit diesem sehr verkürzten Blick auf die Entlehnungen aus dem Französischen in das mittelalterliche Deutsch wollte ich zeigen, wie verschieden die Lehnbeziehungen des Deutschen zum Lateinischen und zum Französischen waren. Die Lehnbeziehungen zum Lateinischen der zweiten und dritten Welle waren getragen von Buchgelehrten und in beiden Sprachen in der Regel hochkompetenten Klerikern, die zum Französischen wurzeln dagegen im mündlichen Austausch; in diesem wird der modische Jargon der Ritterkultur gepflegt und auf vielfältige Weise von den Dichtern aufgegriffen, Lehnwörter und Lehnprägungen lösen nicht mehr einander ab, sondern in allen Bereichen der Lehnbeziehungen sind die mittelhochdeutschen Dichter produktiv. 

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——— (1993). Frauenmystik Und Franziskanische Mystik Der Frühzeit. Geschichte der abendländischen Mystik 2. München: C.H. Beck.

——— (1996). Die Mystik Des Predigerordens Und Ihre Grundlegung Durch Die Hochscholastik. Geschichte der abendländischen Mystik 3. München: C.H. Beck.

Splett, J. (2000). “Lexikologie Und Lexikographie Des Althochdeutschen.” In Sprachgeschichte. Ein Handbuch Zur Geschichte Der Deutschen Sprache Und Ihrer Erforschung, edited by W. Besch, A. Betten, O. Reichmann, and S. Sonderegger, 1196–1206. Handbücher Zur Sprach- Und Kommunikationswissenschaft 2. Berlin: De Gruyter.

Steer, G. (1970). “Germanistische Scholastikforschung. Ein Bericht. Teil 1.” Theologie Und Philosophie 45: 204–26.

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——— (1973). “Germanistische Scholastikforschung. Ein Bericht. Teil 3.” Theologie Und Philosophie 48: 65–106.

Störmer-Caysa, U. (1998). Gewissen Und Buch. Über Den Weg Eines Begriffes in Die Deutsche Literatur Des Mittelalters. Quellen Und Forschungen Zur Literatur- Und Kulturgeschichte 14. Berlin: De Gruyter.

Suolahti, H. (1929). Der Französische Einfluß Auf Die Deutsche Sprache Im Dreizehnten Jahrhundert (Teil 1). Memoires de La Societe Neophilologique de Helsinki 8. Helsinki: Société Néo-philologique.

Walde, A. (1954). Lateinisches Etymologisches Wörterbuch. Vol. 2 vols. Heidelberg: Carl Winter.

Wießner, E., and H. Burger (1974). “Die Höfische Blütezeit.” In Deutsche Wortgeschichte, edited by F. Maurer and H. Rupp, 3. neubearb. Aufl. Band I, 189–253. Berlin: De Gruyter.

 

Fußnoten

[1]

Betz (1949).

[2]

Betz (1974, 137).

[3]

Oksaar (2004, 3166).

[4]

Vgl. Lindqvist (1936, 39–41).

[5]

*Bewußtsein, als *Mitwissen zusammen mit anderen, ein aus σύν-οιδα *mitwissen abgeleitetes Substantiv; got. miþ-wiss-ei Fem. ist eine Lehnübersetzung von συν-είδη-σις.

[6]

Über die Wortgeschichte von Gewissen vgl. Störmer-Caysa (1998, 8ff).

[7]

βαπτίξειν, *wiederholt ein-, untertauchen, eine Erweiterung von griech. βάπτειν *untertauchen.

[8]

Abgeleitet davon βαπτισμός und βάπτισμα *Taufe, βαπτιστής *Täufer (der Beiname des Johannes), die als Lehnwörter baptismus und baptista ins Lateinische übernommen werden.

[9]

Pfeifer (1989 [1813]).

[10]

Frings (1957, 1966); Müller und Frings (1968).

[11]

Frings (1957, 25 und Karte 21).

[12]

Frings (1966, 66–80).

[13]

Vgl. Frings (1957, 109); Müller und Frings (1968, 101–103).

[14]

Müller und Frings (1968, 463–466).

