3 Häuser der Zeit von 1090 bis 1136

 

3.1 Auswahl der Untersuchungsobjekte

Die hier vorgestellten Häuser aus der Zeit vor 1150 bilden als Untersuchungsobjekte den Kern der Abhandlung. Die Erkundung ihrer Substanz eröffnet ein neues Forschungsfeld. Die Datierung vor 1150 ist ein wichtiges Ergebnis, zugleich aber auch ein knapp und präzise zu formulierendes gemeinsames Merkmal dieser Objekte, und deshalb von vornherein gruppenunterscheidend eingeführt. Dadurch wird auch deutlich, dass die Stadthäuser, zu denen bisher veröffentlicht wurde, vorliegend sämtlich als Vertreter der Gruppe nach 1150 behandelt sind. Sie überspannen nicht das gesamte 12. Jahrhundert, wie es die Forschung seit über zwei Jahrzehnten vermutete. 

Seit 1986 werden sämtliche Häuser der Altstadt von Cluny durch ein amtliches Inventar erfasst, das der Vorbereitung eines Secteur sauvegardé dient. Dieses Inventar wird vom Centre dʼétudes clunisiennes durch Fotografien, Beschreibungen und gegebenenfalls Bauaufnahmen aller zugänglichen, baugeschichtlich interessanten Mauerteile und Bauskulpturen des cluniazensischen Zivilbaus vom 12. bis zum 15. Jh. ergänzt. Auf dieser Basis, sowie durch persönliche Inaugenscheinnahme während der Inventarisierung bzw. bei Hausumbauten, erfolgte die Auswahl der bis dahin in ihrer Bedeutung und Gestalt unbekannten Objekte aus der Zeit vor 1150. 

Die Auswahl erfolgte nach stilistischen, typologischen und konstruktiven Kriterien, die aber keineswegs an jedem Bau von Beginn an in vollem Umfang erkennbar waren. Es sind Einzelheiten, die einige Häuser vom Gros der romanischen Bauten in Cluny unterschieden und eine besonders frühe Zeitstellung vermuten ließen. In einem Fall wurde eine durch Baufugen getrennte, höher anzusiedelnde Phase innerhalb eines spätromanischen Kontexts entdeckt. Die zur Auswahl führenden Beobachtungen sind individueller Art. Sie sind nicht von der jeweiligen Baubeschreibung im Hauptteil der Abhandlung zu trennen, oft hinterfragen sie zentrale Ergebnisse der vorhandenen Literatur. Aus diesem Grund ist die individuelle Begründung der Objektwahl Teil der Einleitung der jeweiligen Baubeschreibung, desgleichen die detaillierte Anführung existierender Arbeiten anderer Autoren, die die Häuser behandeln oder wenigstens berühren. 

 

3.2 Haus 20, rue du Merle
‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1090/91 (d)

Rechteckiger Saalgeschossbau 

Pl. 9.79.20 

Stadtübersicht Pl. 9.1: B 

Zeittafel S. 342351: 10 

3.1 Cluny, Haus 20, rue du Merle.
Straßenfassade von 1596 (d). 

3.2.1 Vorbemerkungen

Der romanische Kernbau des Hauses 20, rue du Merle (Renaissance-Straßenfassade siehe Abb. 3.1) ist das bisher älteste präzise datierte mittelalterliche Stadthaus Frankreichs. Seine Erkundung, die exemplarisch den Übergang von der präurbanen zur städtischen Siedlungstextur beschreibt, ist Ergebnis der vorliegenden Studie. Die typologisch vom Schema des straßenfassenden Reihenhauses abweichenden Hausfragmente sind in ihrer besonderen Aussage bislang nicht zur Kenntnis gekommen. 1997 hat Pierre Garrigou Grandchamp, in Anlehnung an Ergebnisse der vorliegenden, 1994 begonnenen Untersuchung, auf Baumaterial, Öffnungsformen sowie Werkstein– und Konstruktionsmerkmale hingewiesen, die dieses Haus gegenüber den „klassischen“ romanischen Häusern am Ort als älter erscheinen ließen.1 Ein erster kurzer Vorbericht 1997, ein Grabungsbericht 1998, die dendrochronologische Datierung 1999, ein Zwischenbericht 2001 und die Aufnahme des Hauses als Referenz für die Bauforschung 2002 illustrieren die Annäherung an die diffizile Bausubstanz sowie deren Bedeutsamkeit.2 

Im Vorwort und in Kapitel 1 wurde auf die innerhalb Deutschlands vergleichslosen Baufragmente der Stadtgründung um 1091 in Freiburg i. Br. hingewiesen, für die der Blick nach Frankreich zu Interpretationssicherheit verhelfen sollte. Das Haus 20, rue du Merle gibt als Einzelhaus mit Vorhof eine positive Bestätigung zentraler Ergebnisse der dortigen Stadtkernforschung, an denen der Bearbeiter mitwirkte. Der baugeschichtlichen Erfassung des Hauses wird vorliegend mit einer umfassenden, steingerechten und verformungsgetreuen Baudokumentation gedient. Sie führt nicht nur zu zahlreichen neuen Detailkenntnissen, sondern gibt der Typologie des hochmittelalterlichen Stadthauses und der Erkundung der Stadtentstehung in der Zeit um 1100 ein neues Fundament. Im Plananhang (Pl. 9.79.20) ist die zugängliche Substanz der Bauzeit erschöpfend erfasst und rekonstruktiv ergänzt. Die Planung und Bemessung des Hauses ist auf einem eigenen Blatt rekonstruiert. Der Straßenquerschnitt mit den Häusern 20 und 9, rue du Merle illustriert die Entwicklung des gereihten Stadthaustypus. 

3.2.2 Ausgangssituation und Ziel der Untersuchung

3.2 Haus 20, rue du Merle.
Fassade des Kernbaus von 1091 kurz nach Beginn der Intervention (1996). 

In das Planwerk des Inventars des Centre dʼétudes clunisiennes fand auch die Architektenaufnahme von Haus und Parzelle 20, rue du Merle Eingang, die der Eigentümer nach dem Kauf des Hauses 1979 bis 1985 im Maßstab 1:50 bzw. 1:100 anfertigte. Die Aufnahme umfasst Grundrisse von Erd– und Obergeschoss mit dazugehörigen Deckenspiegeln, Fassadenansicht und Längsschnitt. Baufugen und eine Phasenanalyse enthält die Darstellung nicht. Die Rundbogenöffnung („Arcade“) in der fassadenparallelen Querteilung des Erdgeschosses (Abb. 3.2) führte zu deren Datierung in romanische Zeit. Diese Wand wurde als typische Quermauer (mur de refend) der Hausgrundrisse des 12. Jahrhunderts angesehen; die dazugehörige Straßenfassade wurde als abgängig interpretiert. Die heutige Fassade und die Obergeschosse wurden im wesentlichen als Ergebnis von Um– und Ausbauten des 17. und 18. Jh. angesehen. 

Die gezielte Befragung des Hausinventars des Centre d’études clunisiennes nach Rundbogenöffnungen, –gewölben oder –arkaden, wie sie noch in den älteren Teilen der Abtei Cluny III auftreten und auch ältere Profanbauten kenntlich machen könnten,3 führte zur gemeinsamen Begehung des Hauses 20, rue du Merle im Mai 1994. Es wurde beobachtet, dass die genannte Quermauer ungewöhnliche 0.80 m Stärke besitzt, dazu ein doppelflügliges Tor mit Halbkreisbogen und hölzernem Innenleibungssturz. Eine romanische Fassade an der Straßenlinie existierte nicht. Die Mauer mit dem Tor gab die Anmutung einer Außenwand. Der dahinter liegende Kernraum des Erdgeschosses war von zwei schmalen seitlichen Räumen flankiert. Diese in Cluny anderweitig nicht beobachtete Anordnung setzte sich im Grundriss der Obergeschosse fort. Die Beobachtungen waren nicht mit der bisherigen Zuordnung zum „klassischen“ zweiräumigen Reihenhaus vereinbar, dessen Querteilung im Erdgeschoß auf ganzer Breite der Parzelle von einer weiten Spitzbogenarkade ohne Torflügelanschlag durchbrochen ist. Die im Bauverbund des Hauses 20, rue du Merle verbackenen mittelalterlichen Elemente nahmen in stilistischer, konstruktiver und typologischer Hinsicht eine Sonderstellung unter den romanischen Häusern in Cluny ein. 

Die Rundbogenpforte, deren Fuß im Boden lag und nicht sichtbar war, und Teile des Mauerwerks konnten als hochmittelalterlich eingestuft werden. Aus der Raumaufteilung war vorläufig der Eindruck eines einräumigen Kernhauses mit Seitenpassage zu gewinnen.4 Das doppelflüglige Tor in sechs Meter Entfernung von der Straße ließ erwarten, dass das romanische Haus zurückgesetzt lag. Auch zu den heutigen seitlichen Parzellengrenzen hatte es keinen Kontakt. Die Besonderheiten, die sowohl den Haustyp wie auch die Bauausführung vom bekannten Interpretationsmuster unterschieden und auf einen älteren Phänotyp des Stadthauses hinwiesen, waren der Anlass der vollständigen Dokumentation und Analyse der Fragmente des Erstzustandes, mit dem Ziel, die Gestalt des Ausgangsbaus weitgehend und verbindlich zu klären. Zu Beginn gab es für Niveaubezug, Umriss und Kubatur des Hauses von 1091 noch keinerlei gesicherte Anhaltspunkte. Eine Rettungsgrabung 1996/97 gab erstmals Aufschlüsse über die Stratigraphie des Médasson-Talbodens und die Fundamentierung eines romanischen Hauses in Cluny. Die Grabung und Untersuchung der Hausteile von 1091 wurden in verformungsgetreuem, steingerechten Aufmaß im Maßstab 1:20 dokumentiert. 

Die jüngeren Hausteile sind innerhalb der Beschreibung berücksichtigt, soweit ihre Feinanalyse zur Erklärung des Kernbaus und der weiteren exemplarischen Entwicklungsschritte des Hauses beiträgt. Als Orientierungshilfe ist der Befundbeschreibung des Kernbaus ein einleitender Überblick vorangestellt, der neben der Behandlung siedlungsgeschichtlicher Details auch auf die nachromanischen Strukturen eingeht. Eine periodisierte Darstellung der Hausentwicklung ist Teil des Untersuchungsergebnisses. Baugeschichtliche Beachtung verdient dabei auch die Renaissancefassade von 1596. 

3.2.3 Bauhistorischer und –archäologischer Überblick

a. Lage (Pl. 9.1)

Das Haus liegt an der mit 900 m Länge längsten durchgehenden Straße innerhalb der Mauern Clunys. Das mittlere Drittel dieser ehemals torbesetzten Ost-West-Verbindung flankiert als Hauptgeschäftsstraße die Südmauer der Abtei und folgt der westlichen Hangkante des Tals der Grosne. Das obere Viertel der Straße wird Rue du Merle genannt. Diese folgt dem kleinen Seitental des Médasson. Das Haus liegt an einer Straßenbiegung, kurz bevor die Straße in Richtung Montceau-les-Mines und Autun nach Westen ansteigt und aus Cluny hinausführt. Die Rue du Merle wurde bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Teil der Römerstraße von Belleville-sur-Saône nach Autun angesehen.5 Im Plan dʼalignement (Ende 18. Jahrhundert)6 ist die Straße Teil der „Route Royale Nº 80 de Chatillon sur Seine à Mâcon“, der Hauptstraße Clunys. Vom Stadtzentrum her begleitet sie den Bach Médasson (bis zum 19. Jahrhundert „Merdasson“)7 in topographischer Entsprechung talaufwärts bis etwa zum Haus 20, rue du Merle. Etwa 20 Meter weiter verlässt die Straße den Talgrund und steigt langsam zur Passhöhe oberhalb Lournand hin an. Nach Auswertung der Befundkarte mittelalterlicher Häuser Clunys8 wurde das Haus wahrscheinlich am Eingang des Orts gebaut; erst an der Wende zum 13. Jahrhundert dürfte die Stadt bis zur Porte du Merle ausgedehnt gewesen sein. Die Entfernung zur Abteimauer beträgt nach der Luftlinie etwa 100 m, der Weg bis zum Haupttor um 190 m. An der Stelle des Hauses erreicht ein steingefasster kleiner Quellbach vom Hügel bei Saint-Mayeul den Talgrund des Médasson. Er fließt seitlich am Haus vorbei und mündet an der Straße in den Médasson. Das Haus war mit Brauchwasserzufuhr und einem Entwässerungskanal an das Kanalsystem des Orts angeschlossen. 

b. Parzelle

Die Breite der Parzelle von fast zwölf Meter ist auffallend. Sie war es schon im Kataster von 1693, der die Baugestalt von 1596 (d) mit der heutigen Fassade darstellt.9 Möglicherweise geht die überdurchschnittliche Größe auf eine besonderen Bedeutung des Hauses zurück, die bereits der steinerne Kernbau widerspiegelt. Zwar kann die bauzeitliche Parzellierung auch archäologisch nicht mehr exakt nachgewiesen werden, doch beträgt allein die Breite des Kernbaus mit seitlicher Kanalgasse um 9.50 m und ist damit überdurchschnittlich, verglichen mit den Reihenhausparzellen des 12. Jahrhunderts. 

Das Haus steht am Südhang und ist an der Rückwand bis zur Oberkante des Erdgeschosses eingetieft. Hinter dem Haus liegt ein großer Garten. Die heutige L-förmige Parzelle ist das Resultat der Zusammenlegung des Hausgrundstücks mit einem Gartengrundstück im Quartiersinnenbereich, für das schon der „Terrier Bollo“ denselben Eigentümer wie für das Haus dokumentiert (Abb. 3.3). Das Gartengrundstück lag früher jenseits einer heute aufgegebenen Stichgasse. Im Terrier reicht diese Stichgasse, genannt „Ruet(te) du Four“, bis hinter das Nachbarhaus 20bis, rue du Merle. Möglicherweise steht ihre Anlage im Zusammenhang mit der rückseitigen Erschließung des Hauses von 1091 oder mit dem heute unterirdischen Kanal zwischen Rue dʼAvril und Rue du Merle. Der Kanal verläuft schon seit der Bauzeit des Hauses entlang der Westgrenze der Parzelle. Seiner Richtung folgen auch die Grenzen der westlich des Hauses gelegenen Parzellen, während die Grenzen der östlich anschließenden Parzellen parallel zu den Längsteilungen im Haus und dessen Ostgrenze liegen. 

3.3 „Terrier Bollo“, Fassung letztes Viertel 18. Jh.
Markierte Parzellen: Cluny, Häuser 20 und 14, rue du Merle (unten links bzw. rechts) und Haus 15, rue dʼAvril (oben links).
Cluny, Musée dʼart et dʼarchéologie.
Ausschnitt und Markierung: Verfasser. 

c. Dendrochronologische Datierung

(Die datierten Hölzer sind auf Pl. 9.7, 9.8, 9.12 und 9.13 gekennzeichnet).10 Den Kernbau datierende Proben sind kursiv hervorgehoben. 

Erdgeschoss, Kernbau, 5. Deckenbalken von Süden: Winter 1090/91 

Erdgeschoss, Kernbau, 3. und 9. Deckenbalken von Süden: um 1090 

Erdgeschoss, Kernbau, zwei Deckenbalken (wiederverw. als Unterzug): um 1090 

Erdgeschoss, Kernbau, Sturz des Rundbogentors: um 1090 

Erdgeschoss, Vorraum, Unterzug: Winter 1356/57 

Erdgeschoss, Vorraum, Deckenbalken: Winter 1445/46 

Erdgeschoss, Vorraum, Deckenbalken: um 1459 

Erdgeschoss, Vorraum, Deckenbalken: Winter 1459/60 

Erdgeschoss, Vorraum, Deckenbalken: Winter 1512/13 

Erdgeschoss, Kanalraum, 7 Deckenbalken: um 1733 

Erdgeschoss, Kanalraum, Deckenbalken: Winter 1733/34 

Dach, Ostteil der Fassade, zwei angeschuhte Überstände: Winter 1595/96 

Dach, Ostteil der Fassade, angeschuhter Überstand: um 1515 

Dach, Westteil der Fassade, angeschuhter Überstand: Winter 1595/96 

Dach, Westteil der Fassade, angeschuhter Überstand: um 1595 

d. Äußere Erscheinung

Die äußere Erscheinung des Hauses gibt keine Hinweise auf das hohe Alter des Anwesens. Sämtliche Zeugnisse des Hochmittelalters sind als Fragmente im Hauskörper verborgen. Das an der Nordseite der Rue du Merle gereihte, traufständige Steinhaus mit drei Geschossen (Erdgeschoss, Wohngeschoss und Dachgeschoss mit Kniestock) ist in den Südhang eingeschnitten. Die Straßenfassade ist 11.40 m breit und 8.80 m hoch. Das Wohngeschoss liegt zum rückwärtigen Garten hin ebenerdig. Die Gartenseite ist 14 m breit. Das Haus trägt ein Satteldach, dessen First 12.50 m über dem Boden und in ca. 6 m Entfernung von der Straße liegt. Der straßenseitige Schenkel ist um 27 Grad, der längere, gartenseitige um 23 Grad geneigt. Die ursprüngliche Mönch-und-Nonne-Deckung wird seit Restaurierungsbeginn 1979 mit alten Dachziegeln wiederhergestellt. Der lange Dachüberstand ist ebenfalls Ergebnis dieser Restaurierung. Im Dachraum noch vorhandene, um 1800 abgesägte angeschuhte Dachüberstände dienten dafür als Modell. Sie datieren mit Fälldatum Winter 1595/96 den letzten großen Umbau des Hauses, der den Hauskörper veränderte. 

Die Fassade zeigt den Zustand nach dem Umbau um 1596. Sie ist, bis auf maßvolle Veränderungen an den Fenstern des Wohngeschosses, vollständig erhalten und in dieser Form in Cluny einzigartig. Ein Wechsel von Rundbogenpforten und korbbogigen Ladenarkaden gliedert in dreifacher Wiederholung die gesamte Breite des Erdgeschosses der Fassade. Die unregelmäßig verteilten hohen Rechteckfenster des Obergeschosses stehen auf einem durchlaufenden profilierten Brüstungsgesims; eines der Fenster wurde im 18. Jahrhundert zum Türfenster verlängert und mit einem kleinen Balkon versehen. Vier kleinere Rechtecköffnungen gehören zum Kniestock des Dachraums, der mittig eine größere Ladeluke mit Seilwinde besitzt. Alle Öffnungen sind mit gelblichem Kalkstein (Mikrit) eingefasst, der mit dem Zahneisen geflächt wurde. Die Restaurierung seit 1979 versah die Fassade mit einem hell ockerfarbenen Glattputz. Mit 11.40 m Breite und 8.80 m Höhe erscheint die Fassade als liegendes Rechteck. Mittelalterliche Fassaden sind in Cluny häufig etwa halb so breit. So setzt sich diese liegend proportionierte Renaissancefassade deutlich im Bestand ab. Dennoch bleibt sie von Elementen mittelalterlicher Fassadengliederung geprägt. Die Kombination aus Tür und Arkade wie auch das darüber liegende, durchlaufende Brüstungsgesims mit daraufgestellten Fenstern, findet sich schon an Bauten des 12. Jahrhunderts. Fensterachsen über mehrere Geschosse und eine plastische Durchformung, wie sie an Bauten der Renaissance häufig beobachtet werden, fehlen. Auch darin rückt der Bau in die Nähe seiner mittelalterlichen Nachbarn. Wie sich bei der Renovierung zeigte, unterscheidet sich das Baumaterial der Mauerschalen des rechten (östlichen) Drittels vom Rest der Fassade. Nur hier, östlich einer senkrechten Naht rechts vom mittleren Korbbogen, sind wiederverwendete Bruch– und Werksteine der Romanik zu finden, und zwar flächig verteilt. Die stilistisch, geometrisch und programmatisch einheitliche Fassade ist in zwei Bauetappen entstanden. Die dendrochronologische Datierung der Dachüberstände über beiden Fassadenteilen ergab dann wiederum ein einheitliches Fälldatum im Winter 1595/96. 

Im Obergeschoss, dem Hauptgeschoss, hat die klassizistische Rückwand des Hauses drei Türfenster die auf eine zwei Meter schmale, nach 2000 verbreiterte Terrasse führen. Der rückwärtige Garten beginnt etwa 1.20 m über der Terrasse jenseits einer Abmauerung und steigt in weiteren, flachen Terrassen an. Das Gelände ist hoch aufgefüllt worden. Die Hausrückwand ist neben den Türfenstern mit drei hohen und einem kleineren Brüstungsfenster ausgestattet. Sie wird von einem Kniestock bekrönt. 

e. Erdgeschoss, Übersicht (Pl. 9.7)

Der Hauskörper ist insgesamt um 16 m tief. Er erweitert sich durch die Verschwenkung der westlichen Grenzwand von 11.40 m Breite in der Fassade auf 14 m Breite auf der Rückseite. Die Fassade der Renaissancezeit (1596) steht auf einer geraden Linie. Rückwand und Grenzwände des Hauskörpers enthalten winklige Verziehungen, die durch Ansetzen und Neuausrichten von Wänden während verschiedener Bauphasen bedingt sind. Die Westtür der Fassade öffnet sich zur Treppe zum 1. OG hin, die die westliche Grenzwand im Vorderhaus begleitet und in der aktuellen Konstruktion aus dem 19. bis 20. Jahrhundert stammt. Die Grenzwand begleitet in ihrer Gesamtrichtung den in der Parzellenbeschreibung erwähnten, in den romanischen Bau integrierten Entwässerungskanal. 

Zwischen der neuzeitlichen Straßenfassade und der Fassade des Kernbaus mit dem Rundbogentor erstreckt sich der Bereich des ehemaligen Vorhofs, der bodenarchäologisch erkundet wurde. Der Fußboden, der zu Untersuchungsbeginn die Räume stufenlos verband, lag in früheren Phasen des Hauses tiefer. Die Höhenentwicklung erfolgte zwar nicht überall gleich, doch übersteigt die Summe der anthropogenen Schichten nirgends im Haus einen Meter. In erster Linie kompensierten die ins Haus eingebrachten Kulturschichten den sukzessiven Anstieg des Straßenniveaus und hoben nach und nach die geneigte Grundfläche vor dem romanischen Haus in die Horizontale, die mit dem Umbau 1596 erreicht wurde. Der weitere Straßenanstieg um gut eine Stufenhöhe wurde im Hausinneren nicht mehr übernommen, so dass man heute über eine Stufe ins Erdgeschoss hinabtritt. Der heutige Fußboden steigt von der romanischen Fassade bis zur Rückwand um 0.10–0.15 m, in der Kanalgasse um 0.55 m an. Alle Räume haben Holzbalkendecken, die über die Raumbreite gespannt sind. Aus dem Grundrissbild fällt die geschlossene Rechteckform des zentralen und größten Raumes, des romanischen Kernbaus, heraus. Der Raum lehnt sich mit seiner kürzeren Seite an die Rückwand an. Die anderen vier Räume des Erdgeschosses sind um den zentralen Raum herum angeordnet. Mittig in der Fassade (Südwand) des Kernbaus steht das bauzeitliche Rundbogentor. Diese Mauer ist zusammen mit der westlichen Längsmauer des Hauses von 1091 zu größten Teilen erhalten. Rückwand (Nordwand) und Ostwand sind fast vollkommen ersetzt. Der Verband aller vier Innenecken des Kernbaus wurde bauarchäologisch nachgewiesen. Rückwand und Ostwand des Kernbaus waren ursprünglich im unteren Teil nur einschalige, gegen das Erdreich gebaute Mauern. Die Rückwand des Kanalraums, in den unteren Lagen Hangabmauerung, steht im Bauzusammenhang mit dem Kernbau. Die gemeinsame ursprüngliche Rückwand von Kernbau und Kanalraum stand auf einer Linie. Durch den Erddruck des Hangs ist die Rückwand des Kernbaus vollständig eingebrochen, diejenige des Kanalraums stark verformt und nur in den unteren Lagen erhalten. Die Reparaturen zeigen im Grundriss erneut das Verformungsbild einer Durchbiegung. Teile der Grenzwand zum westlichen Nachbarn 20bis, rue du Merle stammen aus dem Spätmittelalter 

Die Erdgeschossräume des östlichen Hausteils entstanden mit dem renaissancezeitlichen Umbau, der hier den Hang auf das heutige Niveau abgrub und an den Rest des Hauses anglich. Die Längsmauer dieses Umbaus, mit heute sieben über die Geschosse verteilten Türen, teilt das gesamte östliche Drittel des heutigen Hauses ab. Sie ersetzte die ehemalige Ostwand des Kernbaus und verlängerte deren Verlauf bis an die Straße. Die sehr konstante lichte Raumbreite des Ostteils von 3.50 m an der Rückwand bis 3.75  m an der Straße spiegelt möglicherweise die Breite einer spätmittelalterlichen Riemenparzelle wider. 

f. Obergeschosse, Übersicht

Im 1. OG, das als Wohngeschoss vom Stil des 18. Jahrhunderts geprägt ist, setzt sich die Kernbaufront als Quermauer fort. Diese fehlt im Dach, doch ist der First des heutigen Hauses noch über derselben Linie angeordnet. Der Dachraum wird über eine steile, angewendelte Holzstiege am Eingang zum 1. OG erschlossen. Die Innenteilung des Hauses nimmt bis zur Dachhaut West– und Ostwand des Kernbaus als Schottenmauern auf. Alle übrigen Raumteilungen sind leichte Trennwände. Abgesehen von einem Pultdach-Gebinde (vgl. Pl. 9.12), sind die Pfetten des heutigen Dachs zwischen den Grenzwänden und innenliegenden Längsmauern gespannt. Bausubstanz von 1091 ist oberhalb des Erdgeschosses bestenfalls fragmentarisch in der Süd– oder der Westmauer des Kernbaus erhalten. Ein im Spätmittelalter aufgesetztes, erstes traufständiges Dach (Pl. 9.12, 9.13 und 9.14) kam mit der Firstlinie über der Fassade des alten Kernbaus zu liegen. Es zeigt sich auch im Profil der Grenzwand zum westlichen Nachbarhaus 20bis, rue du Merle und überdeckte bereits den Kanalraum. 1596 wurde das Dach in gleicher Form gut zwei Meter höher liegend erneuert. 

g. Phasenspiegel der Mörtel und Wandputze

(Pl. 9.10, 9.13 und Pl. 9.14 mit Legendennummern LN 1–7) 

Erdgeschoss 

1. Bauzeit um 1091 (d): Erhalt bis OK Erdgeschoss 

1.1 Mörtel: dunkler Lehmmörtel, rundkörnige Zuschläge, einzelne Kalkspatzen 

1.2 Putz: pietra-rasa, feinkörniger Fugenstrich, keine stilatura, gebräunt 

2. Deckender rauer Aufputz, gebräunt, evtl. zeitgleich mit 7.2 

3. Dicker glatter Kalkputz mit Schlämme, wahrscheinlich zeitgleich mit 8.2 

4. Türdurchbruch neuzeitlich, beige-hellgrauer Mörtel. Erneuerung der Deckenbalken im Westraum (Kanalgasse) um 1733/34 (d) 

5. Vermauerung des Türdurchbruchs, beige-hellgrauer Kalkmörtel 

Obergeschosse (nur Westwand Kernbau) 

6. Renovierung, vielleicht Neuerrichtung der Mauer im 1. OG 

6.1 hellgrauer Kalkmörtel, feine bis grobkörnige Sandzuschläge. An Sondagestellen kein romanischer Lehmmörtel mehr zu finden 

7. Traufständiger Umbau (spätmittelalterlicher Seitengiebel) 

7.1 Erdmörtel, fast reiner Lehm, breite Fugen mit Ziegelfragmenten; Einbau der Geschossdecke über 1. OG Westraum (Kanalgasse) mit in die Wand längs eingelassenem Streichbalken. Mörtelvorkommen auch: Grenzwand zu Haus 20 bis in EG und Dach; Versäuberung des Durchbruchs der Lichtnische von 1091 in der Kernhausfront 

7.2 Rauher Kalkmörtel-Fugenputz (insular auf 6.1 und 7.1) 

8. Jüngste Aufhöhung des Hauses um 1596 (d) 

8.1 Aufmauerung mit hellgrauem Kalkmörtel 

8.2 Versäuberung mit dickem feinkörniger Kalkputz 

LN 1, teils mit feinen Tierhaaren, Oberfläche glatt, weiß geschlämmt 

9. Weitere Umbau– und Ausstattungsphasen 

(Pl. 9.14, LN 2–7) 

9.1 Einbau eines Türstocks aus dem 16. Jh. in der Wandmitte. Grobkörnige Versäuberung LN 2. Putzmasse dunkelbeige. Bemalung des Türstocks mit profiliertem Rahmen (Rotocker, Gelbocker, Schwarz). 

Warmfarbige oder leicht gebräunte Kalkschlämme der Raumwände. Wahrscheinlich rotes, deckenbegleitendes Band (Farbreste an Konsole, Spritzer auf der Schlämme LN 1. Wohl zeitgleich Einbau einer Zwischendecke über dem 2. OG, dort Raumputz LN 2b. Zeitschätzung: 17. Jh. 

9.2 Ausbruch des Türstocks und Versetzung in die NO-Ecke des Raums (Plandarstellung: links). Vielleicht Wandnische belassen, da um 1800 erneut Durchgang an dieser Stelle. Einbau eines einfachen Kamins im 2. OG; stützende Streben im 1. OG zur Schaffung eines feuerfesten Kaminbodens. Versäubernder Putz LN 3, hellgrau, grob, rundkörnig. Weiße Schlämme, darauf grau pigmentierte Fassung, auch an Türstock (1. OG) und Kaminrahmen (2. OG). Zeitschätzung: Anf. 18. Jh. 

9.3 Erneuerung der Zwischendecke EG / 1. OG. Dendrodatierung Herbst/Winter 1733/34 

9.4 Abschlagen des Kaminfußes und Anhebung der Decke des 1. OG in heutige Höhe. Versäuberung mit weißem, rauen Kalkputz LN 4 in zwei Schichten. Kaminwange (Fragment in situ) dient als Konsole für Streichbalken. Versäuberung mit hellgrauem Gips. Zeitschätzung: Ende 18. Jh. 

9.5 Erneut Durchgang in der Raummitte. Neuer, höher liegender Holzsturz, spätklassizistischer Holzrahmen. 

Versäuberung mit weißem, rauem Kalkputz LN 5. Spätestens jetzt Aufgabe einer Kaminstelle an der Gegenwand. Zeitschätzung: Anf. 19. Jh. 

9.6 Dicker, ebener Gipsauftrag LN 6. Abfolge der modernen Farbfassungen: ockerbraun, grau (darauf Elektrik), grün (Rahmen des Einbauschranks sowie Nordwand), gelb, beige. 

9.7 Beginnende erneute Renovierung des 21. Jh.s (LN 7). 

3.2.4 Bauarchäologischer Befund des Rechteckhauses von 1091

a. Erdgeschoss (Pl. 9.79.20)

3.4 Haus 20, rue du Merle.
Fassade des Kernbaus von 1090/91 (d) nach Rückführung des umgebenden Niveaus. 

Fassade mit Rundbogentor (Pl. 9.89.11). Die Querwand mit dem Rundbogentor ist die baugeschichtlich komplexeste Wand des Erdgeschosses (Abb. 3.4). Alle in situ erhaltenen Fragmente der Kernhausfassade von 1091 sind in Pl. 9.8 und 9.10 enthalten. Neben dem vollständigen Rundbogentor sind es Teile der Mauerschale und das einlagige Fundament. Die Mauerschale, soweit erhalten, ist als Steinplan dokumentiert. Ihr erdmörtelgebundenes Lagenmauerwerk reicht bis knapp unterhalb des Bogenscheitels. Darüber ist die Schale durch sekundäres, kalkmörtelgebundenes, weniger dichtes Mauerwerk mit vereinzelten Backsteinen ersetzt. Im Mauerprofil zeigt die Nahtstelle einen Knick, der die nach außen gekippte romanische Mauerschale in die Lotrechte korrigiert. 

Die Außenwand zeigt in Teilen den Putz aus der Zeit des Hausumbaus von 1596. Es ist ein dicker, feinkörniger, weiß geschlämmter Kalkputz. Tür– und Fensteröffnungen sind von in Putzritzung imitiertem, partiell erhaltenem hell ocker ausgefülltem Quaderwerk gerahmt. Die Ritzung ist sehr fein und mit einem spitzen Werkzeug senkrecht in die nasse Schlämme geschnitten. Der Putz wurde an die Radialsteine des romanischen Torbogens angestrichen, so dass deren Fläche nicht bedeckt war. Die Radialfugen der romanischen Bogenstirn wurden von der Ritzung annähernd aufgenommen. Der geritzte Außenkontur verbreitert das romanische Bogenband. In der Ansicht rechts des Rundbogentors, in Höhe des Bogens, hat die Mauer einen nachlässig ausgeführten Durchbruch von etwa 0.32 x 0.55 m. Hier ist die Rückwand einer innenliegenden Lichtnische des Kernbaus nach außen durchgebrochen worden. Links der Pforte ist eine Beckennische in die Wand eingebracht. Diese Nische ist mit einem flachen, spätmittelalterlichen Steinbecken in Wiederverwendung ausgestattet und von einem hoch proportionierten, verzogenen Korbbogen überwölbt. Das Becken ist nicht vor dem Umbau von 1596 eingebaut worden, denn der Beckenabfluss durchbricht die Mauerschale in Höhe des archäologisch ermittelten Fußbodens des Umbaus nach außen. In der Nischenrückwand steht exzentrisch ein kleiner Durchbruch von etwa 0.24 x 0.33 m. Er ersetzt ein Schlitzfenster des Kernbaus, das an der Innenseite noch partiell erhalten ist. Zwischen der Nische und dem gemauerten Treppenkörper mit wiederverwendetem, frühneuzeitlichen Einbauschrank führt ein schmaler Türdurchgang zur Kanalgasse. Die linke Leibung des Durchgangs wird von der Ecke des Treppenkörpers gebildet, die rechte mit Türblattanschlag ist aus Werksteinen des 13.–14. Jahrhunderts geformt. Die Hausteine reichen nicht bis zu dem vorhandenen Holzsturz hinauf. Der oberste Werkstein, ursprünglich ein Segmentbogenansatz, ist sekundär abgespitzt, um den Türfalz senkrecht bis zum Sturz weiterzuführen. Jenseits der Treppe, an der westlichen Grenzwand, sind Ansatz und Fragmente des Segmentbogens und des dahinter liegenden, ebenfalls gewölbten Sturzes noch erhalten (s. Pl. 9.7 und 9.10, Sondage vom Kanalraum aus). Der Bau des massiven Treppenkörpers hat den Bogen unterbrochen und die schmale Zugangstür zur Kanalgasse erzeugt. Der Zugang zum Obergeschoss vor diesem Umbau ist als Spindeltreppe zu ergänzen, die den Segmentbogen frei hielt. Die unterste Fundamentlage der Spindeltreppe wurde ergraben (vgl. Pl. 9.7). 

Grundriss (Pl. 9.7) . Bauuntersuchung und Grabung erbrachten, dass die Mauer mit dem Rundbogentor ursprünglich die Fassade eines um sechs Meter von der Straße entfernt liegenden, rechteckigen Hauses war, das einen Vorhof besaß. Es ist heute im Reihenhausbestand verbacken, stand aber ursprünglich frei und wies mit seiner Schmalseite in Richtung der Straße. Die Ecke zum seitlichen Kanalraum enthält ein diagonal liegendes Gerüstholzloch, das eine Außenecke des Hauses definiert. Erhalten sind große Teile des Erdgeschosses mit Innenabmessungen von 5.20 m Breite (am Boden) auf 9.20 m Länge. Die erhaltene westliche Längswand ist an nicht verformten Stellen 0.50,0 m bis 0.55,0 m stark, im Unterschied zur Fassade mit dem Rundbogentor, deren Dimension sich um 0.80,0 m bewegt. Rückwärtig war das Haus etwa 1.20 m tief in den Hang eingeschnitten. Die Rückwand im Norden und die östliche Längswand waren im unteren Teil als Baugrubenabmauerung nur einschalig aufgeführt. Von ihnen sind nur noch Reste erhalten. Nach Maßgabe der Mauerstärken von Fassade und Hausseite des Kernbaus haben die Abmessungen des Hauses ca. 6.27 m in der Breite und ca. 10.82 m in der Länge betragen. Aus diesen Maßen läßt sich ein Grund für die ungewöhnlich klare Rechtwinkligkeit des Baukörpers ablesen: Zwei Diagonalschnüre, deren Länge der doppelten Hausbreite entspricht, kreuzten sich beim Einmessen des Baus im Gelände auf halber Länge und steckten mit ihren Enden die vier Ecken des Hauses ab. 

Rundbogentor von 1091 (Pl. 9.89.9) . Kennzeichen des Hauses ist das exakt mittig gestellte Rundbogentor des Erdgeschosses.11 Der im Läufer-Binder-Wechsel gesetzte Halbkreis-Torbogen bestimmte vor der Verformung mit 1.83,2 m Durchmesser das Öffnungsmaß des Tors. Die Unterkante des ersten Bogensteines liegt an der linken Wange 1.12 m, an der rechten 1.11 m über dem Fundament, das hier nur 5,0–6,0 cm mächtig ist. Die Torhöhe maß im Scheitelpunkt 2.17 m vom bauzeitlichen Begehungshorizont.12 Die Leibung des Tors nimmt mit 0.40 m die halbe Mauerstärke ein. Unterhalb der Kämpferhöhe sind die Hausteine der Leibung dem Rhythmus des Mauerverbandes angeglichen. Ziel ihres Einsatzes war es, eine saubere Öffnungskante zu schaffen, wie eine sehr schmale senkrechte Platte über mehrere Lagen auf der rechten Seite deutlich macht.13 Links steht ein flacher Fuß (Euthynterie) allseitig einige Millimeter vor. Unterhalb des Kämpfers ist ein hammerrechter Stein als Höhenausgleich eingesetzt. Darüber steht die Bogenstirn mit einigermaßen gleichmäßiger Rückenlinie als durchgehendes, radial geflächtes Band mit ca. 0.26 m Breite. Der Halbkreis selbst beginnt 14,0 cm über Kämpferhöhe, so dass der Bogen leicht gestelzt ist. Zum Hausinnern hin setzt sich die Bogenöffnung mit einem Türblattanschlag ab. Dieser beträgt 5,0–6,0 cm an der westlichen und 9,0–10,0 cm an der östlichen Wange, so dass die Mittelachse der Tornische gegenüber derjenigen des Werksteinbogens um 20 mm verschoben ist. Von den vier bauzeitlichen Eisenangeln des doppelflügligen Tors ist eine in situ und die Position von zwei weiteren im Negativ erhalten. Die Angeln saßen in horizontalen Fugen der Leibung. Als Befestigung diente ein Flacheisen, das sich in einem formgenau ausgeschlagenen Bett des aufliegenden Steins schwalbenschwanzförmig spreizte (Abb. 3.5, 3.6). Zusätzlich waren die Schwalbenschwanzenden aufgekantet und in Ausnehmungen des Steins eingelassen. Dies verhinderte das Herausdrehen und –ziehen der Angeln. 

3.5 Negativ der gabelförmigen Verankerung einer Angel in einer Fuge der Leibung des Rundbogentors von 1091 (Ansicht von unten, grau markiert). Die Enden sind zur Sicherung vor Verschiebung aufgekantet. 

3.6 Vergleichbare Verankerung an einem 2009 gefundenen Fragment aus Cluny, dessen ursprüngliche Versatzstelle unbekannt ist.
Centre d’études clunisiennes, Lapidarium. 

3.7 Haus 20, rue du Merle.
Kernbau von 1091.
Lichtnische an der Innenseite der Front. Der Sturzstein wurde sekundär aus der Horizontallage aufgerichtet. Die Nischenrückwand wurde bei der noch mittelalterlichen straßenseitigen Erweiterung des Kernbaus durchgebrochen. 

Lichtnische und Schlitzfenster (Pl. 9.10) . Im Hausinnern sind beiderseits des Tors bauzeitliche Öffnungen zu sehen. Östlich steht eine Wandnische von 67,0 cm Höhe, 51,0 cm Breite und 40,0 cm Tiefe (Abb. 3.7). Ihre Bank liegt gegenüber dem ursprünglichen Fußboden in 1.30 m Höhe. Es ist eine Lichtnische, in die man eine Öllampe, vielleicht auch eine Schlitt– oder Wachskerze stellte. 

3.8 Haus 20, rue du Merle.
Kernbau von 1091.
Innenseite der Front mit Schlitzfenster. Die obere Hälfte des Fensters ist erhalten, die untere wurde um 1596 zum Vorraum hin durchgebrochen. 

Der Durchbruch der Nische nach draußen und die Hochkantstellung der Sturzplatte sind Folge eines noch mittelalterlichen Umbaus. Die Funktion der Lichtnische neben dem Eingang kann mit einem heutigen Lichtschalter verglichen werden. Das Licht in der Nische ist dabei als künstliches Pendant zum zum Schlitzfenster in der westlichen Hälfte der Fassadenmauer anzusprechen, für den das Französische die Bezeichnung „jour“ kennt. Von diesem Fenster ist die Innenseite des oberen Teils mit schrägen Wandungen und flacher Sturzplatte erhalten (Abb. 3.8). Es ist an der Innenkante 45,0 cm breit und kann zu einem schmalen Schlitz von etwa 8 cm Breite im Fassadenbild ergänzt werden, der exakt in der Mitte zwischen Torwange und Hausecke steht. Die Fensterbank ist nicht mehr erhalten. Man kann sie als Flachbank in gleicher Höhe wie die Bank der Lichtnische und wie die Unterkante der ersten Gerüstholzlage in der Westwand rekonstruieren, so dass sich eine Schlitzhöhe von ca. 80,0 cm, vergleichbar den Schlitzfenstern im Erdgeschoss des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 (s.u.). Im Baufortgang wurden Lichtnische und Schlitzfenster mit derselben Steinlage begonnen. Das Schlitzfenster verbreitet ein diffuses, relativ gleichmäßiges Licht im Innern. Diese Art Tageslichtempfänger bildet die Standardbelichtung der Sockelgeschosse im romanischen Profanbau. Die Öffnung selbst blieb aufs Minimum reduziert und unverschlossen. 

Fußboden (Pl. 9.12) . Der ursprüngliche Stampflehmfußboden im Hausinnern unterscheidet sich nicht wesentlich vom Hausvorbereich. Es ist der Grund der Baugrube des Hauses. Ein bauzeitliches Pflaster konnte nicht festgestellt werden, nur einzelne eingetretene Kiesel und Steinabschlag vom Hausbau. In diesen Laufhorizont ist das Fundament bis zu fünf Zentimeter tief eingedrückt. Der Fußboden ist um 3,5 % geneigt und steigt zur Rückwand hin an. 

Deckenbalken (Pl. 9.7, 9.129.13, 9.15) . Die ursprünglich acht quadratisch geschnittenen Deckenbalken des Erdgeschosses mit Querschnitten um 0.30 m lagen in einem Achsabstand von ca. 1.03,5 m ab Rückwand auf einer horizontalen Mauerlatte.14 Vom Fußboden bis zur Unterkante der Bohlendecke war das Erdgeschoss am Rundbogentor 2.75 m hoch, gegenüber 2.50 m an der Rückwand. Der Unterschied ist auf den Anstieg des Fußbodens in Richtung der Hangseite zurückzuführen. Die Balkenzone misst 0.30,0 m Höhe, so dass die bauzeitliche lichte Höhe des Raums zwischen 2.20 m und 2.45 m Höhe betrug. 