[15]

Zur Verteilung der Wörter für Dachboden in den heutigen Umgangssprachen des Deutschen vgl. Eichhoff (1977, 26f. und Karte 24).

[16]

Zur Datierung der Zweiten oder Althochdeutschen Lautverschiebung vgl. Braune (2004, §§ 83ff., 82ff).

[17]

Der got. Beleg in der Übersetzung von θυρίς *Fenster(öffnung), 2. Korinther 11,33.

[18]

Die Form eaȝduru nach Feist (1908, 35a). Im OED3 (online) ist diese Form nicht nachgewiesen, sondern nur die Form eagh-þyrl (ca. 890) *an eye-hole, a window s. v. eyethurl.

[19]

Ahd. augatora im *Vocabularius S. Galli, Ende 8. Jh. (St. Gallen, Cod. 913, S. 183), einem Sachglossar, das unter den Bezeichnungen für die einzelnen Teile des Steinhauses die heimischen Wörter überliefert.

[20]

Die alte Bedeutung von rîȥan ist noch in Riß, Grundriß, Aufriß, Reißbrett erhalten.

[21]

Betz (1974, 161).

[22]

Betz (1974, 146, 150).

[23]

Vgl. Leisi (1969, 58) zu den *hard words im Englischen.

[24]

Vgl. Lindqvist (1936, 21f.).

[25]

von der Hagen (1808, V. 3568).

[26]

Daab (1959). Die althochdeutsche Übersetzung der Regula Benedicti, enstanden Anfang des 9. Jh. in St. Gallen, ist eine Interlinearversion, eine Form-für-Form Übersetzung des lat. Textes. Die Lehnprägungen spielen dabei eine zentrale Rolle.

[27]

Schätzungen bei Splett (2000, 1196f).

[28]

Vgl. Lindqvist (1936, 11).

[29]

surgo aus *subs-rego, vgl. Walde (1954, 635).

[30]

Für die aktuelle Zusammenstellung der althochdeutschen Belege danke ich Brigitte Bulitta von der Akademie-Arbeitsstelle des Althochdeutschen Wörterbuchs in Leipzig.

[31]

Vgl. Grimm und Grimm (2007, 468–470).

[32]

Lindqvist (1936, 127f.).

[33]

Die im Folgenden genannten Beispiele aus den Dichtungen Wolframs von Eschenbach und Gottfrieds von Straßburg sind alle mit Belegstellen nachgewiesen in den mittelhochdeutschen Wörterbüchern von Lexer und Benecke/Müller/Zarncke, die auf CD und im Netz zugänglich sind, s. Burch, Fournier und Gärtner (2002) und http://woerterbuchnetz.de, (27 April 2017).

[34]

Marold und Schröder (1969 [1906], V. 4636–39).

[35]

Vgl. Wiesner und Burger (1974, 226).

[36]

Die Deutung der Stelle ist umstritten, ist aber wohl nicht wörtlich aufzufassen. Wolfram hat kaum am Schreibtisch gedichtet, aber verfügte über ein detailliertes Fachwissen, das ihm nur durch lateinische Quellen vermittelt sein konnte. Verglichen wird in der Forschung eine Parallele aus dem Psalm 70,15 non cognovi litteraturam; litteratura kann sowohl die Schrift als auch metonymisch das in der Schrift niedergelegte und durch die Schrift vermittelte Wissen über die Regeln der Rhetorik und Poetik bedeuten, von dem sich Wolfram distanzieren könnte. Vermutlich handelt es sich um eine polemische Übertreibung, die gegen Hartmann von Aue gerichtet ist, der seine Buchgelehrsamkeit nachdrücklich hervorhebt.

[37]

Lachmann (1965 [1833], V. 115, 27–30).

[38]

Paul und Gaertner (2010 [1882], V. 1–4).

[39]

Vgl. den Forschungsbericht von Georg Steer (1970, 1971, 1973); grundlegend Ruh (1956, 78–90, 1986); K. und S. Heusinger (1999).

[40]

Zu Mechthild von Magdeburg und zur franziskanischen Theologie und Mystik vgl. Ruh (1993, 526–540); zu den drei Dominikanern Ruh (1996).

[41]

Ruh (1956, 39f.).

[42]

Ruh (1956, 83).