Seitliche Kanalgasse (Pl. 9.7, 9.14, 9.16) . Während die nach Norden orientierte Rückseite und die Ostseite des Hauses im unteren Teil gegen den Hang gemauert sind, steht die Westmauer bis zur Sohle frei. Der Mauerverband mit der Rückwand zeigt, dass die Rückwand des Kanalraums als bauzeitliche Terrassenmauer ausgebildet war. Auf der heute durch Wasser erodierten Außenseite der Westwand lag eine Kanalgasse, die auf gleiches Niveau wie das Hausinnere abgegraben war und als Traufgasse gedient haben wird.15 An der Rückseite ist der Rest eines kleinen Kanals von rechteckigem Querschnitt erhalten, der am Mauerfuß an die Oberfläche trat (s. Pl. 9.16). Dieser Kanal kam in einer Hangmulde vom Hügel bei der Kapelle Saint-Mayeul hinunter und floss in etwa zwei Meter Entfernung längs am Haus vorbei in Richtung der Rue du Merle. Der Kanal ist an gleicher Stelle bis heute erneuert und erweitert worden. Er nimmt das Hangwasser an der rückwärtigen Terrasse auf, enthält aber auch häusliche Abwässer.16 Mit leicht schrägem Verlauf entlang des Hauses trifft er jenseits der Straße auf den kleinen Vorfluter Médasson (bis ca. 1800 „Merdasson“), der wahrscheinlich schon im Mittelalter, spätestens aber im 17. Jahrhundert kanalisiert bzw. gedeckt wurde und als Abwasserkanal diente.17 Hangaufwärts blieb unter dem Haus 15, rue dʼAvril (nach 1150) ein Rest des kleinen Hausseitenkanals im vollen Querschnitt (Breite ca. 0.20 m, Tiefe 0.30 m) erhalten, aus dem der Kanalverlauf ergänzt werden kann. Der später partiell umgeleitete Kanal überquerte die Rue dʼAvril und war in den Horizont dieser um 1150 neu angelegten Straße eingeschnitten. Die senkrechten Wände sind aus zwei bis drei Lagen hammerrechter Steine in Form liegender Platten gesetzt. Der feste anstehende Lehm bildet die Kanalsohle. Die schwarzgraue Lehmeinschwemmung des aufgegebenen Teilstücks mit sehr kleinen schwarzen Tonscherben und kleinen Kieseln lässt sich als Zeichen aussetzender Wartung eines Brauchwasser– oder Entwässerungssystems verstehen.18 

b. Obergeschoss und Dach (Pl. 9.129.20)

Zum Obergeschoss und zum Dach des Hauses von 1091 gibt es bisher nur indirekte Hinweise. In der Art des Rundbogens im Erdgeschoss fanden sich weitere Bogensteine in Zweitverwendung in der Renaissancefassade. Diese Bogensteine sind nach Material (Mikrit) und Bearbeitung spezifisch für das Haus und können nur aus einem steinernen Obergeschoss stammen, was auch zur Dimensionierung der Erdgeschossmauern passt. Die Bogensteine fassen einen Halbkreis von etwa einem Meter Durchmesser und sind als Sturzwölbung einer Tür oder – noch eher – eines Doppelfensters denkbar, wie es das Fragment einer Fenstersäule mit Kapitell vom Ende des 11. Jahrhunderts nahelegt, das im Garten in einer Terrassenmauer verbaut war (Pl. 9.11 und Abb. 3.10).19 Im Dachraum zeichnet sich oberhalb der Westwand des Hauses von 1091 der Ort eines noch mittelalterlichen Umbaus ab, der das Haus zum traufständigen Reihenhaus mit einer Fassade an der Straßenlinie umwandelte. Dieser Giebel des Umbaus ist in der Stärke der unterhalb liegenden Mauer von 1091 (um 0.53,0 m) aufgesetzt. Die Westwand des Hauses von 1091 reichte nicht bis in die Höhe des heutigen Dachraumes, sondern schloss unterhalb mit einer Trauflinie ab.20 So wäre der Kernbau als giebelständiger Bau mit einem Obergeschoss zu erkennen.21 Dieser Form entsprechen auch die Mauerstärken im Erdgeschoss und die Erosionsspuren an der Wand zur Kanalgasse, die sich durch Einwirkung von Traufwasser erklären lassen. Die Verlängerung der Dachlinie des Umbaus bis zur Rückwand erschließt für das ursprüngliche Obergeschoss eine Höhe von ca. 3.10 m zwischen der Oberkante der in situ liegenden Originaldeckenbalken des Erdgeschosses und der Traufhöhe des Umbaus zum Garten hin.22 Diese Geschosshöhe entspricht sehr nah dem generellen Erfahrungswert von ca. 3.00 m. Die auf diesem Wege ermittelte Höhe des Giebelansatzes liegt in ca. 6.25 m Höhe über dem bauzeitlichen Verkehrshorizont. Nach diesem Ergebnis wäre die Fassade als Quadratfläche von 2 mal 2 Messruten oder perticae mit aufgesetztem Giebeldreieck entworfen (Pl. 9.18). Einem Kniestock, wie er für die Reihenhäuser des 12. Jh. in der Fassade üblich wird, bietet die erschlossene Traufhöhe keinen Raum. Dies unterstützt die Annahme eines schmalen, längsgerichteten Daches von kleinem Volumen, das vielleicht einen offenen Stuhl hatte, wie ihn auch Kirchen der Zeit zeigen. Die bodenarchäologische Untersuchung 1996–97 förderte vor der alten Fassade in der Bodenschicht des ersten, spätmittelalterlichen Umbaus zerbrochene Ziegel einer Klosterdeckung zutage. Die große Zahl der Fragmente und ihr Auftreten rund um den Kernbau sind als Spuren des Abbruchs des Dachs von 1091 zu lesen. 

c. Straßenbezug und Nachbarschaft (Pl. 9.199.20)

Die Untersuchung des Hauses 9, rue du Merle auf der anderen Straßenseite brachte das ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091 in eine gesicherte Relation zur Straße, von der es sich durch einen Vorhof absetzte (Abb. 5.10 und Abb. 5.19). Am Haus 9, rue du Merle wurde festgestellt, dass der Schwerpunkt des Hauses weit hinten lag, exakt über dem Hauptraum (Abb. 5.19). Der Treppenvorbau mit dem solarium im Obergeschoss liegt an der Stelle des typologisch „alten“ Vorhofs, wie man ihn vor dem Haus von 1091 erkennt. Er ist in dem Haus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch die typologisch „alte“ Hausfront noch deutlich vom Hauptraum getrennt, und er ist nur von dort aus zugänglich. Die Symmetrie des Vorbaus (Pl. 9.19) und des Vorhofs (Pl. 9.19) und die der beiden nach hinten anschließenden Hauskörper weist darauf hin, dass die Straßenführung der Rue du Merle seit 1090 nicht mehr verändert wurde, wahrscheinlich nicht mehr seit römischer Zeit. Häuser in der Nachbarschaft enthalten Baufragmente, die eine vergleichbare Stellung wie das Haus von 1091 anzeigen könnten.23 Es bedürfte zum Nachweis allerdings einer ebenso aufwendigen Präparation und Bauanalyse wie im Haus Nr. 20. Vier „Verdachtsfälle“ am Ort wurden untersucht, drei davon vorliegend dokumentiert. Alle wurden typologisch als andersartig als das Haus 20, rue du Merle bestimmt und der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zugeordnet.24 

d. Konstruktions– und Stilmerkmale des Kernbaus von 1091

Mauerwerk und Fundamente. Die Materialmischung, der spezifische braune Erdmörtel, Mauerbild und Fundamentierung unterscheiden das Haus von den spätromanischen, straßenbegrenzenden Stadthäusern. Die Mauern sind aus flachen, nur mit dem Hammer zurechtgeschlagenen Kalksteinen in Lagen zweischalig, wahrscheinlich gegen ein Schalbrett aufgemauert und mit kalkarmem, mit grobem Sand versetztem, tiefbraunen Lehmmörtel gebunden (Abb. 3.9).25 Die Lagen sind im Mauerbild leicht bewegt und von unterschiedlicher Höhe, und sie können sich im Verlauf auch teilen und wieder zusammenschließen. Der Mauerkern ist mit Bruchstein und Lehm gefüllt. Flache Binderschichten in der Schale greifen in den Mauerkern hinein. 

3.9 Haus 20, rue du Merle, Kernbau von 1091.
Charakteristisches Lagenmauerwerk aus Oolith an der Außenseite der Westmauer mit insularen Einschüssen von gelbem, feinkörnigen Mikrit, der in den Häusern des 12. Jh.s nicht mehr auftritt. 

Fundamentgräben sind nicht gezogen worden: Der Bau steht auf einer einlagigen Fundamentsohle, deren Oberkante als ungleichmäßiges Bankett zwischen ca. 3 und 12  cm vorsteht. Bei anderen untersuchten Häusern des 12. Jahrhunderts wurden stets ca. 0.40 bis 0.50 m tiefe Fundamentgräben und durchschnittlich vier bis fünf Steinlagen festgehalten. Beim ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 sind die Fundamente unvermörtelt, so wie auch die Fundamentlage des Hauses von 1091. Diese Fundamentlage variiert sowohl in der Höhe der verwendeten Steine als auch im Überstand gegenüber der Wandfläche. Sie ist östlich des Mitteltors aus Bruchsteinen, westlich mehrheitlich aus flachen Platten gebildet. Das Bankett fehlt im Bereich der Hangeintiefung an allen sondierten Stellen. 

Als Baustein überwiegt Oolith, der, seiner Sedimentstruktur entsprechend gebrochen, am Kernbau des Hauses 20, rue du Merle nur Höhen von ca. 4–11 cm aufweist. Er entstammt dem mittleren, evtl auch unteren Jura, der im Süden des Departements Saône-et-Loire zwischen diesen beiden Flüssen neben Granit, Basalt und metamorphen Gesteinen in zwei Zonen ansteht. Der Steinbruch, der auch die Baustelle der Abtei belieferte, gehört zur östlichen Zone und lag unmittelbar nördlich der Stadt im Gewann La Cras, das seit einigen Jahrzehnten mit Wohnhäusern überbaut wird. Das Material aus dem Steinbruch La Cras ist das hauptsächlich benutzte Baumineral Clunys. Der Stein ist hellgrau, meist gelblich, manchmal leicht rosa oder mit blaugrauen Adern. Er besteht aus Oolithen, vermischt mit Bruchstücken von Bryozoarien und Echinodermen.26 An den Ostteilen der Abteikirche (ca. 1088–1120) wurde er noch im hammerrechten Verband verwendet, an den späteren Westteilen vor allem im Werksteinverband. Die westliche Jura-Zone liegt zwischen der Loire im Westen und dem cluniazensischen Priorat Paray-le-Monial im Osten; auch in Paray wurde Jura-Kalkstein als Baustoff verwendet. 

3.10 Haus 20, rue du Merle.
Seite (links) und Stirn (rechts) eines Fenstersäulenkapitells aus CrinoidenKalkstein, dem Kernbau von 1091 zuweisbar. 

Die Fassade des Hauses von 1091 und die noch vorhandenen Fragmente der Rückwand enthaltenen die etwas größeren, regelmäßigeren Steine, während die westliche Seitenwand aus kleinteiligem Material aufgeschichtet ist. Möglicherweise ist in dem Haus Material verbaut, das für die Mauerschalen der gleichzeitig aus größeren Blöcken desselben Steines errichteten Teile der Abtei nicht verwendbar war und insofern eine Art zweite Wahl der Steinbruchproduktion darstellte, die auch weniger teuer war. Denkbar ist auch, dass der Kalkstein aus den oberflächennahen Deckschichten eines Bruchs kommt, so dass die Verwendung des Materials die rezente Eröffnung des Abbaus signalisiert.27 Die zweite verwendete Steinart, der feinkörnige, weichere Mikrit ist im Mauerverband von Seiten– und Rückwand in Lagenabschnitten eingeschossen oder bildet, neben Einzelauftreten, auch kleine Flächen. Daneben erscheint dieses Gestein auch in der einzigen Fundamentlage des Kernbaus von 1091. 

Werkstein und Bauornamentik (Pl. 9.89.11) . Aus Mikrit bestehen überwiegend die höheren Blöcke des Wandverbandes und – bis auf einen – die geflächten Bogensteine des Mitteltors. Der vierte Bogenstein des Tors von rechts stellt das einzige Beispiel der grobkörnigen Arkose am Bau dar. Es ist der breiteste der durchbindenden unter den Bogensteinen. Die Art und sorgfältige Bearbeitung der Bogenstirn verweisen auf die Bauhütte der Abtei.28 

3.11 Cluny II, Palmblattkapitell. Flaches zentrales Lanzettblatt, ähnlich dem Fenstersäulenkapitell von Haus 20, rue du Merle.
Cluny, Abtei, Lapidarium. 

Die Bogensteine sind außen mit dem Schlageisen fein radial geflächt, in der Leibung in unterschiedlicher Richtung, und auf der Innenseite nur grob gebeilt. Die Deckplatte der Wandnische aus Oolith ist nur grob mit dem Beil behauen, während die des Schlitzfensters überhaupt keine Flächung erkennen lässt. In der Art der beiden Deckplatten (nicht oder nur grob angeflächt) sind auch die fehlenden Außenecken des Hauses von 1091 vorstellbar.29 

3.12 St-Clément-sur-Guye, Westportal der Kirche (11. Jh.).
Steinsetzung und Proportion dieses Portals sind mit dem Rundbogentor des Hauses von 1091 in Cluny vergleichbar. Weitere Vergleiche aus der Zeit um 1100 finden sich in den Ostteilen der Abteikirche Cluny III (vgl. Anm. 28). 

Das in einer Terrassenmauer hinter dem Haus als Baustein wiederverwendetes frühromanisches Fenstersäulenkapitell (Pl. 9.11) aus grobkristalligem Crinoiden-Kalkstein (Calcaire à entroques) stellt das einzige Beispiel für Bauornamentik an einem Stadthaus in Cluny vor dem Ende des 12. Jahrhunderts dar, das aus diesem harten und für die damaligen Werkzeuge wenig geeigneten Mineral gefertigt ist.30 Es ist das Kelchkapitell einer monolithischen Fenstersäule mit Hinterschnitt und, als Besonderheit, einer geraden Rückseite, die den Ladenanschlag bildet. Alle mittelalterlichen Fenstersäulen der Häuser von Cluny sind mit einem Ladenanschlag ausgeführt. 

Der Vergleich des Fenstersäulenkapitells mit einem Palmblatt-Kirchenkapitell der Periode Cluny II (Abb. 3.10),31 dessen ursprüngliche Versatzstelle nicht bekannt ist, zeigt enge stilistische Verwandtschaft: das Lanzettblatt in der Mitte und die einfachen, dicken Blattrippen. Auch die als Relief ausgebildeten, farnstengelartigen Voluten begegnen typischerweise im 11. Jahrhundert. Die schlank aufsteigende Proportion des Fenstersäulenkapitells zeigt dessen Fertigung gegen Ende des Jahrhunderts an. Das Kapitell ist nach Form und Größe typisches Element eines Biforiums oder eines Arkadenfensters am Wohngeschoss eines romanischen Hauses in Cluny. Das Fragment bildet die bislang älteste Bauornamentik eines mittelalterlichen Stadthauses in Frankreich. 

Wandputz (Pl. 9.10, 9.13). Im Hausinnern haben sich Inseln eines festen, feinkörnigen, hellgrauen und gelbbraun verfärbten Wandputzes erhalten. Es ist ein Fugenverstrich in pietra-rasa-Manier ohne Fugenritzung, wie er auch an der Südwand der Aula von 1108 zu finden ist.32 An gut erhaltenen Stellen ist die Wandoberfläche relativ eben. An den Außenseiten des Kernbaus von 1091 ist kein Fugenputz erhalten, doch war er zum Schutz des erdgebundenen Mauerwerks unerlässlich. 

Holzbauteile (Pl. 9.10, 9.13) . Das Haus von 1091 ist ein holzreicher Bau im Vergleich mit den späteren Steinhäusern Clunys. Erhalten sind der zweizügige Sturz des Rundbogentors, vier Teile von Mauerlatten und sieben von ursprünglich acht Deckenbalken, davon zwei sicher in situ. Die Verwendung weiterer Hölzer ist durch die vorhandenen Löcher der ersten Gerüstholzlage in der Westwand bezeugt. Die erhaltenen Bauhölzer sind aus Eiche hergestellt. Die beiden Sturzhölzer des Tors sind das einzige bekannte Beispiel in Cluny für die Verwendung von Holz als Sturz an einem romanischen Hauseingang. Die Hölzer mögen einen frühen Bau kennzeichnen: In den Reihenhäusern nach 1150 sind bei Fenstern und Türen ausschließlich gewölbte oder gerade Steinstürze üblich. Als Torsturz des Hauses von 1091 ist, raumseitig sichtbar, ein Kantholz von 18,0 cm Höhe und gleicher Breite verwendet; das kleinere Holz unter dem Mauerkern ist nur knapp 10,0 cm hoch und 13,0 cm breit. Auch die im Haus vorhandenen Mauerlatten sind unüblich für den romanischen Bestand des 12. Jahrhunderts in Cluny (Abb. 3.13). Sie sind hier als horizontale Begrenzung des Erdgeschosses und als Auflager für die Deckenbalken eingebracht.33 Die vier Fragmente von bis zu 1.20 m Länge sind bis 6 cm hoch und reichen 9 cm tief in die Mauerschale hinein. Von den ursprünglich acht Deckenbalken etwa quadratischen Querschnitts ist nur einer verloren. Der Querschnitt hat 0.28 m bis 0.30 m Seitenlänge. Teils sind die Balken durch Insektenbefall stark geschwächt und haben durch die hohe Auflast mehr als ein Drittel ihrer ursprünglichen Höhe verloren. Die drei noch auf der Mauerlatte liegenden Balken wurden dendrochronologisch datiert. Es sind, von der Fassade her gezählt, die Balken 2, 4 und 7 unter den ursprünglichen acht Achsen im ermittelten Abstand von ca. 1.03,5 m. Auf zusätzliche bauzeitliche Streichbalken längs der Fassadeninnenseite und der Rückwand konnte nicht geschlossen werden. Da die Gegenwand spätestens um 1596, mit Schaffung des Ostkellers in der heutigen Form, abgetragen wurde, sind die Balken außer in den Achsen 2 und 4 seitlich bewegt und neu vermauert worden. Balken 4 ist fast aus der Mauerschale gezogen, liegt aber gesichert in situ. Für ihn wurde das Fälldatum Winter 1090/91 ermittelt. Einschließlich der beiden als Unterzug wiederverwendeten ursprünglichen Deckenbalken und des größeren, noch von angestrichenem Originalputz bedeckten Sturzholzes am Rundbogentor, war an den anderen datierten Hölzern keine Schalkante mehr aufzufinden. Doch liegen die jeweils letzten erhaltenen Jahresringe zwischen 1057 und 1075 nahe beieinander und sind mit dem exakten Fällungsjahr 1090/91 von Balken 4 als Baudatum vereinbar.34 

3.13 Haus 20, rue du Merle, Kernbau von 1091.
Innenseite der Westmauer.
Bauzeitliches Mauerwerk mit Mauerlatte und Deckenbalken. 

3.2.5 Bodenarchäologischer Befund

a. Vorbemerkungen

Die Anlage einer neuen Entwässerung machte 1996/97 eine Rettungsgrabung im Bereich des Eingangsraums im Erdgeschoss notwendig, der an die Frontwand des Hauses von 1091 grenzt. Die Grabung ermöglicht präzise Angaben zur Fundamentierung des Hauses von 1091, des Weiteren zur Stratigraphie des Vorhofs bzw. des Médasson-Talbodens. Es war dies die erste bodenarchäologische Dokumentation in Cluny außerhalb der Abtei, die exakte Schlüsse auf das Anwachsen des Straßenniveaus zuließ. In der Folge der Grabung wurde das Niveau vor der Fassade des Kernbaus bis auf den bauzeitlichen Horizont abgesenkt, so dass das Haus von 1091 mit Fundamentierung heute gut erkennbar ist und das Tor seine ursprüngliche Proportion zurückerhalten hat. Die Grabungsergebnisse wurden bis 2000 durch weitere Befunde ergänzt, die bei Bauarbeiten im seitlichen Kanalraum sowie bei der Erweiterung der rückwärtigen Terrasse dokumentiert wurden. Die archäologischen Schichten sind sämtlich im Plananhang eingetragen und einzeln nach ihrer Zusammensetzung beschriftet. Bei Straßenarbeiten vor dem Haus festgehaltene Schichtbefunde bringen Aufschlüsse über die Talsohle des Médasson.35 In die folgende Auswertung der bodenarchäologischen Untersuchung fließen die bis 2008 am Bauwerk gemachten Beobachtungen und dendrochronologischen Datierungen mit ein. 

b. Einzelbeschreibung der Aufschlüsse (Pl. 9.7, 9.8, 9.12, 9.14, 9.16)

Aufliegende Schichten 

1. Zustand vor Grabungsbeginn. Ein Betonestrich, der die archäologischen Schichten bedeckte, ist von einem Bauunternehmen entfernt worden. Die nun sichtbare Oberfläche ist in mehrere Zonen einteilbar. Zwischen den Wangen des Rundbogentors und vor der Osthälfte der romanischen Fassade erstreckt sich ein Band von etwa 1.00 m Breite, das aus Kalksteinplatten besteht (max. Plattengröße 1.40 x 0.60 m). Die breiten Fugen sind mit kleinen Kalksteinen überbrückt. Zur Straße hin (Südrichtung) folgen zehn Reihen größtenteils gebrochener Tonfliesen,36 die im Kalkmörtelbett liegen. Auf der restlichen Fläche ist kein Plattenbelag mehr erhalten. Sie ist von lockerer, staubiger Erde und insular von Resten eines Kalkmörtelbetts von Ton– und Steinplatten bedeckt. Von der westlichen Torwange aus führt ein Faserzementrohr in Richtung der Steinsäule, die während des laufenden Umbaus als Stütze des Deckenunterzugs aufgestellt wurde. Die Kalksteinplatten am Boden zwischen der Säule und dem Treppenkörper sind als Teil eines Kreises gelegt und ziehen unter den Treppenkörper. An dessen Stelle befand sich zuvor eine Spindeltreppe, zu deren Fundament die Platten gehörten.37 

3.14 Liard au Saint-Esprit, 1583 oder Folgejahre, aus Schicht B sup..
Oben Vergleichszeichnung.
Klein 1999a, S. 1 und Klein 1999b, S. 1.
Remontage und Fotobearbeitung: Verfasser. 

2. Schicht B sup. Nach Teilreinigung der Bodenfläche vor der Fassade des Kernbaus und nach Entnahme des Faserzementrohrs ist in dessen Grabenwand eine Schicht ungleicher Mächtigkeit von bis zu 10,0 cm festzustellen. Diese Schicht B sup. aus dunkelbrauner, krümliger Erde ist von Holzkohlepartikeln, Kalkbrocken und Splittern von Back– und Kalksteinen durchsetzt. Kalkstein dieser Art (Mikrit) ist in größeren Mengen in der Fassade von 1596 enthalten. Durch Sieben des Schichtmaterials wurde eine stark korrodierte, versilberte Kupfermünze gefunden (Abb. 3.14). Sie wurde als Liard au Saint-Esprit des Königreichs Frankreich identifiziert, der durch Heinrich III. (1575–1589) am 22. Juni 1583 in Umlauf gebracht und bis 1587 geprägt wurde. Die Vorderseite zeigt ein bekröntes H, umgeben von drei Lilien und der Paraphe HENR.III.DD.G.F.ET.[P. (o. ä.)]. Auf der Rückseite steht +SIT.NOM.[DNI.BENE (o. ä.)] um das Kreuz des Heiliggeistordens.38 Die Datierung der Münze entspricht der Bauzeit der Fassade um 1596 (d) und weist, zusammen mit den Steinabschlägen des in der Fassade verwendeten Materials, die Schicht B sup. als Bauschicht der 1590er Jahre aus. 

3.15 Double Tournois, 1483 oder Folgejahre, aus Schicht B inf.
Oben Vergleichsmünze.
Klein 1999a, S. 1 und Klein 1999b, S. 1.
Remontage und Fotobearbeitung: Verfasser. 

3. Schicht B inf. Unter der ersten Schicht B sup. erscheint eine zweite von 8–13 cm Mächtigkeit. Von ihrer Oberfläche, unter den Tonfliesen, stammen der Deckel eines Einsatzgewichtgehäuses aus Messing und der teils grün glasierte Henkel eines beigescherbigen irdenen Gefäßes (Abb. 3.16, obere und untere Reihe jeweils rechts). Die Schicht B sup. ist durch den 1 m breiten Graben vor der Westhälfte der Kernbaufassade gestört, der die Entwässerungsrohre der Beckennische in der Frontwand des Kernbaus enthält. Diese Schicht I B inf. besteht aus sandigem, graubeigen Mörtel mit reichlich Kalkspatzen und einzelnen Kalkplacken. Sie wurde im freigelegten Bereich im Fortgang des Umbaus entfernt. Dabei fand man mehrere 2–3 cm lange Bronzenadeln (Abb. 3.16, obere Reihe, zweites Foto von rechts) und das Fragment einer Nähnadel, ein zerdrücktes und mehrfach geteiltes Kupferblech sowie eine Silbermünze (Abb. 3.15). Es handelt sich um einen Double tournois, Königreich Frankreich, der am 11. September 1483 unter Karl VIII. in Umlauf gebracht wurde.39 

3.16 Haus 20, rue du Merle.
Bodenarchäologische Funde vom Vorhof des Kernbaus von 1091.
Obere Reihe, von links:
Beschlagrosette aus Messingblech, 13.–15. Jh. (Schicht IA, Eintiefung B).
Bronzenadel (Schicht IB inf.).
Deckel eines kleinen Einsatzgewichtgehäuses aus Messing, 18. Jh. (Oberfläche Schicht IB sup.).
Untere Reihe:
Irdene Topfrandfragmente der der spätmittelalterlichen Schicht IA.
Henkel eines Tonkrugs oder –topfs mit grüner Glasur am oberen Viertel, ca. 18. Jh. (Oberfläche Schicht IB sup.). 

Sondagen I und II (Fassade von 1091) 

1. Situation. Die Sondagen I und II liegen am linken bzw. rechten Pfortenfuß und geben Aufschluss über die Stratigraphie des Mittelalters zwischen Vor– und Innenbereich sowie die Fundamentierung des Hauses von 1091. In der Schichtenfolge entsprechen die Sondagen einander im Wesentlichen. Sondage II erreicht in der Tiefe den Begehungshorizont des 11. Jahrhunderts. Sondage I reicht in den geologischen Naturboden hinein. Die Ostwand von Sondage I (Abb. 3.17, 3.18) zeigt eine chronologisch gut lesbare Schichtenfolge, die deshalb statt der Gegenseite im Schichtenschnitt eingespiegelt wurde (Pl. 9.12). 

3.17 Haus 20, rue du Merle.
Grabung im Vorhof des Kernbaus von 1091 mit Teilansicht der Torwange und Blick ins Hausinnere.
Sondage I an der linken Torseite mit Schichten B (hell), A (dunkel) und freigelegtem geologischen Horizont mit Eintiefungen. Es sind außerdem das einlagige Fundament und die Euthynterie am Pfortenfuß zu sehen.
 

2. Begehungshorizont LH. Unter der kalkreichen Schicht B inf. kommt der Begehungshorizont LH zum Vorschein (vgl. Pl. 9.8 und 9.12). Es handelt sich um eine graue Lehmfläche mit eingetretenen Holzkohlepartikeln, Ziegelfragmenten und Steinabschlag. Innerhalb eines Streifens von 0.50 m Breite vor der romanischen Fassade nimmt das Bruchmaterial signifikant zu. Der Begehungshorizont bedeckt Teile des Banketts an der OK der einzigen Fundamentlage. Flache Mulden in der Oberfläche sind teilweise durch Ziegelfragmente und kleine, flache Bruchsteine ausgeglichen. Nahe der Oberfläche liegen rötliche Lehmplacken und feine Bänder sandiger und lehmiger Einschlüsse, daneben Kalkmörtelplacken. Die Einschlüsse können 6 cm Mächtigkeit erreichen und bezeugen einen langen Gebrauch des Begehungshorizonts. 

3.18 Haus 20, rue du Merle.
Grabung im Vorhof des Kernbaus von 1091.
Aufsicht Sondage I. 

3. Schicht A. Der Begehungshorizont versiegelt die Schicht A. Diese graue Lehmschicht enthält Kohlepartikel, Steinabschlag, Ziegelsplitter, Kiesel und Feuerstein und, zur Oberfläche hin, schwarzgraue Keramiksplitter und wenige Fragmente roter Keramik (Abb. 3.16, untere Reihe links). An der Westwand enthält die Sondage II in oder an der Oberfläche der Schicht A einen Petit denier aus der Zeit um 1400. Diese Münze wurde vom Eigentümer bei der Vorbereitung des Einbaus von Treppenstufen gefunden. Es war nicht zu klären, ob die Münze aus der Schichtmasse oder der Versiegelung kommt. Die Münze stammt aus dem Fürstentum Orange (Johannes I. von Chalon, 1393–1418).40 

4. Oberkante der geologischen Deckschicht mit Eintiefungen A und B. Unter der grauen Lehmschicht A liegt der gewachsene Boden (vgl. Pl. 9.8, 9.12 und 9.14, senkrecht schraffiert). Es ist ein beigefarbener, gelbocker bis grün getönter Lehmboden, fett und dicht, der kleine Kiesel und Feuerstein enthält. Durch Begehung ist die Oberfläche grauschwarz gefärbt; hier treten auch Bruchsteine zutage, die man dem Bau des Hauses von 1091 zuweisen kann. Innerhalb der Sondage I sind zwei Eintiefungen im gewachsenen Boden feststellbar. Eine von ihnen (A) steht im Zusammenhang mit der Konstruktion des Rundbogentors, die andere (B) liegt 0.80 m von der romanischen Fassade entfernt. Das Schnittbild der Verfüllungen zeigt graugrünen Lehm mit Bruchsteinen, Kieseln und etwas Feuerstein. Die Verfüllungen setzen sich nicht von der Lehmschicht A ab und sind zusammen mit ihr vom Begehungshorizont LH und den Schichten B bedeckt. Die steilwandige Eintiefung A ist 60 auf 40 cm weit und reicht 45 cm tief in den Naturboden hinein. Außer dem beschriebenen Lehm enthält die Verfüllung senkrecht gestellte, bis 30 cm lange Bruchsteine und wenige schwarze Keramiksplitter. Die Eintiefung scheint sich etwas flacher zur Tormitte hin fortzusetzen. Die eher runde und trichterförmige Eintiefung B hat etwa 40 cm Durchmesser und ist nur 25 cm tief. Sie ist Fundstelle eines kleinen, geprägten und perforierten Messingblechs in Form einer vierblättrigen Rose mit durchbrochenem Mittelkreis aus dem 13.–15. Jahrhundert (Abb. 3.16, obere Reihe links). Deutliche Unebenheiten am Boden der Eintiefung (evtl. Pfostenloch) sind mit weichem Lehm gefüllt, der einen Kalkspatzen enthält. 

5. Fundament des Hauses von 1091. Das Fundament des romanischen Kernbaus besteht aus einer einzigen Steinlage, die zwischen 5 und 20 cm hoch ist (Abb. 3.19). Es liegt unmittelbar auf dem Begehungshorizont des 11. Jahrhunderts, in den es bis zu 5 cm tief eingedrückt ist. Obgleich der rückwärtige Teil des Hauses als Baugrube in den Hang hineingeht, sind Fundamentgräben nirgends gezogen worden. Unterhalb der Fundamentsohle des Kernbaus sind im gewachsenen Lehm einige eher erdige, braune Einschlüsse vorhanden, die ein fleckiges Bild des Aufschlusses ergeben; es kann sich um Spuren von Pflanzenwurzeln handeln. Einige kleine Kiesel bilden eine ungefähr horizontale Linie. Man kann sie als Resultat natürlicher Einschwemmungen und als älteres geologisches Bodenniveau deuten. Die für einen Begehungshorizont charakteristische feine graue Linie fehlt. Im Ganzen zeigt der angeschnittene natürliche Lehm ein homogenes Bild. 

6. Entwässerung der neuzeitlich eingebauten gotischen Beckennische. In der Westwand der Sondage ist die Schichtenfolge durch das neuzeitliche Einbringen von ineinandergesteckten Röhren aus rotem Irdengut gestört. Die Röhren entwässerten den neuzeitlich in die Kernhausfassade eingebauten gotischen Waschstein. 

3.19 Haus 20, rue du Merle.
Kernbau von 1091, Frontwand.
Mauerwerk und einlagiges Fundament im Streiflicht. 

3.20 Haus 20, rue du Merle.
Entwässerungsröhren der frühneuzeitlichen Beckennische in der Frontwand des Kernbaus von 1091.
MC / CEC nodatea. 

Zum Einbau der Leitung wurde die romanische Mauerschale unter dem Becken bis auf das Fundament aufgebrochen; von dort führen die Röhren im Boden weiter bis zum Hausseitenkanal. Die konischen, im Kontur konkaven Tonröhren sind mittels einseitiger Muffen ineinandergesteckt (Abb. 3.20). Sie liegen in einem kleinen Kanal mit Backsteinfassung, der mit Kalksteinplatten abgedeckt ist. 

7. Schichten im Inneren des Kernbaus von 1091. Von der Außenkante der romanischen Fassade reichen die Sondagen I und II 1.20 m weit ins Haus hinein. Die graue Lehmschicht I A und der darunter liegende bauzeitliche Begehungshorizont setzen sich bis ins Innere fort und sind innerhalb der kleinen Aufschlüsse nicht vom Befund vor der Fassade des Kernbaus zu unterscheiden. I A ist teils von einem wenige Millimeter bis wenige Zentimeter dicken, feinen, gelben bis grüngelben Lehmestrich bedeckt. Die neuzeitlichen Schichten I B setzen sich aus übereinander liegenden Mörtelbetten zusammen, die sandig und schmutziggrau bis weiß gefärbt sind. Feine Schmutzlinien oder erodierte Tonfliesen setzen sie voneinander ab. Zu den Torwangen hin sind die Schichten besser lesbar als in der Tormitte. Von außen gesehen, liegt linker Hand auf dem gelben Lehmestrich mit Kohlepartikeln der Oberfläche von I A eine etwa 4 cm dicke schmutzig-beige Mörtelschicht. Es folgt eine feine, schwarzbraune Schmutzschicht, die das Kalkmörtelbett des heutigen Backsteinbodens (13 x 23 x 5 cm) trägt.41 An der rechten Wange bedeckt eine maximal 9,5 cm dicke, dunkelbraune Lehmschicht die Schicht I A. Ein feines Sandband trennt sie von einer 4 cm mächtigen Schicht vollkommen erodierter Backsteine auf der Höhe des entsprechenden Bodenbelags auf der linken Seite. Eine bis 4,0 cm dicke Kalkmörtel-Ausgleichsschicht liegt zwischen dem Backsteinbelag und dem betonierten Fuß eines modernen Hohlblock-Wandpfeilers, der im Fortgang der Renovierungsarbeiten 1998 entfernt wurde.42 

Sondage III (Innenseite der Fassade von 1596) 

1. Situation. Nahe der SO-Ecke des Eingangsraums wird innerhalb der Fassade von 1596 ein Entwässerungsrohr entfernt. Die zunächst gesäuberte Fläche zeigt entlang der Fassade die Störung durch den Einbau des Rohres. Die übrige Fläche ist von einem Kalkmörtelbett für Tonfliesen bedeckt. Ein senkrechtes, gusseisernes Rohr mit Muffe steht über die Oberfläche hinaus. 

2. Fundament der Fassade von 1596 und einer älteren Parallelmauer. Mit der Entfernung der durchwühlten Erde, die dem Rohr als Bett diente, erscheint die Innenseite des Fundaments der Fassade von 1596. Es wurde für den Anschluss des Rohres an die Kanalisation im Straßenbereich durchschlagen. Das Fundament zeigt sich als Block aus großen Bruchsteinen und Kalkmörtel, hat etwa 50 cm Höhe und steht der gegenüber der Fensternische (boutique) 60 cm nach innen vor. Ein daneben liegendes, zweites Fundament trägt kleine Reste einer ehemals ca. 0.50 m starken Mauer, die etwa parallel zur aktuellen Fassade stand.43 Dieses vier– bis fünflagige Fundament ist mit Lehmmörtel gebunden, das Aufgehende mit Kalkmörtel gemauert. Konstruktionsweise und Material entsprechen mittelalterlicher Praxis (12.–13. Jahrhundert). 

3. Schichten III 0–3 (zeitlich vor der Baugrube der Fassade von 1596). Über der Abbruchkrone der fassadenparallelen Mauer liegen vier Schichten. Deren unterste ist eine dunkle, feine Lehmschicht mit Kalkeinschlüssen, Ziegelsplittern und vielen Kohlepartikeln (III 0). Es folgt eine graubeige, sandige Mörtelschicht mit Kalkeinschlüssen von 15 cm Mächtigkeit (III 1), darüber dann eine gelbbraune, 10 cm dicke Lehmschicht mit Kalk– und Kohleeinschlüssen (III 2). Letztere Schicht wird von einer braunen Erdschicht (III 3) überlagert. 

4. Schichten III 4–5 (Bauschichten der Fassade von 1596). Eine Schicht von Steinabschlag, Backstein– und Ziegelsplittern sowie Kalkmörteleinschlüssen (III 5) ist die oberste archäologische Schicht der Sondage III. Als Bauschicht der Fassade von 1596 überdeckt sie deren Fundament. Der Fundamentgraben reicht bis zum parallel liegenden Fundamentblock und beschneidet die darauf liegenden Schichten. Er ist in der oberen Hälfte mit grauem Sand und Steinabschlag aufgefüllt (III 5). In der unteren Hälfte (III 4), zwischen den Fundamenten der beiden Parallelmauern, finden sich Kalksteinbrocken bis zur Unterkante der Fundamente und dem Übergang zum anstehenden, an dieser Stelle grauen Lehm. Die Masse (III 4) zwischen den Brocken besteht aus lehmiger Erde, die unten dunkelbraun getönt ist und nach oben hin ins Mittelbraune übergeht, wo auch horizontal verteilte Kalkeinschlüsse vorhanden sind. In keiner der archäologischen Schichten III wurde Gebrauchskeramik gefunden. Die im Schnitt (Pl. 9.12) dargestellte Sondagenwand ist die einzige, die intakte Schichten zeigt. In der unmittelbaren Umgebung ist die Schichtenchronologie durch den Einbau von Entwässerungsrohren und jüngeren Fundamenten im Innenbereich des Vorderhauses zerstört. 

5. Geologische Deckschicht. Anstehender Lehm findet sich in 80 cm Tiefe unter dem jetzigen Tonfliesenbelag. Es ist ein fetter, dichter, sehr feuchter Lehm, der Kohlepartikel und an der Oberfläche einige Bruchsteinstücke enthält, die vom Gewicht der Fundamente in die Lehmmasse eingedrückt sind. Das Bodenniveau der Zeit um 1100 ist 25 bis 30 cm über der Sohle der sondierten Fundamentgräben rekonstruierbar, d.h., ca. 45–50 cm unterhalb des derzeitigen Tonfliesenbelags. 

c. Korrelation der archäologischen Schichten

Geologische Deckschicht bzw. Begehungsniveau der Bauzeit des Hauses von 1091. Die Charakteristika des geologischen Untergrundes sind an mehreren Stellen der Grabung zu fassen. Das Begehungsniveau der Zeit um 1100 ist an der Kernhausfassade nachgewiesen und in der fragmentarischen Schichtenfolge von Sondage III innerhalb einer Toleranz von 10 cm rekonstruierbar (vgl. Pl. 9.12). Es ist mit dem Schichtenbefund unterhalb der Rue du Merle und am gegenüberliegenden Haus Nr. 9, rue du Merle zu verbinden. 

Spätmittelalterliche Kulturschichten. Die flache, nicht durchgehende und uneinheitliche Lehmschicht III 0 unmittelbar auf der Krone der abgebrochenen Mauer, die Ziegelsplitt und viele Kohlepartikel enthält, könnte mit dem spätmittelalterlichen Begehungsniveau LH verbunden werden. Da der Lehm keine durchgehende Schicht bildet und auch keinen sichtbaren Begehungshorizont trägt, handelt es sich um eine Verunreinigung der Mauerkrone nach dem Abbruch, die dann Ergebnis von Erdarbeiten nach 1483 (Münze in A/LH) wäre. Ältere möglicherweise noch mittelalterliche Schichten wurden in Sondage III nicht angetroffen. 

Neuzeitliche Kulturschichten. Unter Beachtung des ursprünglichen Geländegefälles zum Talgrund hin, geht die Schicht B inf. (sandige, graue Bauschicht mit Kalkeinschlüssen, nach 1483) über in die vergleichbare Schicht III 1 (beigegraue sandige Bauschicht mit Kalkeinschlüssen). Die Vergleichbarkeit betrifft die Zusammensetzung, die Schichtdicke und die Lage in etwa 20 cm über dem geologischen Untergrund. Der abschließende, sehr feine Begehungshorizont über III 1 ist auch an Stellen von B inf. zu finden. Die gelbbraune Erdschicht III 2, die braune Erdschicht III 3 und die Bauschicht III 5 können der Erdschicht B sup. entsprechen, die gleichermaßen Kalkeinschlüsse und Spuren des Umbaus von 1596 enthält. Zur Straßenfassade hin sind die Schichten III 2–5 in mehrere, getrennt lesbare Straten aufteilbar. Mit den Erdschichten III 2 und III 3 scheint der Vorderhausbereich vor dem Bau der Fassade von 1596 nivelliert worden zu sein. Sie werden von der Baugrube von 1596 beschnitten. 

d. Grabungsergebnisse (Zusammenfassung)

Bereich der Fassade des Hauses von 1091 (Pl. 9.8) 

1. Geologische Deckschicht, Begehungsniveau und Fundamentlage des Kernbaus von 1091. Der dichte gelbe bis gelbgrüne Lehm des gewachsenen Bodens fällt mit 4 bis 5 % Hangneigung von der Kernbaufassade in Richtung der Straße ab. Die Fassade der domus lapidea von 1090/91 (d) ist ohne Fundamentgraben auf das Erdreich gesetzt; nach hinten ist das Erdgeschoss in den Hang eingetieft. Das Fundament besteht aus einer einzigen Steinlage, die bis zu 0.2 m gegenüber der Mauerfläche vorstehen kann. Wo die Sohle sehr flach ist (6 cm), beispielsweise an den Torwangen, kann sie bis zur Oberkante in den anstehenden Lehm eingedrückt sein. In der Oberfläche des Lehms liegen Steinabschlag und Bruchsteinbrocken, die vom Bau des Hauses stammen. In größerer Tiefe erscheinen Kiesel und Flintsteine. Die beiden festgestellten Eintiefungen in den Lehm bezeugen keine dem Hausbau vorausgehende Konstruktion. Die größere, rechteckige der Eintiefungen (A) steht mit dem Rand in Abhängigkeit vom Grundriss des Hauses. Nach Maßgabe der Verfüllung wurde sie wahrscheinlich bei einem Umbau, etwa dem Deckeneinzug im Vorderhaus, geschaffen. Die kleinere Eintiefung (B) enthält am Grund der Lehm– und Bruchsteinfüllung eine gotische Messingblechpaillette. 