[43]

Beispiele bei Ruh (1956, 83).

[44]

Ruh (1956, 81).

[45]

Siehe die Beispiele bei Ruh (1956, 90).

[46]

Vgl. die Literaturübersicht bei Öhmann (1974, 323–325).

[47]

Öhmann (1974, 333).

[48]

Vgl. Öhrnann (1970, 337–339).

[49]

Frings und Schieb (1950, 58).

[50]

Wiesner und Burger (1974, 207).

[51]

Öhmann (1918, 151).

[52]

Frings und Schieb (1950, 52 und 58f.)

[53]

Kluge (1925, 282).

[54]

Zur Bedeutung und den altfrz. Formen vgl. Suolahti (1929).

[55]

Die Schilderung des Turniers von Prurin ist das fremdwörterreichste Stück in Hartmanns Werken, es umfasst im *Erec, Leitzmann und Gärtner (2006 [1939], V. 2135–2292) 600 Verse, bei Chrétien, Foerster (1890, V. 2135–2292) dagegen nur gut 150 Verse. Bis auf wenige Ausnahmen sind die knapp 100 Stellen mit frz. Lehnwörtern ohne jedes direkte Vorbild in der Quelle.

[56]

Gärtner (1991, 85–87).

[57]

Öhmann (1974, 337).

[58]

Öhmann (1918, 23, 1974, 345).

[59]

Öhmann (1918, 151).

[60]

Öhmann (1974, 331ff.).

[61]

Pfeifer (1989 [1813]); Öhmann (1974, 331).

[62]

Suohahti (1929, 220, 225).

 

Multilingualism, Lingua Franca and Lingua Sacra

Table of Contents

List of Contributors

Preface
Markham J. Geller, Jens Braarvig

Introduction
Markham J. Geller, Jens Braarvig

Part I: General Reflections

1 Empires and their Languages: Reflections on the History and the Linguistics of Lingua Franca and Lingua Sacra
Reinier Salverda

2 Dependent Languages
Jens Braarvig

Part II: Europe

3 Lehnübersetzung und Lehnbedeutung vs. Lehnwort: Zu den Entlehnungen aus dem Lateinischen und Französischen in das mittelalterliche Deutsch
Kurt Gärtner

4 Konrad of Megenberg: German Terminologies and Expressions as Created on Latin Models
Kathrin Chlench-Priber

5 What Language Does God Speak?
Florentina Badalanova Geller

6 Islamic Mystical Poetry and Alevi Rhapsodes From the Village of Sevar, Bulgaria
Florentina Badalanova Geller

7 Learning Arabic and Learned Bilingualism in Early Modern England: The Case of John Pell
Daniel Andersson

Part III: Ancient Near East

8 Sumerian in the Middle Assyrian Period
Klaus Wagensonner

9 The Concept of the Semitic Root in Akkadian Lexicography
Markham J. Geller

10 Multilingualism in the Elamite Kingdoms and the Achaemenid Empire
Jan Tavernier

11 Diplomatic Multilingualism in the Middle East, Past and Present: Multilingualism, Linguae Francae and the Global History of Religious and Scientific Concepts
Lutz Edzard

12 Some Observations on Multilingualism in Graeco-Roman Egypt
Alexandra von Lieven

Part IV: India and Central Asia

13 Indo-Iranian Sacred Texts and Sacrificial Practices: Structures of Common Heritage (Speech and Performance in the Veda and Avesta, III)
Velizar Sadovski

14 Aspects of Multilingualism in Turfan as Seen in Manichaean Texts
Desmond Durkin-Meisterernst

Part V: China

15 Multilingualism and Lingua Franca in the Ancient Chinese World
William G. Boltz

16 The Imprint of Buddhist Sanskrit on Chinese and Tibetan: Some Lexical Ontologies and Translation Strategies in the Tang Dynasty
Jens Braarvig

17 Classical Chinese as Lingua Franca in East Asia in the First to Second Millennia CE: Focusing on the Linguistic Situation in Traditional Korea
Vladimir Tikhonov

Part VI: The Americas

18 Multilingualism and Lingua Francae of Indigenous Civilizations of America
Lars Kirkhusmo Pharo


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