2. Spätmittelalterlicher Umbauhorizont (A und LH). Der Begehungshorizont des 11. Jahrhunderts ist von der Bauschicht A bedeckt, die vom Vorhof ins Hausinnere hineinzieht. Sie enthält (an der Oberfläche?)44 eine Münze aus der Zeit um 1400 (Fürstentum Orange, Johannes I. von Chalon, 1393–1418). Die Schicht umschließt Abschlag von Oolith und Crinoiden-Kalkstein, Ziegelfragmente von Mönch und Nonne und Fragmente von roter und schwarzer Keramik. Die Verfüllung der beiden Eintiefungen vor der linken Torwange, die in die geologische Deckschicht hineinreichen, geht in den Umbauhorizont über und kann von diesem nicht getrennt werden. Die geprägte Messingblech-Paillette aus Eintiefung B, in Vierpassform mit wulstigem, perforierten zentralen Ring, Gesamtdurchmesser max. 9 mm, ist nach Gegenstand, Schmuckmotiv und Fertigungsweise mit der gotischen Stilepoche zu verbinden (13.–15. Jahrhundert).45 In dieselbe Zeit gehören die Steinabschläge von Crinoiden-Kalkstein (calcaire à entroques), der anscheinend beim Umbau verwendet wurde. Zerbrochene Ziegel, gehäuft unmittelbar am Kernbau, weisen auf eine ursprüngliche Mönch-und-Nonne-Deckung für das Dach des Hauses von 1091 hin. Da das Fundamentbankett des Kernbaus in der Höhe variiert, streicht die Schicht A stellenweise an, stellenweise bedeckt sie das Fundament bis 0.10 m mächtig. Ein Begehungshorizont, der lange benutzt wurde (LH, Punktlinie), bedeckt die Schicht A.46 Er zeigt an zahlreichen Stellen Reparaturen mit verschiedenen Materialien; lokal sind zwei bis drei eng übereinander liegende Begehungsflächen feststellbar. Im Inneren des Kernbaus liegt auf der Schicht A eine unterschiedlich dünne, unverschmutzte helle Lehmschicht. Sie könnte während des Ersetzens der stark verformten hangseitigen Rückwand entstanden sein. 

3. Bauschichten nach 1483 (B inf. und B sup.). Im Inneren des Kernbaus sind mehrere feine Mörtelbetten für Platten, daneben Schmutz– und Sandschichten unterschiedlicher Durchgängigkeit festzustellen. Diese Schichten können nicht durch Funde datiert werden. Die oberste Kalkmörtelschicht trägt die Tonfliesen des derzeitigen Fußbodens. Im Bereich des Vorhofs, oberhalb des Begehungshorizonts LH, liegen die zwei Schichten B inf. und B sup von je 0.10 m mittlerer Mächtigkeit. Die sandige graubraune Schicht B inf. mit Kalkmörtelfragmenten bezeugt einen Umbau. Sie enthält eine Münze (Double tournois), die am 11. September 1483 in Umlauf gebracht wurde, ein zerdrücktes Messingblech, verschiedene Stecknadeln und das Fragment einer Nähnadel. Die erdige Schicht B sup. umschließt Kalkmörtelstücke und Backsteinsplitter. Auch sie ist auf einen Umbau zurückzuführen. Da die Schicht eine Münze (Liard au Saint-Esprit) enthält, die zwischen 1583 und 1587 geprägt wurde, ist die Verbindung zum Bau der vorhandenen Renaissancefassade (um 1596 d) wahrscheinlich. Sie enthält überdies viel Steinabschlag, der dem renaissancezeitlichen Umbau zugeordnet werden kann. Die Entwässerung der Beckennische in der Front des Kernbaus greift in die Schichten B ein. An der Oberfläche von B sup. finden sich Gegenstände des 17.–18. Jahrhunderts, beispielsweise der Deckel eines Einsatzgewichtgehäuses aus Messing und das grün teilglasierte Henkelfragment eines Topfs oder Krugs. Die Schicht B sup. ist teilweise von Tonfliesen im Kalkmörtelbett und teilweise von Kalksteinplatten bedeckt. Darauf befand sich der moderne Betonfußboden, der vor der Grabung entfernt wurde. 

Bereich der Straßenfassade (Pl. 9.12) 

1. Oberkante der geologischen Deckschicht. Die Sondage III enthält zwei ungefähr parallele, mehrlagige Mauerfundamente mit schmalem Zwischenspatium, von denen eines zur bestehenden Fassade von 1596 und eines zur Fassade eines Vorgängerbaus gehört. Unterhalb der gleich tief liegenden Fundamentsohlen zeigt der wenig abgegrabene geologische Lehm noch anthropogene Einschlüsse (Kohlepartikel). Der Übergang zum aufgehenden Mauerwerk am älteren der beiden Fundamente liegt 0.35 m höher als die Fundamentunterkante; in dieser Höhe bis wenige Zentimeter unterhalb ist das geologische Geländeniveau nach der natürlichen Hangneigung rekonstruierbar. 

2. Mittelalterliche Straßenfassade und spätmittelalterlicher Umbau. Die Fassade der ersten Hauserweiterung zur Straße hin ist schon im Spätmittelalter wieder abgebrochen worden, nach der Schichtenkorrelation im 15. Jahrhundert.47 Die auf der Abbruchkrone liegenden Schichten III 0 und III 1 sind als Spuren des Abbruchs der Mauer lesbar, dem der Neubau der Fassade an anderer Stelle folgte, wahrscheinlich im Bereich der mächtigen Fassade von 1596. Bei deren Bau kann die Fassade des 15. Jahrhunderts bis zur Fundamentsohle beseitigt worden sein.48 Die auf III 0 und III 1 folgenden Erdschichten III 2 und III 3 wurden bei Grabungsarbeiten im Haus erzeugt, vielleicht beim Eintiefen des Ostkellers. Sie sind vor dem Fundamentgraben der Straßenfassade entstanden, der beide beschneidet. Die Schichten nivellieren den zuvor abschüssigen Fußboden des Eingangsraums. 

3. Bau der Fassade von 1596. Die Bauschicht III 5 kennzeichnet den Neubau der Fassade um 1596 (d). Sie wird zusammen mit der Grabenverfüllung III 4 von einem feinen Begehungshorizont abgeschlossen. Das Fundament von 1596 liegt als mindestens 90 cm breites, mit festem Kalkmörtel gebundenes Band unter der Fassade. Es wandelt die Einzellasten der Fassadenpfeiler in eine Streckenlast um. Angrenzend an Sondage III steht auf dem Fundament eine nur 25 cm starke Brüstungsmauer, die bauzeitlich in eine der Fassadenarkaden eingestellt wurde. Sie besitzt ein kleines Bankett, dessen Oberkante auf gleicher Höhe mit Schicht III 5 liegt. Durch diesen zweiten Hinweis ist die zeitgleiche Entstehung der Fassade mit der Schicht III 5 gesichert. 

3.2.6 Phasen der Überbauung des Vorhofs (Abb. 3.21)

Zusammenfassung nach Grabung, Baubeobachtung und Datierungsberichten 

Vor 1090. Silexabschlag und Kohlepartikel im geologisch anstehenden Lehm der Parzelle können als Zivilisationsspuren gelten, die dem Bau des Hauses von 1091 vorausgehen. Einer Deutung der Eintiefung B in Sondage I als älteres Pfostenloch widerspricht die späte Datierung der Verfüllung um 1400. 

Bauzeit des Kernhauses um 1090/91 (d). Mit dem Bau des Steinhauses von 1090/91 entstehen der Vorhof und die seitliche Kanalgasse in der heutigen Lage. Das Fundament des Hauses besteht aus einer Steinlage, die auf den gesäuberten Baugrund gelegt wurde. Die Stirnseite des Hauses ist repräsentativ gestaltet: In der Mittelachse steht ein Rundbogentor mit einem sorgfältig bearbeiteten und gesetzten Keilsteinbogen, der gegenüber der restlichen Bauausführung hervortritt. Die Mauerschale der Fassade enthält das größtformatige, einheitlichste Steinmaterial des Hauses. Nicht nur der Grabungsbefund, sondern auch die Gestaltung weisen die Mauer mit dem Rundbogen als Gebäudefront aus. Das Haus hatte einen Vorhof, der den Blick auf das Mitteltor nicht verdeckte.49 

3.21 Haus 20, rue du Merle.
Grundriss mit Erweiterungsphasen des Kernbaus.
Pl. 9.7, nachbearbeitet. 

12.–13. Jahrhundert. Die abgebrochene Parallelmauer an der Innenseite der heutigen Fassade ist mittelalterlichen Ursprungs. Sie hebt sich durch ihre Kalkmörtelbindung sowie ihr mehrlagiges Fundament als jüngere Konstruktion vom Kernhaus ab. Ihre Entfernung vom Kernbau entspricht der Vorbautiefe des gegenüberliegenden Hauses 9, rue du Merle (nach 1150). Mit ca. 0.50 m Stärke50 kann sie die Front einer straßenseitigen Erweiterung des 13. Jahrhunderts gebildet haben. Ihre Zusammensetzung und Struktur ist mit Teilen der Grenzwand der benachbarten Parzelle 20bis vergleichbar. Die Grenzmauer zeigt nahe der Innenseite der aktuellen Fassade einen deutlichen Knick. Das ergrabene Mauerstück läuft auf diesen zu. Die entsprechende Ergänzung erzeugt das Grundrissbild einer ersten straßenseitigen Erweiterung. 

13.–15. Jahrhundert. Die Bauschicht A zeigt einen gotischen Umbau an, der offenbar die Stellung der Straßenfassade zunächst nicht berührte. Es sind mehrere spätmittelalterliche Umbauten im Haus zu beobachten, die nicht alle gleichzeitig stattfanden. Die traufständige Dacherneuerung mit fast reinem Lehmmörtel und Ziegelfragmenten, die das Haus umorientierte und auf die gesamte Breite der mittelalterlichen Parzelle erweiterte, stammt wahrscheinlich aus dem 13. bis 14. Jahrhundert.51 Die Fragmente eines gotischen Segmentbogens, der von der Südwestecke des romanischen Kernbaus über die Breite der Kanalgasse zur Grenzwand reichte, können in die Zeit um 1300 bis ins 15. Jahrhundert gehören, etwa in die Zeit der Bauschicht, die auch auf der gesamten Länge der Kanalgasse vorhanden ist. 

Um 1459/60 oder nach 1483. Die Front der straßenseitigen Erweiterung des Kernbaus aus dem 12. oder 13. Jahrhundert wurde im 15. Jahrhundert abgebrochen und an anderer Stelle ersetzt, wahrscheinlich im Bereich der heutigen Fassade. Von der Fassade des 15. Jahrhunderts ist nichts erhalten. Die Bauschicht dieser Zeit52 liegt in Teilen noch und streicht über die Abbruchkrone der mittelalterlichen Front weg. Die Deckenbalken des Raums stammen mehrheitlich aus dem 15. Jahrhundert, zwei davon sind 1459/60, einer um 1459, ein weiterer 1445/46 dendrochronologisch datiert.53 Sie können mit diesem Umbau zusammenhängen. Auch der Unterzug (1356/57) könnte aus einer Umbauphase des Hauses herkommen. Der ergrabene Rest einer zirkulären Fundamentlage an und unter dem heutigen Treppenkörper zum Obergeschoss kann typologisch sicher einer zeittypischen Spindeltreppenkonstruktion zugewiesen werden (15.–16. Jahrhundert). Einer der Aufschieblinge im Dach ist aus einem um 1515 geschlagenen Holz nachträglich gefertigt; einer der Deckenbalken des Erdgeschosses ist 1512/13 datiert, beide Daten zeigen einen Baueingriff um 1515 an.54 Die spätgotische Bauschicht B inf. und die aufliegenden Erdschichten, die den Vorhof horizontal nivellieren, werden vom Fundamentgraben der Fassade von 1596 beschnitten. 

Um 1596. Nach der dendrochronologischen Datierung mehrerer Aufschieblinge an der Südseite des Dachs auf Winter 1595/96 wurde die heutige Renaissancefassade um 1596 fertiggestellt, die als einheitlich gestaltete und gefluchtete Front wahrscheinlich zwei mittelalterliche Parzellen zusammenfasste. Der Umbau hob das Dach in die heutige Lage. Es wurden in zwei Kampagnen erst der West–, dann der Ostteil der Fassade aus unterschiedlichem Material errichtet; das Dach beider Teile ist nach der dendrochronologischen Analyse einheitlich. Die Münzdatierung der Bauschicht der Fassade nach 1583 entspricht der dendrochronologischen (1595/96) und der stilistischen Datierung (um 1600). Seit dem 16. Jahrhundert wurde im Bereich des Vorderhauses der Ton– und Kalkplattenbelag erneuert, im 19./20. Jahrhundert die Treppe in der heutigen Form errichtet. 

3.2.7 Zur Rekonstruktion des ‚Haus mit Rundbogentor‘ (Pl. 9.17)

3.22 ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091.
Isometrie, Blick von Südwesten.
Pl. 9.17, Ausschnitt. 

Der Grundriss des Kernbaus von 1090/91 (d) hebt sich als Rechteck von der übrigen Bebauung der Parzelle 20, rue du Merle ab. An allen vier Innenecken ist der Mauerverband noch nachweisbar. An Südmauer (Fassade) und Westmauer ist auch die Außenseite in größeren Teilen erhalten. Die Ostinnenwand war nach dem Befund der mit der Rückwand gemeinsamen Ecke einschalig gegen das Erdreich des ansteigenden Hangs gemauert. Sie wurde beim Abgraben bzw. Bau des östlich anschließenden Kellerraums in Gänze ersetzt. Die Deckenbalken wurden in situ beibehalten, ein Zeichen für Sparsamkeit und weitgehende Substanzweiterverwendung bei Umbauten. Wird die Ostmauer in gleicher Stärke wie die erhaltene Westmauer ergänzt, gerät das Rundbogentor der Fassade in die Mittelachse des Hauses, und die Bemessung und Absteckung des Grundrisses ist auf einfachste Weise zu erklären (s.u.). Die Rückwand ist im eingetieften Teil einschalig gegen das Erdreich gesetzt. Im Aufgehenden ist sie etwas schwächer als die Fassade rekonstruierbar. Ihre Außenseite scheint der vorhandenen Außenkante des Obergeschosses an der rückwärtigen Anschlußstelle der Westwand des Kernbaus zu entsprechen. Die Höhe des bauzeitlichen Erdgeschosses liegt durch die erhaltenen Deckenbalken fest. An der Außenseite der Westmauer finden sich keine Hinweise auf eine Deckenlage der Bauzeit. Die Steine zeigen stattdessen Erosionsspuren von Wassereinwirkung. Die Grenzmauer zum Nachbarhaus mit drei Fundamentlagen und Kalklehmmörtel entspricht zwar noch einer mittelalterlichen, aber jüngeren Baupraxis. Ein spätmittelalterlicher Umbau hat die Kanalgasse mit einem Dach bzw. einer Decke versehen, hielt allerdings die Eingangsseite mit einer Segmentbogenarkade und Doppelflügeltor so offen wie möglich. Warum die Rückwand der Kanalgasse bauzeitlich bis zum Niveau des Kernbaus abgegraben wurde, konnte nicht abschließend beantwortet werden. Es muss mit der Nutzung des seitlichen Kanals zu tun haben, für den von der rückwärtigen Terrasse her ein Absturz rekonstruiert wurde. Der Kanalaustritt unten an der Mauer ist als Originalsubstanz fragmentarisch erhalten und geradlinig mit dem am oberhalb gelegenen Haus 15, rue dʼAvril nachgewiesenen Kanal zu verbinden. Die Kanalgasse ermöglichte die überschwemmungssichere Ableitung des Hangwassers und diente zunächst als Traufgasse, wie Abb. 3.22 es zeigt. 

3.23 Jalogny, Doyenné der Abtei Cluny, Kirche (Ende 11. Jahrhundert).
Westfassade.
Die Portalfront der Kirche diente nicht als Vorbild für die sehr ähnliche Rekonstruktion des Hauses von 1091, sondern wurde dem Verfasser erst später bekannt. Diese Architektur bekräftigt die vorgelegten Ergebnisse zu zeitüblicher Proportion und Gestaltung. 

Das Obergeschoss kann in seiner Gesamtheit nur rekonstruktiv ergänzt werden (Abb. 3.22). Möglicherweise sind von seiner West– und Südwand noch Reste erhalten. Allerdings wurde am untersuchten Mauerwerk an der Außenseite der Westwand im Obergeschoss nicht mehr derselben Mörtel wie am Mauerwerk des Erdgeschosses gefunden, da die Wand in der gesamten Fläche bei Umbauten perforiert und geflickt wurde. Auf der Südseite wurde die Außenschale der Fassade vom Torbogen an nach oben ersetzt. Diese Baumaßnahme korrigierte die Neigung der nach außen gekippten Mauer (vgl. Pl. 9.8 und 9.12). Auf Öffnungen des ursprünglichen Obergeschosses verweisen im Garten und im neuzeitlichen Mauerwerk gefundene membra disjecta, im Einzelnen Bogensteine gleicher Machart und Materialität wie die des Rundbogentors, die zu einer ca. 1.00 m breiten Sturzwölbung einer Tür oder eines Biforiums ergänzt werden können, außerdem das beschriebene Fenstersäulenkapitell aus Crinoidenkalk. 

Auf der Innenseite des Erdgeschosses setzt sich das bauzeitliche Mauerwerk der Westwand oberhalb der Mauerlatte zwischen den Deckenbalken fort. Die Mauerstärke um 0.50–0.55 m ist die schwächste, die an Grenz– und Außenmauern der untersuchten Häusern festgestellt wurde, sie tritt allerdings häufig auf. Sie existiert beim ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 maximal über zwei, bei den jüngeren Häusern um 1200 bis drei Geschosse hoch. Bei den älteren Bauten liegt tendenziell eine stärkere Mauerdimensionierung vor, so dass die Zahl der Obergeschosse in der Rekonstruktion des Hauses von 1091 auf ein einziges beschränkt werden kann. Die verhältnismäßig dicke Fassadenmauer des Hauses von 1091 (0.78–0.80 m) geht über das bei den späteren Häusern übliche Maß (0.63 m) hinaus. Die Mauerstärke entspricht der von Arkadenfenstern durchbrochenen SW-Mauer, die die Rückwand des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ bildete und bis ins 3. OG hinauf um 0.82 m stark war (vgl. Pl. 9.249.26). Die gleichartige Dimensionierung der Fassade des Kernbaus von 1091 im Sockelgeschoss erscheint dadurch erklärlich, dass diese Mauer als Giebelwand höher als die Seitenwände war, außerdem von mehreren Öffnungen durchbrochen. Sie kann auf der Innenseite zum Obergeschoss hin abgetreppt und schlanker (zwischen 0.63 und 0.72 m stark) nach oben fortgeführt worden sein. 

Die rekonstruktive Ergänzung des Kernbaus mit einem Obergeschoss wird durch den Befund der mittelalterlichen Dachlinie des ersten, noch mittelalterlichen Hausumbaus gestützt, der das Haus von 1091 im 13. oder 14. Jahrhundert straßenseitig erweiterte und zum traufständigen, straßenraumfassenden Reihenhaus umbildete. Die Dachlinie dieses Umbaus befindet sich im heutigen Dachraum oberhalb der Westwand des Kernbaus und definiert für das Haus ein einziges mittelalterliches Obergeschoss (vgl. Pl. 9.139.14 und Pl. 9.16). Sie bildet den hinteren Schenkel des traufständigen spätmittelalterlichen Satteldachs. Die von der Linie abgeschlossene Mauer ist in voller Höhe des zugehörigen Dachs ausschließlich in zeittypisch an Lehm und Ziegelbruch reichem Mauerwerk aufgebaut. Wäre schon das Haus von 1091 zum Vorhof hin traufständig gewesen, wäre erfahrungsgemäß das ältere Giebeldreieck oder wenigstens ein Stumpf davon im spätmittelalterlichen Mauerwerk erhalten geblieben; das ist nicht der Fall. 

Für die Höhenlage der Giebel am Kernbau von 1091 gibt es einen indirekten Befund. Der Ansatz des spätmittelalterlichen Dachs an der Rückwand wurde in der Rekonstruktion als Abbruchhöhe des älteren, rückseitigen Giebels interpretiert.55 Die entstehende Geschosshöhe, die im Übrigen genau einer pertica (um 3.15 m) entspricht, war nach dem spätmittelalterlichen Umbau zum Reihenhaus nur im Bereich des Kernbaus vorhanden, während der neue, straßenseitig liegende Raum, der Traufhöhe nach der Hauserweiterung zufolge, deutlich höher war.56 Im Obergeschoss der als traufständiges Reihenhaus konzipierten Bauten des 12.–13. Jahrhunderts übertrifft dagegen die Höhe des rückwärtigen Hauptraums regelmäßig die des straßenseitigen Raums. Giebel und Dachneigung des als ‚Haus mit Rundbogentor‘ rekonstruierten Kernbaus von 1091 sind mit 30 Grad nach dem Modell des ‚hohen Wohnhauses‘ von 1136 proportioniert (vgl. auch Abb. 3.23). Das ‚hohe Wohnhaus‘ bildet gleichfalls einen längsrechteckigen Baukörper und ist mit 6.30 m ebenso breit ist wie der Kernbau von 1091 (um 6.27 m). 

In allen untersuchten Häusern wurde das Wohngeschoss unabhängig vom Erdgeschossraum erschlossen. Anhand der erhaltenen Balken und Balkensassen in der Westwand des Kernbaus von 1091 ist nachgewiesen, dass die Raumdecke über dem Sockelgeschoss geschlossen war. Der Aufgang erfolgte demnach über eine Außentreppe; wo diese lag, kann nur vermutet werden. Da die erhaltenen romanischen Treppen in Cluny stets wandbegleitend angelegt sind, ist dies auch hier so anzunehmen. An der schmalen Südwand mit axial stehendem Rundbogentor und Lichtfenster ist ein Treppenaufgang nicht möglich. Es bleiben die Ostseite, die Hausrückwand oder, am wahrscheinlichsten, der Kanalbereich im Westen, wo sich alle am Haus nachgewiesenen Treppenaufgänge späterer Phasen und Stilperioden befinden. In der Rekonstruktionszeichnung ist an dieser Stelle die Außentreppe des Kernbaus eingetragen (Abb. 3.23). Die beiden Biforien der Giebelfront sind nach Anzahl und Größe der Biforien rekonstruiert worden, die im Haus 1–3, rue de la Chanaise (Westgiebelwand, Bauzustand um 1100) gefunden wurden.57 Es wäre mit gleicher Berechtigung auch die Rekonstruktion mit nur einem Biforium vertretbar. In die Rekonstruktion ist das oben beschriebene Fenstersäulenkapitell eingesetzt, das nach Stil, Proportion und Dimension als vollkommen passend bezeichnet werden kann. Die Sturzsteine der Biforien sind nach denjenigen des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 und nach der Anmutung des Kapitells halbrund ausgeschnitten, doch sind Flachstürze wie beim Saalhaus um 1100 (1–3, rue de la Chanaise; vgl. Pl. 9.36) nicht auszuschließen.58 

3.2.8 Ergebnisse zu Bauproportion und –dimensionierung (Pl. 9.18)

3.24 Haus 20, rue du Merle.
Rekonstruktion der Konzeption des romanischen Kernbaus von 1091.
Pl 9.18, nachbearbeitet. 

Es wurde an der Hausfront mit dem Rundbogentor ein Gesamtmaß festgestellt, das einer doppelten Messrute bzw. pertica entspricht, wie sie auch am ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 und der Aula von 1108 vorgefunden wurde. Wie alle anderen Ergebnisse auch, wurde dies nicht von vornherein angenommen, sondern es ergab sich aus vielen unabhängigen Einzelbeobachtungen. Zunächst waren als wahrscheinliche Grundmaße Abmessungen aufgefallen, die dem Fußmaß bzw. der Elle entsprechen konnten (s. Haus 10, rue Saint-Odile, Pl. 9.42). Die Rekonstruktion der Fassadenbreite des Hauses von 1091 konnte mit 20 Fuß oder 12 Ellen in Deckung gebracht werden. Dieselbe Breite des ‚hohen Wohnhauses‘ von 1136 signalisierte, dass es sich um ein großes Grundmaß handeln könnte, und weitere Beobachtungen an diesem Bau wurden angeschlossen. Die Literatur verstärkte den gewonnenen Eindruck, dass die Messrute als Bemessungsgröße gedient haben könnte.59 Durch die Bauanalyse der „Écuries“ auf dem Abteigelände 2005/06 avancierte diese Annahme zur sicheren Erkenntnis. Der Grund für die sehr exakte Rechtwinkligkeit des Hauses von 1091 ist allerdings nicht allein mit vorgegebenen Längen- und Breitenabmessungen zu erklären. Den Schlüssel bildet das geometrische Verhältnis von Länge und Breite des Grundrisses, das nicht mit einfachen arithmetischen Verhältnissen beschreibbar ist. Es beträgt knapp  : 1 und entspricht damit nahebei der doppelten Höhe des gleichseitigen Dreiecks auf der Basis der Fassadenbreite. Die Übertragung dieser einfachen Geometrie auf den Grundriss erklärt den Vorgang der Absteckung ganz unmittelbar: Zwei gleichseitige Dreiecke stehen im Hausgrundriss mit ihrer jeweiligen Basis auf der Außenkante der Fassade bzw. der Rückwand. Ihre Spitzen treffen sich exakt in der Hausmitte, ihre Basisecken definieren die Außenecken des Grundrisses. Die Dreiecksseiten entsprechen je einer Stablänge. War nun das Ziel, ein Rechteck abzustecken, mussten die am Berührungspunkt gegenüberliegenden Dreiecksseiten je auf derselben Geraden liegen und so die Diagonalen des Rechtecks bilden. 

Der Vorgang ist in der Praxis sehr einfach: Zwei Knotenschnüre oder Maßschnurabschnitte von der doppelten Länge der Fassade kreuzen sich am jeweiligen Mittelknoten, ihre Enden definieren die Gebäudeecken eines Rechteckgrundrisses, der dann abgesteckt werden kann. Ziel ist nicht die gestalterische Einbindung des Dreiecks in den Grundriss, sondern nur die Gewinnung rechter Winkel an den Ecken. Da letzteres mit einem beliebigen Diagonalmaß möglich ist, solange die mittig gekreuzten Schnüre nur die gleiche Länge haben, wird deutlich, dass im vorhandenen Fall tatsächlich ein Grundmaß angewandt wurde, da der Grundriss geometrisch in Abhängigkeit von der Fassadenbreite steht. In einem zweiten Schritt werden die Seiten des Rechtecks durch Verbindung der abgesteckten Hausecken abgeschnürt. Gerade die einfache Grundrissform des Hauses macht aber noch weitergehende Schlüsse möglich, da sie die Folge eines einzigen Vorgangs ist und nicht bereits zwischen vielfältigen Entwurfs– und Konstruktionskomponenten vermittelt, wie es häufig im Kirchenbau der Fall ist. 

Die sowohl vor als auch hinter dem Haus sondierte geologische Deckschicht bildete den Horizont des Baugrundstücks. Es ist ein Hang mit durchschnittlich 11 Grad Neigung. Auf Pl. 9.18 ist der Längsaufriss des Hauses mit dem Hangprofil vom Grundriss aus nach oben geklappt. Es wurde beschrieben, dass das Verhältnis von Länge zu Breite des Hauses knapp  : 1 beträgt. Im Grundriss ist die Länge allerdings ca. 0.18 m kürzer. Wird nun die Hauslänge nicht als Projektion auf eine horizontale Ebene verstanden, sondern auf auf die geneigte Hangoberfläche bezogen, ergibt sich exakt das „gesuchte“ Verhältnis von  : 1. Das bedeutet, dass das Rechteck des Hausgrundrisses auf dem natürlichen Hang abgesteckt, und die Baugrube danach ausgehoben wurde. Die Entwurfsinterpretation des Aufrisses basiert auf den oben erläuterten Befunden und ergänzenden Rückschlüssen. Die Geometrie der Frontwand ist auf Pl. 9.18 vom Grundriss nach rechts geklappt. Für ihre Proportion ergibt sich ein Quadrat, auf das ein Giebeldreieck mit 30 Grad Dachneigung aufgesetzt wurde.60 

Zur Verdeutlichung der Rekonstruktion ist der Bestand des Hauses von 1091 im Erdgeschoss im selben Maßstab mit dem Bestand des Dachgeschosses im ‚hohen Wohnhaus‘ von 1136 verknüpft. Vom Geschilderten abgesehen, wird an dieser Verknüpfung auch die Bedeutung der mittigen Positionierung oder Teilung von Baugliedern als Gestaltungsmerkmal der Zeit um 1100 offensichtlich: Das Rundbogentor des Hauses von 1091 steht mittig in der Frontwand; sein Anschlag liegt in der Mitte der Mauerstärke; das Schlitzfenster des Erdgeschosses steht in der Mitte zwischen Tor und Außenecke; das Fenster unter dem Giebel des Hauses von 1136 steht in der Mitte der Wand. Die Werksteine des Rundbogens könnten im übrigen einem zweiten, etwas kleineren Fußmaß folgen: Der Radius von 0.91,6 m kann in 3 Fuß à 0.30,5 m zerlegt werden. Es wäre der Fuß, der beispielsweise für die Rotunde von St-Bénigne in Dijon ermittelt werden konnte und möglicherweise auch im Achsmaß der Pfeiler am Querschiff der Abbatiale III in Cluny auftritt.61 In Anbetracht der unterschiedlichen Gewerke für Werkstein und Mauerbau, die aus unterschiedlichen Traditionen und wohl auch Regionen am Ort einer Großbaustelle wie Cluny III zusammenkommen, muss die Feststellung ungleicher Grundmaße am selben Bau nicht erstaunen, sondern könnte durchaus die damalige Praxis darstellen. 

3.2.9 Zusammenfassung

Aus dem an Bauphasen reichen Bestand des Hauses 20, rue du Merle wurde ein rechteckiger steinerner Kernbau herausgeschält, dessen Holzbauteile dendrochronologisch auf das Jahr 1090/91 datiert wurden. Er besteht aus hammerrechtem Mauerwerk mit pietra-rasa-Fugenputz ohne Stilatura und ist das bisher älteste mittelalterliche Stadthaus Frankreichs, das präzise datiert wurde.62 Das Haus ist als giebelständige domus solarata mit einem Obergeschoss zu rekonstruieren. Das Haus von ca. 6.27 m Breite und 10.86 m Länge ist ein geometrisch über die Diagonalen der Außenseiten abgestecktes Einzelhaus. Das verwendete Stab– bzw. Rutenmaß (pertica) beträgt ca. 3.14 m, der korrespondierende Werkschuh 0.31,4 m, der Werkschuh des Werkstein-Torbogens wohl 0.30,5 m. Die erschlossene Höhe bis zur Traufe entspricht der Hausbreite. Das nach dem Vergleich mit dem ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 rekonstruierte Satteldach ist um 30 Grad geneigt und mit Mönch und Nonne eingedeckt. Die domus lapidea ist mit dem Erdgeschoss in den Hang eingeschnitten. Sie hatte einen ca. 6.00 m tiefen Vorhof, von dem man ebenerdig über das in der Fassade zentrierte, erhaltene Rundbogentor (H 2.17 m, B 1.83 m) ins Erdgeschoss gelangte. Die Werksteine des Rundbogentors scheinen aus der Bauhütte der Abtei zu kommen. Ins Obergeschoss führte eine seitlich zu rekonstruierende Außentreppe. Ein hölzerner Vorbau des Hauses soll nicht ausgeschlossen werden, es gibt am Bestand dafür allerdings keinerlei Hinweise. Seitlich liegt eine Stichgasse, in der ein bauzeitlicher, offener, gefasster kleiner Brauch– oder Abwasserkanal nachgewiesen wurde. Das Erd– oder Sockelgeschoss diente als Depot– oder Arbeitsraum, nur das Obergeschoss war bewohnt. 

Das Haus steht an einer der ältesten Straßen des Orts, die als Teil der Römerstraße von Belleville nach Autun angesehen wird. Es wurde um 1091 am westlichen Siedlungseingang errichtet und ist eines der topographisch zuoberst gelegenen Häuser, die ihre Abwässer in den Médasson ableiteten, der nach allen Beobachtungen im 12. Jahrhundert zu Clunys cloaca maxima ausgebaut wurde. Das ‚Haus mit Rundbogentor‘ wurde bisher als einziges Steinhaus der Zeit vor 1100 in Cluny identifiziert. Es nimmt eine überdurchschnittlich große Parzelle ein. Es gibt eine Vorstellung vom Haus eines Chevaliers, vielleicht auch von dem Haus, das der Vogt Humbert um 1094 auf Baugrund errichtet hat, der ihm nicht gehörte, und das ebenfalls noch nicht den Typus des bekannten, gereihten Stadthauses vertreten haben kann.63 Das Haus mit dem Rundbogentor schlägt insofern eine Brücke zwischen der bislang gegenständlich kaum greifbaren Entstehungsgeschichte des Orts und der bekannten romanischen Stadt der Zeit um 1200. Typologisch gibt es für die villa Cluniacum von gallorömischer Zeit bis um 1100 eine Einzelhausbebauung vor, die möglicherweise zu größeren Teilen noch aus nur eingeschossigen Schwellen– und Pfostenhäusern bestand. Das Fehlen von Fundamentgräben für das Haus von 1091 könnte darauf hinweisen, dass seinerzeit der Steinbau für Wohnhäuser in Cluny erst eingeführt wurde. Dennoch steht das Haus auf der Höhe seiner Entstehungszeit und hebt sich als domus solarata von der älteren Bebauung ab.64 Es ist nachweisbar das Produkt eines entwurflichen Vorgang, der mit einer Präzision umgesetzt wurde, welche für Profanbauten im 11. Jahrhundert nicht alltäglich ist. Der Standort Cluny unterstreicht die exemplarische Stellung des Hauses. 

Auf steinerne Solitärbauten anderer Städte aus der Zeit um 1100 mit einfachem Grundriss und mit Obergeschoss(en) wurde im ersten Kapitel hingewiesen. Sie stellten zu ihrer Bauzeit den Standard städtischer Bebauung dar. In Freiburg i. Br. wurde, teils parallel zu Cluny, an stark zerschlagenen Fragmenten der Nachweis geführt, dass solche „hofseitigen“ Bauten den Hausbesatz der Stadt- oder vielmehr anfänglich Burgusgründung mit Namen Freiburg von 1091 darstellten.65 Diese Häuser wurden erst sekundär zu straßenraumfassenden Reihenhäusern vergrößert.66 In Cluny konnte der Vorgang der typologischen Entstehung des Stadthauses am Haus 20, rue du Merle und seiner Nachbarschaft (9, rue du Merle) detailliert nachgewiesen werden. Neu ist die Erkenntnis, dass auch bei den romanischen Stadthäusern nach 1150 mit zweiräumigem Grundriss der Schwerpunkt des Hauses, die Firstlinie, noch weit von der Straße abgerückt liegt, exakt über dem Hauptraum des Gebäudes. Der straßenseitige Hausteil erscheint als niedrigerer, im Bauverband stehender Treppenvorbau, dessen Obergeschoss durch Arkadenfenster geöffnet und typologisch als solarium anzusprechen ist.67 Dieser Vorbau besetzt den „alten“ Vorhof, wie er am ‚Haus mit Rundbogentor‘ existierte (vgl. Abb. 5.19). Die für Hausgrundrisse in Cluny typische Quermauer zwischen Treppenvorbau und Hauptraum reflektiert die Stellung der „alten“ Hausfront. Die spätmittelalterlichen Bauphasen des Hauses 20, rue du Merle sind als Angleichung an die jeweils modernste Ausbildung des Reihenhauses zu beschreiben: Das Haus wird vielleicht noch im 12. Jahrhundert bis zur Straße erweitert, im 13.–14. Jahrhundert mit zeitgemäß straßennaher Firstlage traufständig umorientiert und seitlich zum Reihenhaus erweitert, im 15.–16. Jahrhundert in annähernd gleicher Kubatur modernisiert und mit einer Spindeltreppe ausgestattet. Um 1596 wird die aktuelle Fassade errichtet und das Dach in die heutige Lage gehoben. Im 18. Jahrhundert wird die Gartenseite mit großen Fenstern aufgebrochen, und die Räume im Innern erhalten Licht und Komfort. 

 

3.3 Saalhaus 1–3, rue de la Chanaise
Bau I (um 1100) / Bau II mit Doppelsaal (um 1200)

Pl. 9.369.37 

Stadtübersicht Pl. 9.1: G 

Zeittafel S. 342351: 12 

3.25 Cluny, Haus 1–3, rue de la Chanaise am Brunnen Puits des Pénitents.
Front (Südseite) nach klassizistischem Umbau gegen 1800. 

3.3.1 Vorbemerkungen

Das Haus 1–3, rue de la Chanaise ist ein Schlüsselbau der Siedlungsgeschichte Clunys (Abb. 3.25). Die Untersuchungen während der Renovierung seit 1999 konnten es bautypologisch als Doppelsaalhaus definieren und zusätzlich einen bisher unerkannten hochromanischen Vorgängerbau zutage bringen. Das Haus steht in Nachbarschaft der bekannten spätromanischen Fassade des Hauses 25, rue de la République. Es nimmt den Zwickel der Straßengabel zwischen Rue de la Chanaise und Rue Saint-Mayeul ein und steht an exponierter Stelle an einem Dreiecksplatz am oberen Ende der Rue de la République, der früheren Rue de lʼAbbaye, an der sich das Haupttor der Abtei befindet. Der trapezoidale Grundriss des Hauses und auch der Parzelle, die Nebengebäude und einen Garten umfasst, ist bereits im Terrier Bollo, dem Kataster von 1693, und in dessen Ergänzung des 18. Jahrhunderts verzeichnet (Abb. 3.26 und 3.27).68 

3.26 Haus 1–3, rue de la Chanaise im „Terrier Bollo“ (1693).
Nordrichtung oben. 

Die Bausubstanz des Hauses wurde seit 1988 von Jean-Denis Salvèque und Pierre Garrigou Grandchamp als spätromanisch (Ende 12. Jahrhundert) identifiziert. Jean-Denis Salvèque entwickelte einen ersten Phasenplan des Gebäudes und befasste sich mit den spätromanischen Skulpturfragmenten der Fassade. Es ist eines der wenigen Häuser, die einen Relieffries unter dem Brüstungsgesims des Arkadenfensters hatten. Entsprechende Rekonstruktionen wurden vorgelegt, die besonders die Fassade, daneben die Ostwand zur Rue de la Chanaise darstellen.69 Die älteste Schriftquelle zu dem Haus ist C 4903 mit einem auf Februar 1247 (neuzeitl. Datum: 1248) datierten Text.70Die Bedeutung des Straßennamens „vicus Channesie“ könnte durch eine sprachgeschichtliche Untersuchung eingegrenzt werden, um eine Auswertung hinsichtlich der Stadtentstehung zu ermöglichen (vgl. Kap. 6.4.3.e, S. 392 Anm. 184). Es ist die älteste Urkunde Clunys, die die Lage eines Hauses und den Namen des Eigentümers enthält. Abgesehen davon, dass sie zu den ältesten Zeugnissen der damals wahrscheinlich neuen Pfarrei Saint-Mayeul gehört und das untersuchte Haus anhand der umgebenden Straßen beschreibt,71 trägt sie weitere Informationen zu, etwa, dass der öffentliche Brunnen vor dem Haus, der Puits des Pénitents, schon Mitte des 13. Jahrhunderts existierte. 

Zunächst ist die bloße Existenz der Urkunde, die den Verkauf des Hauses an die Abtei dokumentiert, schon eine Besonderheit, die zur besonderen Lage, Bauornamentik und Größe des spätromanischen Hauses kommt. Interessant ist auch die Feststellung, dass die verkaufende Eigentümerin, Margarita, das Haus von Vater und Mutter geerbt hat („tam ex successione paterne quam materne hereditatis“). Das bedeutet, dass in Cluny Gebäude und Grundstücke an Frauen und Männer vererbt werden konnten und frei veräußerbar waren. Das Haus wurde wenige Jahrzehnte vor dem Zeitpunkt des Verkaufs in der Mitte des 13. Jahrhunders vollständig modernisiert und entsprach dem Zustand der Zeit um 1200, wie ihn die vorliegend neue Rekonstruktionszeichnung wiedergibt (Abb. 3.33 und Pl. 9.37). Diese Rekonstruktion schließt jüngste Beobachtungen mit ein, die sowohl unmittelbar am Bau selbst wie auch zur typologischen Ausformung und und zur stratigraphischen Einbettung der Häuser Clunys gemacht wurden. Die Datierung gegen 1200 ist an der dendrochronologischen Datierung des ‚Haus eines Händlers‘ von 1208 orientiert, mit dem die handwerkliche und stilistische Ausführung des spätromanischen Hauses 1–3, rue de la Chanaise in einigen Details vergleichbar ist. Dazu gehören die attischen Basen des Arkadenfensters, das Brüstungsgesims und die nach außen aufschlagende Eingangstür am Treppenfuß. 

3.27 Haus 1–3, rue de la Chanaise im „Terrier Bollo“.
Aktualisierte Fassung aus dem letzten Viertel des 18. Jh.s auf den Blattrückseiten des Terrier von 1693.
Markierung: Verfasser. 

3.3.2 Erste Bauphase um 1100

a. Befund der Westmauer

3.28 Haus 1–3, rue de la Chanaise.
Schattierung: Westmauer von Bau I um 1100. 

Zu den angesprochenen Besonderheiten des spätromanischen Hauses trat 1999 die Beobachtung einer älteren romanischen Bauphase in der Westwand des Gebäudes an der Rue Saint-Mayeul (Abb. 3.28).72 Bislang wurde die Beobachtung romanischer Fragmente an Häusern in Cluny stets mit dem Typus des straßenfassenden Reihenhauses und mit einem homogenen Erstzustand der Architektur verknüpft. An dieser Westwand aber ist der Ort eines älteren Satteldachs zu erkennen, der nach hinten bis zum Ansatz des späteren, heute traufständigen Anbaus und nach vorn bis zum spätromanischen Biforium an der Hausecke reicht. Die Dachlinie läuft dort seitlich gegen den Sturzstein des Biforiums, eine Tatsache, die den Unterschied der beiden Bauzustände verdeutlicht: Das Haus ist gegen 1200 an der Fassade von ca. 6.30 m auf ca. 8.30 m erhöht worden.73 Die lange vordere Dachfläche wurde beim spätromanischen Umbau flacher geneigt. Bei dieser Umgestaltung wurden die Fassade, die Ostwand an der Rue de la Chanaise und fast die ganze Rückwand des Hauses neu errichtet.74 Die Längsmittelwand im Innern vermittelt zwischen den um neu entstandenen Raumbreiten und –formen der unterschiedlich langen Haushälften. Die Spitzbogenarkaden der Quermauern, d.h., der Rückwand und der Querwand zwischen Treppenvorbau und Saaltrakt, wurden teils erst kürzlich wiederentdeckt und freigelegt. Sie verweisen in die Zeit um 1200. Es bleibt von der älteren Bauphase nur die Westmauer des Hauses und ein an diese anschließender kleiner Teil der Rückwandinnenschale übrig, der bei Renovierungsarbeiten zutage kam. Die Westmauer besteht aus hammerrechtem Lagenmauerwerk. Als Baustein wurde Oolith von blaugrauer, heller Farbe; vielleicht sind auch einige weichere Mikrit-Steine mit verbaut, die an der starken Verwitterung einzelner Stellen zu erkennen wären. Das Mauerwerk stellt sich etwas anders dar als das des ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091. Es ist mit seinen durchschnittlich größeren Steinformaten und höherem Kalkanteil im Mörtel dem Mauerwerk des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 ähnlicher. 

Zahlreiche spätere Fensterdurchbrüche haben über die Jahrhunderte das ursprüngliche Wandbild von Bau I verändert. Dessen Informationen reichen allerdings aus, um den ursprünglichen Gebäudetyp im Längsschnitt zu bestimmen und außerdem die beiden Fenster dieser Bauphase darstellen zu können, von denen eines an der Innenseite untersucht werden konnte (s.u.). Die rückwärtige Außenecke von Bau I ist nicht erhalten. Sie wurde aufgebrochen, um den noch heute vorhandenen Anbau mit der Mauerschale von Bau I zu verzahnen.75 Wie die rückwärtige Ecke von Bau I, wurde auch der hintere Schenkel des ursprünglichen Dachs bis hinauf zum First aufgebrochen, sozusagen angeraut. Darauf ruht eine zugleich mit dem Anbau hergestellte und in diesen übergehende Aufmauerung, die sich von der spätromanischen Aufmauerung des vorderen Dachteils unterscheidet. Ihr gelber Kalkstein in relativ inhomogener Schichtung verweist auf eine spätmittelalterliche Stellung des Anbaus. Bis dahin scheint das spätromanische Haus mit zwei ungleich langen Hälften beiderseits der inneren Längswand bestanden zu haben; die Länge der westlichen Haushälfte entsprach der älteren der beiden romanischen Phasen. 

Für die Bauphase der Zeit um 1100 ergibt sich der Gebäudelängsschnitt eines traufständigen Saalgeschossbaus mit Treppenvorbau. Das Erdgeschoss war als Sockelgeschoss ausgebildet, von dem ein Schlitzfenster erhalten ist. Drei weitere, gleichartige Fenster können symmetrisch ergänzt werden. Der Dachfirst lag weit hinten, mittig über dem Saalteil. Es ergibt sich aus diesem Bild die Zuordnung zum selben Bautyp, dem auch Vorbau und Saalteil des „Saalbaus mit hohem Wohnhaus“ von 1136 entsprechen. Beim Haus 1–3, rue de la Chanaise ist zusätzlich ein Höhenversatz der Dächer zwischen Saalteil und Vorbau von ca. 0.50 m vorhanden. Dadurch wird die Kubatur der einzelnen, addierten Bauglieder herausgestellt. Ein vergleichbarer, fensterloser niedriger Absatz trennt die Seitenschiffe vom Langhaus der kleinen Kirche in Brancion, unweit von Tournus, aus dem Ende des 11. Jahrhunderts. Im Haus 1–3, rue de la Chanaise sind Haustür und Saalzugangstreppe von Bau I nicht mehr vorhanden. Der Saalzugang wurde gegen 1200 erneuert und zusammen mit dem Zugang zum Obergeschoss des Vorbaus als ausgeklügelte Kombination zweier Türen mit gegenläufigem Türblattanschlag gestaltet (s. Pl. 9.36). Beide Türen wurden neuzeitlich verändert und zugesetzt. 

3.29 Haus 1–3, rue de la Chanaise.
Westmauer, Innenseite, nördliches Biforium von Bau I (Fragment).
Leibung mit Blattanschlag, Kämpferprofil und Bogenansatz. 

b. Stilistische Datierung

3.30 Haus 1–3, rue de la Chanaise.
Westmauer, Außenseite, südliches Biforium von Bau I (Fragment).
Außensturzplatte und drei Werksteine des Blattanschlags. 

3.31 Fenster mit monolithischem, geraden Sturz am Grauen Haus in Winkel (Rheingau), Ostmauer, 2. H. 11. Jh. 

Zur zeitlichen Einordnung von Bau I können auch die vorgefundenen Fensterfragmente in der Westwand beitragen. Bei Erneuerungsarbeiten wurde im 1. OG die Wange eines Fensters mit gebeiltem, flach gekehlten Kämpferprofil und dem Ansatz eines gemauerten Halbkreis-Sturzbogens freigelegt (Pl. 9.36, steingerechte Aufnahme, und Abb. 3.29). Das Fenster ist in hammerrechtes Mauerwerk mit ungeritztem Fugenverstrich eingebettet, der stark durch Rauch gebräunt ist, wie es in allen untersuchten Kernräumen bzw. Sälen der Häuser Clunys der Fall ist. Die Eck– und Bogensteine des Fensters sind mit der Spitzfläche bearbeitet. Die Leibung wurde bis zur Neuzeit mehrfach deckend verputzt und geschlämmt. Mehrere Fassungssteine sind an der Außenseite erhalten, sie bilden einen Fensterblattanschlag üblicher Breite von ca. 5 cm. 

Den Fenstersturz bildete an der Außenwand eine hochkant gestellte Platte, deren Höhe den Scheitel des Sturzbogens an der Innenseite erreichte. Der Sturzstein fehlt, kann jedoch nach dem Versatznegativ sowie im Vergleich mit einem zweiten Fenster rekonstruiert werden, dessen Sturzstein erhalten ist (Abb. 3.30, 3.31). Letzterer liegt in derselben Höhe, außerdem sind beide Fenster bezüglich der Firstachse des Hauses exakt symmetrisch angeordnet. Auf der Innenseite des zweiten Fensters zeichnet ein Putzriss die partiell erhaltene Leibung mit Fensternischenüberwölbung nach.76 

Es handelt sich demnach bei den Fensteröffnungen in der Westwand des Bauzustands um 1100 um zwei quadratische Fenster mit geradem Außen– und gewölbtem Innensturz, nach Maßgabe der rekonstruierbaren Breite (um 1.02 m) um Biforien mit Mittelsäule. Das gekehlte Kämpferprofil (Pl. 9.36) steht den Abakusprofilen der Wandsäulenkapitelle in der Kapelle Saint-Odile (nach 1063) näher als den Karniesbändern der Abteikirche oder den Sturzkonsolen des Hauses von 1136 (Pl. 9.29). Dessen Biforien sind stets mit halbrund ausgeschnittenen Stürzen versehen, wie alle späteren Biforien und Arkadenfenster des 12. Jahrhunderts in Cluny. Eine Verwandtschaft zum Haus in der Rue de la Chanaise liegt in der Tatsache, dass es sich bei den Stürzen noch um einfache, glatte Platten handelt, die keine Profilierung oder sonstigen Reliefschmuck tragen. Wegen der halbrunden Ausschnitte, die die Proportion der lichten Öffnung erhöhen, sind am Haus von 1136 an den Innenleibungen keine Kämpferprofile vorhanden, da der Bogenansatz der Wölbung regelmäßig tiefer liegt als der Scheitel des Sturzausschnittes, und die geöffneten Ladenflügel gegen das Profil schlügen. Nach den Beobachtungen an den Fenstern, den Eigenschaften des Mauerwerks und den typologischen Eigenschaften als Saalhaus mit abgesetztem Vorbau ist eine Datierung des älteren romanischen Hauses 1–3, rue de la Chanaise in die Zeit unmittelbar um oder nach 1100 wahrscheinlich. 

c. 14C-Radiokarbondatierung im Hof

Im rückwärtig liegenden, an die Rue de la Chanaise angrenzenden Hof wurde 1999 die Haustechnik einschließlich Entwässerung erneuert. Die Abgrabungen erreichten punktuell einen zusammenhängenden Horizont, der ca. 1.20 m unterhalb des Straßenniveaus liegt und den Boden eines eingetieften Areals bildete. Das Areal ist bis zur Oberkante des gewachsenen Lehms (um 0.40 m unter Hof– bzw. Straßenniveau) mit Erdreich aufgefüllt, das vielfach von neuzeitlichen Drainagekanälen und anderen Eingriffen durchsetzt ist.77 Der durch Regen schlammig gewordene Boden des Areals geht in den geologischen Lehm über und ist mit Holzkohlesediment bedeckt und durchsetzt. Die kohlehaltige Schicht zieht sich an den rötlich verfärbten, fast senkrecht abgestochenen Wänden auslaufend nach oben. Am Boden befanden sich in der aufgeweichten Schicht auch etwas unverbranntes Holz, das Fragment einer Ledersohle und Obstkerne von Weintraube, Apfel oder Birne sowie Kirsche. Diese Objekte müssen kurz vor der Verfüllung in die Grube gekommen sein. Aus dem Holzkohlesediment wurde etwa 0.5 g Kohle und etwas unverkohltes organisches Material entnommen, das 2008 einer 14C-Radiokarbondatierung unterzogen werden konnte.78 Das Datierungsergebnis ist wie folgt: 

Eichenbrettchen, analysiert die 5 äußeren Ringe, sowie Holzkohle (Nussbaumzweig): 

1019 cal. AD–1207 cal. AD (1019–1189: Wahrscheinlichkeit 98,4 %) 

Unbestimmter Baumzweig, unverbrannt: 

1028 cal. AD–1211 cal. AD (Wahrscheinlichkeit 100 %) 

Die erhaltenen Daten aus den drei Proben sind nahezu kongruent. Sie datieren die Füllung am Boden der Grube ins Hochmittelalter.79 Es ist die bisher einzige datierte organische Siedlungsspur in Cluny. Das eingetiefte kleine Areal wurde spätestens zur Zeit des Ausbaus der Parzelle gegen 1200 verfüllt und vom spätromanischen Haus besetzt. Es scheint sich bei bei der anthropogenen Eintiefung um ein hochmittelalterliches Depotoir oder Wirtschaftsgebäude der Bauphase um 1100 zu handeln.80 Keine der genannten Möglichkeiten ist in Cluny bisher anderweitig befundhaft festgestellt worden. 

Die Grube setzt sich nach Augenschein unter der Hofmauer durch bis in den Bereich unter deram Haus vorbeiführenden Rue de la Chanaise fort. Bei künftigen Tiefbauarbeiten im Bereich der Straße könnte diese Beobachtung überprüft werden. Zusammen mit dem Datierungsergebnis hat sie Bedeutung für die Rekonstruktion der Stadtentstehung: Die Rue de la Chanaise, die die Einfahrt in die Stadt bildet, ist erst zu oder nach der Zeit des 14C-Radiokarbondatums an der heutigen Stelle angelegt worden. Unabhängig kommt die Untersuchung der Stadtentstehung zum Schluss, dass diese Straße einen älteren Weg in den Ort hinein ersetzte. Der Weg lag parallel unterhalb am Hangfuß. Vieles weist darauf hin, dass er durch die Westerweiterung der Abtei in der Zeit um 1100 gekappt wurde. Innerhalb von Abtei und Stadt blieben Restabschnitte erhalten, von denen einer durch ein mittelalterliches Tor in der Abteimauer, die Porte des Prés, führte und weiterhin als bequeme, ebene Zufahrt zum Abteigelände diente. 

3.3.3 Zweite Bauphase gegen 1200

3.32 Haus 1–3, rue de la Chanaise.
Ostmauer der Zeit gegen 1200 mit durchgehend angeböschtem Sockel und durchlaufendem Brüstungsgesims im Obergeschoss. 

3.33 Haus 1–3, rue de la Chanaise.
Rekonstruktion des Bauzustands gegen 1200.
Die erhaltene Westmauer von Bau I um 1100 ist grau markiert.
Pl. 9.37, nachbearbeiteter Ausschnitt. 

Für die Annäherung an die Proportion der um 1200 errichteten Hausfront muss berücksichtigt werden, dass das Straßenniveau seit der Bauzeit bis heute zwischen 0.30 m und 0.40 m angestiegen ist. Diese Größen entsprechen der Stratigraphie vor der Fassade des unweit gelegenen Hauses 15, rue dʼAvril (um 0.30 m) bzw. der vorgefundenen Tiefe des geologischen Niveaus im heutigen Hof des untersuchten Hauses (um 0.40 m unter Hofniveau). Die Treppe von der Straße zum Saaleingang im 1. OG von Bau II kann kein Podest besessen haben. Ihre relativ steile Steigung von 32 Grad entspricht etwa derjenigen der Treppe im Haus 9, rue du Merle. Die Eingangstür schlug nach außen auf und gleicht darin weiteren Häusern des späten 12. und des 13. Jahrhunderts.81 Ein Teil der Leibung ist erhalten. Die im Ansatz erhaltenen, rekonstruktiv ergänzten Arkaden erscheinen nach Berücksichtigung der späteren, sukzessiven Aufhöhung des Straßenniveaus höher proportioniert, als bisher dargestellt. Die nach Befund der Wandanschlüsse neu rekonstruierten Arkadenfenster im 1. OG sind in Höhe und Breite den am Bau erhaltenen Biforien angenähert. Ihre Proportion entspricht so auch den Arkadenfenstern anderer Häuser derselben Stilstufe. Der Vorschlag einer ungeraden Arkadenzahl – 11 statt bisher 10 – ist vertretbar: In der Nachbarschaft sind die Häuser 23 und 25, rue de la République mit fünf bzw. sieben Arkadenfenstern ausgestattet. Die Mauerfläche oberhalb der Arkadenfenster lässt der Dach– und Deckenkonstruktion den notwendigen Raum. Ihre gegenüber bisherigen Rekonstruktionen größere Höhe geht zum einen auf die kleineren Fensterarkaden, zum anderen auf die Beobachtung der Giebelwände zurück. Der gegen 1200 auf den Ort des Dachs der Zeit um 1100 aufgemauerte Zwickel wurde bei der Umgestaltung des Hauses Ende des 18. Jahrhunderts von den Hausecken der Fassade ab auf 4 m Länge teilweise abgetragen. Das Dach wurde an dieser Stelle steiler, es entstand ein Knick in der Dachlinie, und die Deckplatten des spätromanischen Giebels fehlen; an der Ostwand wurden die Platten nach dem Umbau teilweise wieder aufgelegt. Es scheint ganz so aus, als hätten die romanischen Schildgiebel der Seitenmauern dem Formwillen des Klassizismus bei der Neugestaltung der Fassade nicht entsprochen, so dass sie teilweise entfernt wurden.82 Die Ergänzung eines Schildgiebels auf beiden Seiten führt zur Erhöhung der Hausecken um ca. 0.30 m bis 0.40 m. Dadurch wirkt die Proportion der Fassade in der neuen Rekonstruktion insgesamt vertikaler, als bisher vorgeschlagen. Die Dachfläche ist in der niedrigst möglichen Position angegeben; ihr Ansatz hätte bis zu 0.30 m Spielraum nach oben. 

Der Sockel der Ostwand ist in voller Länge des Hauses angeböscht. Dieses Baudetail bildet ein datierendes Merkmal für die Zeitstufe um 1200 (Abb. 3.32).83 Die Deckplatten des spätromanischen Giebels sind als Indikator für die Beobachtung weiterer Bauveränderungen zu gebrauchen. Sie fehlen jenseits des heutigen Firstes bis zur Rückseite des Hauses. Anders als an der Westwand, ist die Mauersubstanz dort aber der Zeit um 1200 zugehörig, so dass Platten zu erwarten wären. Der Baubefund eines Biforiums, von dem in der rückseitigen Hausecke ein Rest stehengeblieben ist, zeigt an, dass das Haus von hinten her verkürzt wurde. Dabei wurde die Giebelwand ein Stück weit abgetragen und sowohl First als auch Dachflächen der Westhälfte des Hauses angeglichen. Die Beobachtung während Ausschachtungsarbeiten für die Hausentwässerung im Hof ergab keinen Aufschluss über eine ältere Rückwand zwischen der heutigen Rückwand und dem Bereich des Hoftors. So ist die spätromanische Rückwand des Hauses jenseits (nördlich) des Hoftors zu rekonstruieren.84 Das bedeutet, dass das spätromanische Haus ursprünglich etwa so lang war, wie es die einigermaßen realitätsnahe Darstellung des „Terrier Bollo“ in der Ergänzung des 18. Jahrhunderts wiedergibt.85 Die Hauslänge lässt sich aus dem Terrier im Verhältnis zur Länge der Fassade mit ca. 22.90 m rekonstruieren. Die auf Pl. 9.36 wiedergegebene Rekonstruktion wurde unabhängig, vor der Einsicht in den Terrier, angefertigt. Sie geht von einem ursprünglichen First mittig zwischen beiden Biforien der Ostwand aus, so, wie an der Westwand vorgefunden. Vom First aus wurde nach hinten dieselbe Neigung wie zur Fassade hin angenommen. Die Höhe der rückwärtigen Ecke wurde nach derjenigen des Giebels an der Querwand zwischen Vorbau und Saalbau bestimmt. Die erschlossene Hauslänge liegt bei 21.40 m. 

3.34 Haus 1–3, rue de la Chanaise.
Westmauer Innenseite.
Fries unterhalb der Saaldecke (Fragment, ca. 13. Jh.). 

Die Gesamtheit der beobachteten Baueingriffe und die nahe Übereinstimmung der ermittelten Hauslänge mit den Angaben des Terrier lässt mit einiger Sicherheit auf die typologische Erscheinung des spätromanischen Hauses schließen: Es nimmt das Vorbau-Saalbau-System auf, bei dem der First sich mittig über dem Hauptraum befand, wie es die ältere Bauphase um 1100 und weitere untersuchte Häuser vorgeben.86 Der Nachweis eines derartigen Saalhauses lässt sich auch im Inneren finden. An die Innenseite der Westmauer ist unmittelbar unterhalb des Dachdreiecks der Abdruck einer hölzernen Saaldecke eingeprägt, darunter stehen Reste eines Frieses aus Gelb– und Rotocker auf weißer Kalkschlämme, der dem 13. Jahrhundert zugewiesen werden kann (s. Abb. 3.34 und Pl. 9.36 oben, Ansicht der Westwand). Die heutige Decke stammt aus dem späten 18. Jahrhundert; in der frühen Neuzeit (15.–17. Jahrhundert) war eine noch niedrigere Zwischendecke eingezogen. 

Das Sockelgeschoss des Hauses ist bergseitig etwa 1.00 m weit ins Erdreich eingetieft, dies nach Maßgabe der Westwand schon seit der früheren Bauphase um 1100. Die Mittellängsmauer aus der Zeit um 1200 teilt das Grundrisstrapez nicht vollkommen symmetrisch. Vielmehr hatten die Säle zu beiden Seiten der Mauer bei unterschiedlicher Länge etwa die gleiche maximale Breite.87 Das kann einerseits mit dem gewünschten Raumeindruck zusammenhängen, um den Grundriss des Ostsaals nicht mehr als nötig vom Rechteck abweichen zu lassen, andererseits auch durch statisch sinnvoll begrenzte Balkenlängen (unter ca. 7.50 m) für Geschossdecke und Dach bedingt sein. Der Grundriss mit Mittellängswand erinnert an den Doppelsaalbau von 1136 (s.u.). Es ist von einem typologischen Zusammenhang auszugehen. Der eingangs besprochenen Urkunde ist zu entnehmen, dass es sich bei dem Haus um vererbbares Privateigentum handelte; ob es als Doppelsaalhaus einer besonderen Nutzung diente, lässt das Dokument allerdings offen. 

 

3.4 So genannte „Écuries“ bzw. „Hôtellerie (de Saint Hugues)“
Aula der Periode Cluny III von 1107/08 (d)

Pl. 9.35 

Stadtübersicht Pl. 9.1: L 

Zeittafel S. 342351: 15 

3.35 Cluny III, Aula von 1107/08 (d).
Frontalansicht aus Richtung der Längsachse der Abteikirche Cluny II. 

3.4.1 Vorbemerkungen

Das im bisherigen wissenschaftlichen wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch als „Écuries“ bzw. jüngst zunehmend als „Hôtellerie (de Saint Hugues)“ bezeichnete Bauwerk ist das einzige innerhalb der Abtei, das größtenteils noch in seiner ursprünglichen Bausubstanz der Periode Cluny III erhalten ist (Abb. 3.35). Die vorhanden Bauanalysen, Rekonstruktionen von Architektur und Nutzung sowie die Datierung um 1100 lassen es als Vergleichsbau ersten Ranges für die frühen Stadthäuser erscheinen, das auch einiges Wissen zur Diskussion um die Zusammenhänge zwischen Sakral- und Profanbau beitragen kann. Neil Stratford bezeichnet diesen großen Saalbau als „Bâtiment de service“88 und kommt über die Ergebnisse der überschlägigen Bauuntersuchung von Kenneth John Conant nicht hinaus.89 1988 wurde der Dachstuhl des Bauwerks Gegenstand einer dendrochronologischen Untersuchung mit dem Datierungsergebnis 1095–1107, das die als „Gästetrakt“ 90 interpretierte Architektur bis heute begleitet.91 Die klare Darstellung der knappen archäologischen Grundlagen, an der Stratford besonders gelegen ist,92 erfordert den Hinweis, dass unter den romanischen Bauten der Abtei außer den „Écuries“ nur Teile der Abteikirche III, der Klostermauer und der „Portes dʼHonneur“ sowie der „Tour des Fromages“ im Aufrechten erhalten sind und an Fundament wie Aufgehendem bauarchäologisch unterschiedlich intensiv untersucht wurden. Dazu kommen neben den Fundamenten einer Marienkirche auf dem Abteigelände die ergrabenen Fundamentteile der benachbarten Abbatiale II mit geringen Resten von Aufgehendem, die im gotischen „Palais du pape Gélase“ aufgegangen sind; letztere sind nicht erschöpfend ausgewertet. Die häufig dargestellten monumentalen und vollständigen Rekonstruktionen der zahlreichen Klostergebäude sind großteils hypothetisch auf der Basis eines anonymen Klosterplans der Zeit um 1700 entwickelt worden.93 Eckdaten für die Datierung der Anlage III bleiben seit vielen Jahren eine Altarweihe 1095 und die Konsekration von 1130 mit unterschiedlichen Zuordnungen jeweiliger Bauzustände, seit 1991 das Ergebnis der dendrochronologischen Datierungskampagne von 1988. Die vorliegende Neuuntersuchung und präzise Datierung der „Écuries“, die auch den Vergleich mit den untersuchten Stadthäusern ermöglicht und erfordert, bildet vor diesem Sachstand eine neue Grundlage. 

Damit das Gebäude für den Vergleich gebraucht werden konnte, stellte sich bei der Quellensichtung heraus, dass eine mindestens ansatzweise Kartierung und Neuuntersuchung unumgänglich war. Es lagen zwar mehrere Rekonstruktionszeichnungen des Bauwerks und ausschnitthafte Systemdarstellungen des Dachstuhls vor, jedoch nicht eine einzige systematische Bauaufnahme, die diese Ergebnisse überprüfbar machte. Schon nach bloßer Inaugenscheinnahme des Baus standen diese Interpretationen mit dem Befund teilweise im Widerspruch. Die vorliegende Bauuntersuchung, Teilbauaufnahme im Maßstab 1:50 und detaillierte Aufnahme von konstruktiven Details im Dachstuhl erbrachte neben einigen Befundabsicherungen neue Ergebnisse, die die Datierung, die Rekonstruktion und die bauhistorische Stellung der „Écuries“ nachhaltig verändern. Im Überblick können vorab als neue Ergebnisse genannt werden: 

1die dendrochronologische Datierung von Dachstuhl und Erdgeschossdecke auf ein Fälldatum im Winter 1107/08, 

2der systematische Aufbau des Dachstuhls in Quer– und Längsrichtung, 

3die Feststellung der Ungleichheit der Längsseiten des Bauwerks (Vorder- bzw. Rückseite) und der hypothetisch daran anschließbaren Bauteile, 

4der symmetrische Bezug des Gebäudes auf eine Quermittelachse, welche aus der Längsachse von Cluny II erwächst, 

5Bauproportion und –dimensionierung nach einem Quadratraster, dessen Seitenlänge eine pertica von 3.16,25 m ist, im Verhältnis 16 : 4 : 5 (L, B, H bis Traufe), 

6die Absicherung der Interpretation als Saalbau mit Sockelgeschoss und offenem Dachstuhl durch den Befund, 

7die Feststellung, dass es sich, gemessen an der Baugröße, unter den Bauten der Periode Cluny III um die „Nr. 2“ nach der Abbatiale handelt, 

8die Interpretation des Großbaus als Aula der Periode Cluny III, angelegt in der Achse des Atriums von Cluny II.94 

Im Vergleich der Stadthäuser mit den Gebäuden der Abtei nimmt der Saalbau der „Écuries“ eine Mittelstellung zwischen den untersuchten Stadthäusern und der Abteikirche ein. Mit den zeitnahen Stadthäusern teilt der Bau charakteristische typologische und konstruktive Eigenschaften: 

1einen kompakten, vom Rechteck abgeleiteten Grundriss, 

2die typische Aufrissgliederung in ein Sockelgeschoss und ein Saal– oder Wohngeschoss, dem ein Treppenvorbau mit solarium vorgelagert ist, 

3einen Entwurf in sehr einfacher Proportion, der aus Vielfachen einer Stablänge von ca. 3.15 m bemessen ist und geometrisch aus Quadrat bzw. Rechteck abgeleitet wurde, 

4die Mauertechnik, die kantige Geschlossenheit des Mauerbildes von leicht bewegter Binnenstruktur und die Eckausbildung (sofern keine Sonderform vorliegt, wie etwa bei den Lisenen der Südwand), 

5die Putztechnik (pietra-rasa) und deren Qualität, in der Fläche ohne stilatura, 

6die Art und der Genauigkeitsgrad der Bearbeitung von Bauhölzern, 

7das Konstruktionsweise von Dachfuß und Firstverblattung, 

8eine flächenhaft kubische Erscheinung, fast ohne künstlerische Ausstattung durch Bauskulptur. Es scheint, dass die von ornamentalem Relief überzogenen Arkadenfenster der Stadthäuser erst ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gefertigt wurden und zeitnah am Vorbild des fertigen Kirchenbaus der Periode III mit Vierungstürmen und Innenausstattung orientiert sind. 

Die hauptsächlichen Unterschiede zwischen den „Écuries“ und den Stadthäusern stellen meist Gemeinsamkeiten mit der Abteikirche dar. Sie betreffen die Baugröße sowie Details des Bauschmucks, der Belichtung und der Dachkonstruktion: 

1Die „Écuries“ sind ein Großbau, dessen Dimensionierung im Gesamten wie in allen Einzelheiten diejenige der Stadthäuser mehrfach übertrifft. Die Raumbreite des Saals entspricht exakt derjenigen des Hauptschiffs der Abteikirche. 

2Es sind Ecklisenen und Konsolgesimse vorhanden, wie sie auch an der Abteikirche zu finden sind. Die Lisenen enthalten großformatige, wahrscheinlich wiederverwendete Quader aus Arkose. In der Mauerfläche sind die Steine größerformatig als beispielsweise an der Seitenwand des ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091. 

3Der Saal erhält, wie ein Kirchenbau, Licht durch einen Obergaden aus Einzelfenstern mit Rundbögen und Schrägleibungen nach innen und außen. Die Fenster waren nicht mit einem Holzladen, sondern mit einem Rahmen geschlossen, dessen Fläche bleiverglast rekonstruierbar ist. Es gibt nur Einzelfenster an dem Bau, keine Biforien wie an den Stadthäusern. 

4Das lange Dach ist als Sparrendach ausgebildet, nicht als das Sparren-Pfettendach der Stadthäuser. Allerdings unterscheidet es sich vom letzteren nur durch seine etwas größere Steilheit, den Verzicht auf einen Stuhl und durch die im Verhältnis dichtere Lage der Dachbalken, nicht aber im System der konstruktiven Verbindungen, insbesondere des Dachfußes (Pl. 9.45). 

3.4.2 Bauhistorischer Befund

3.36 Cluny III, Aula von 1107/08 (d).
Traufseitige Front und Südgiebel mit Figur eines Löwen.
Rechts oben: „AULA NOVA“ mit Löwen– und Drachenakroter in Canterbury.
Umzeichnung der Darstellung des Kathedralbezirks im „Eadwine-Psalter“ (um 1155–70; Ausschnitt. Vgl. Abb. 2.4). 

a. Lage des Bauwerks

Bis zur Auflösung der Abtei Ende des 18. Jahrhunderts lag der romanische Saalbau der „Écuries“ im Westen der Anlage am vierseitigen Haupthof der Abtei. Er rahmte den Hof von Westen her ein. Im Norden stand der Narthex der Abbatiale III. Im Süden ging von den „Écuries“ ein zweigeschossiger, spätromanischer Flügel ab, den Kenneth John Conant als „Hospice de lʼabbé Pierre“ bezeichnet, und der an dem turmartigen Bau der „Aumonerie“, der Armenspeise, endete. Im Osten steht noch heute das gotische, so genannte „Palais des papes“ bzw. „Palais du pape Gélase“, das seit dem 17. Jahrhundert nachweislich als Gästehaus diente. Die Gebäude an der Nord– und Südseite des Hofs sind zerstört, der Narthex der Abteikirche archäologisch ergraben. Um 1108, zur Bauzeit der „Écuries“, stand der Narthex von Cluny III noch nicht, ebenso wenig der Flügelanbau „de lʼabbé Pierre“. An beiden Giebelseiten stand der Saalbau frei und war von weither zu sehen. Der Südgiebel mit dem Löwenrelief war zur Stadt hin gerichtet (Abb.3.36). Im Osten des Vorplatzes erhob sich den „Écuries“ gegenüber die Abteikirche Cluny II mit vorgelagertem Atrium. Es ist ein neues Ergebnis, dass die Längsachse von Cluny II in der Verlängerung über den großen Hof fast senkrecht (ca. 87 Grad) auf die „Écuries“ traf und diesen Saalbau genau in der Mitte schnitt. 

b. Bestand (Überblick)

Das Bauwerk stellt sich als rechteckiger Langbau mit Satteldach dar. Es ist aus hammerrechtem Mauerwerk errichtet. Die Ecken enthalten zum Teil angeflächte Steine. Lisenen und Bögen sind größtenteils aus Hausteinen gebildet. Innerhalb des südlich angrenzenden, neuzeitlichen Anbaus sind an der Südaußenwand des Saalbaus Restflächen eines bauzeitlichen Fugenverstrichs ohne Stilatura erhalten. Auf einem hohen Sockelgeschoss, das mit einer Stufe vom Obergeschoss abgesetzt ist und durch eine Reihe Schlitzfenster Licht erhält, erhebt sich ein Saalgeschoss mit hochliegendem Lichtgaden aus Einzelfenstern auf der Süd–, Ost- und Nordseite. Darüber steht ein Satteldach mit 35 Grad Neigung und knappem Traufabschluss. Das Gebäude ist um 53.07 m lang und knapp 15 m breit. Es ist bis zur Traufe ca. 15 m, bis zur Firstlinie ca. 20.60 m hoch. 

Der romanische Baukörper ist 1798 mit dem Durchbruch einer Straße geteilt worden. Mehr als die Hälfte des ursprünglichen Baus ist im heutigen Südteil erhalten geblieben. Die Ostfassade ist im 19. Jahrhundert mit Durchbrüchen großer Rundbogenöffnungen in fünf Fensterachsen neu gestaltet worden, deren mittlere im Sockelgeschoss ein Tor enthält. Teilweise sind die romanischen Gadenfenster des Saalgeschosses in diese Achsen aufgenommen worden. Auch an der Rückwand wurden im selben Umbauvorgang breite, hochliegende Sockelfenster durchgebrochen. Der nördliche Gebäuderest ist in ein neues Haus integriert worden, nachdem man Nordgiebel und Dach abgebrochen und die Höhe der Traufen bis unterhalb des romanischen Lichtgadens reduziert hatte. Auch die überstehende Mauerschale des abgestuften Sockelgeschosses wurde in der ganzen Fläche abgeschlagen und so dem Obergeschoss angeglichen. Sie wurde in jüngster Zeit in der bauzeitlichen Form wiederhergestellt. 

Der romanische Südgiebel ist erhalten. Auf einem konsolengestützten Horizontalgeison gliedern drei stehende Fenster das Giebeldreieck. Das mittlere der drei Fenster steht in der Giebelachse und ist größer als die beiden seitlichen. Unterhalb der Giebelspitze ist das Relief eines Löwen eingelassen. Wie auch am erhaltenen Querschiff der Abbatiale, ist das Schräggeison mit Konsolen akzentuiert, ebenso das Traufgesims der langen Ostseite. Die Westseite des Baus ist eine fensterlose Wand ohne Traufgesims. Es sind dort im Saalgeschoss zwei romanische Toröffnungen vorhanden, daneben zwei spätere, wieder vermauerte Durchgänge. Über sekundäre Anbauten und einen modernen Treppenaufgang wird der heutige Theatersaal erschlossen. Eine vertiefte Untersuchung aller Bauzustände der „Écuries“ kann hier allerdings nicht geleistet werden. Der Fokus ist auf den Erstzustand der Bauzeit um 1108 gerichtet, der vermittelt werden und dem Vergleich für die vertieft untersuchten Stadthäuser dienen soll. 

c. Abmessungen

Der Grundriss des mittelalterlichen Saalbaus misst an der Außenkante des Sockels um 53.07 m in der Länge und um 14.92 m in der Breite. Für die Höhenmessung dient das Niveau des modernen Fußbodens rechts am Haupteingang des Erdgeschosses als Referenz. Im Vergleich zur Referenzhöhe liegt das Straßenniveau an der rückwärtigen Westseite bis zu 0.72 m höher (NW-Ecke), an der Ostseite bis zu 0.28 m tiefer (NO-Ecke). Die heutige Oberkante des romanischen Sockelgeschosses im Außenbereich bewegt sich um 4.57 m (± 0.03 m) über der Ausgangshöhe und ist von einem neuzeitlichen Schrägprofil abgedeckt. Die Traufhöhe des romanischen Baus wurde indirekt ermittelt. Die Unterkante des Gesimses am neuzeitlichen nördlichen Gebäudeabschluss der heutigen, verkürzten „Écuries“ liegt um 14.64,35 m über dem Fußboden (Lasermessung). Dieses Gesims schließt unmittelbar an das das romanische Traufgesims an und führt um die Hausecke herum. Die Plattenhöhe des Traufgesimses kann anhand einer Fotovergleichsanalyse auf etwa 12 cm (± 2 cm) geschätzt werden, so dass die Traufoberkante um 14.76 m über der Referenzhöhe liegt. An dieser Stelle beginnt die Schräge des insgesamt ca. 5.60 m hohen Satteldachs. 

Die Abweichungen des Grundrisses aus der exakten Form des Rechtecks betragen etwa 10 cm in der Breite und bis ca. 5 cm in der Länge des Baus. Die bauzeitlichen Winkel des Innenraums im Erdgeschoss im Südteil liegen hart bei 90 Grad. Im stark umgebauten Nordteil gibt es möglicherweise eine Toleranz von 1 Grad gegenüber dem rechten Winkel; die originale Mauerfläche ist dort nicht zugänglich, deshalb nicht unmittelbar zu messen. Die Raumbreite im Sockelgeschoss beträgt an der Südwand 11.47 m, in der Gebäudemitte 11.38 m. Wegen der vielen Bauveränderungen wäre sie an der Nordwand nur noch in einem allerdings unzugänglichen Kellergeschoss zu ermitteln. Nach Maßgabe der Außenabmessung im Vergleich mit dem Südteil liegt sie zwischen 11.30 m und 11.40 m. 

Die Längsmauern des Sockels sind um 1.77 m stark. Die entsprechende Mauerstärke der Giebelseiten ist nur indirekt zu ermitteln. Sie liegt im Sockelgeschoss um 1.49 m für die Südwand und um 1.30 m für die Nordwand.95 An den Längsseiten ist der Sockel innen wie außen durch eine Stufe vom Saalgeschoss abgesetzt. An der einzigen messbaren Stelle im Innern ist die Stufe 0.31,5 m tief, außen zwischen ca. 0.28 m und 0.38 m. Im Äußeren ist die Mauerschale in diesem Bereich fast durchgängig verformt, repariert bzw. ersetzt, deshalb die Varianz. Im Saalgeschoss wurde die Mauerstärke im Eingang an der Westwand (1.11,5 m) und in einem Durchbruch im oberen Teil der Nordwand (1.07 m einschließlich moderner Putze) direkt gemessen. Die Ostmauer enthält im Saalgeschoss derzeit keinen offenen Durchbruch. Ihre Stärke ist nur indirekt vom Sockel her zu bestimmen und wegen der Varianz der gemessenen Sockelüberstände zwischen ca. 1.08,5 m und ca. 1.15,5 m gestreut. Der Mittelwert, 1.12 m, ist der Stärke der Westmauer vergleichbar. 

Die Mauer des Südgiebels ist 1.03,5 m stark. Die Messung von innen her durch ein Gerüstholzloch erreicht die Außenseite der Mauer im Giebeldreieck, die gegenüber der Außenfläche des Saalgeschosses unterhalb des Horizontalgeisons nach außen versetzt ist und wie eine Vormauerung von ca. 0.10 m Mächtigkeit erscheint. In dieser Eigenschaft erzeugt sie auch die Stufung der Fenstergewände. Die Giebelmauer ist im Inneren durch ein 0.23–0.23,5 m breites Bankett von der unterhalb anschließenden Saalwand abgesetzt. So lässt sich die Stärke der südlichen Saalmauer am oberen Abschluss mit ca. 1.16 m ermitteln. Die Mauerstärke des Sockels der Südwand kann bisher nur rechnerisch durch Addition der Lisenentiefe zur Saalmauerstärke bzw. durch Peilung ausgehend von dem Mauerstumpf an der Südostecke und Abtragung im Planwerk ermittelt werden. Das Ergebnis liegt zwischen 1.46 m (oben) und 1.49 m (unten). Die von den Gebäudeecken am Sockel abgehenden Mauerstümpfe bzw. –abrisse sind im NW ca. 1.16, im NO 1.15–1.18 und im SO ca. 1.18–1.30 m stark. Im SW liegen sie in stehenden Anbauten und konnten nicht gemessen werden. Allerdings ist nur der Mauerstumpf an der NO-Ecke Richtung Süden archäologisch eindeutig als bauzeitlich nachgewiesen. Der heute an der NW-Ecke modern nachgebildete Abriss scheint einer reinen Analogiebildung zu folgen.96 

Die Erdgeschossdecke wird entlang der Längsachse von einer Reihe von Rundpfeilern getragen, die je um 0.95 m Durchmesser haben. Das Achsmaß beträgt um 6.32,5 m. Von den insgesamt sieben für die ursprüngliche Länge der Aula im selben Achsabstand zu ergänzenden Pfeilern sind die vier südlichen erhalten.97 

d. Mauerwerk und Bauskulptur

Um die Rekonstruktion des Bauwerks zu ermöglichen, wurde erstmals eine Grundrissaufnahme im Maßstab 1:50 angefertigt, die durch punktweise Aufrissmaße vervollständigt wurde.98 Die stratigraphischen Beobachtungen an unweit gelegenen Stadthäusern dienten zusammen mit vorliegenden Grabungsfotos der Nordostecke der „Écuries“ zu einer neuen Niveaubestimmung des romanischen Baus.99 

Konstruktion und Gesteine. Die Konstruktionsweise aus zweischaligem, hammerrechten Mauerwerk bestimmt mit zart bewegter Binnenstruktur die kantig geschlossenen Wandflächen und Fenstergewände. Bemerkenswert ist der Verzicht auf die im 11. und 12. Jahrhundert allgegenwärtigen Blendarkaturen. Wie die Mauerscheiben, ist auch die Rundpfeilerreihe im Erdgeschoss aus hammerrechtem Lagenmauerwerk aufgeführt, das allerdings mit der Spitzfläche nachbearbeitet und der Oberflächenkrümmung angepasst wurde. In gleicher Art sind die einlagig gemauerten, wenig überstehenden Deckplatten der Rundpfeiler gebildet. Die Mauern stehen auf einem Fundament aus grob gerichteten Bruchsteinen mit unregelmäßig vorstehendem Bankett. Ob das Fundament lehm– oder mörtelgebunden ist, lässt sich den vorhandenen Grabungsfotos nicht mit Sicherheit entnehmen.100 Das aufgehende Mauerwerk enthält einen gelbgrauen Kalkmörtel mit Kieselzuschlägen bis ca. 10 mm Durchmesser. Die erhaltenen Rundbögen über den Durchgängen sind in einheitlicher Bogenstärke aus Hausteinen ausgeführt. Sie sind fein mit dem Beil geflächt, teilweise auch die seitlichen Fassungssteine der im Grundriss rechtwinklig angelegten Öffnungen. Die genannten Konstruktionsmerkmale sind den Ostteilen der Abteikirche vergleichbar.101 Dieser Vergleich kann durch die neu entdeckten, frühesten Stadthäuser verdichtet werden. 

3.37 Cluny III, Aula von 1108.
Sockelgeschoss.
Fenster mit Bogensteinen aus grauer Arkose. 

Auch die zum Bau verwendeten Gesteine geben Aufschluss über die Periodisierung des Bauwerks. Die Mitverwendung von Arkose in den Lisenen der Südseite und den Bögen über einigen Öffnungen (Abb. 3.37) entspricht der Praxis an den Ostteilen der Abteikirche, während dort ab der Errichtung des Langhauses nur noch das hauptsächlich zum Bauen verwendete Gestein Clunys, Oolith, verbaut wird.102 Das sporadische Auftreten der mehrheitlich grob geflächten und körnig verwitterten Arkose und die ungleichmäßigen, teils geknickten Leibungsflächen der daraus errichteten Bögen lassen bei den „Écuries“ an wiederverwendete Keilsteine denken. 

Die Fernbeobachtung des Giebellöwen an der Südwand der Écuries stellte an der Skulptur ein von der Abteikirche III abweichendes Gestein an der Skulptur fest (Abb. 3.38). Es scheint derselbe körnige Stein zu sein, der für zwei erhaltenen Palmblattkapitelle der Periode Cluny II verwendet wurde.103 Es handelt sich wahrscheinlich um den sehr harten Crinoiden-Kalkstein, den die Hauwerkzeuge bis ins 13. Jahrhundert hinein nur mit Mühe beherrschten. Auch das Fenstersäulenkapitell, das dem ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091 zugeordnet werden kann, ist aus diesem harten, körnigen Material gehauen und zeigt ebenfalls verzogene Linien und eine vergleichbar raue Oberfläche mit relativ unscharfem, flachen Ornament. Das stark hochgeschnittene Relief, teilweise mit Unterschnitt und dem Anschein vollplastischer Ausbildung der Hinterhälfte, könnte aus einem anderen Kontext stammen. Die Interpretation des Giebellöwen der „Écuries“ als Zweitverwendung einer Skulptur der Periode Cluny II ist zu überlegen. In der Tat steht die Skulptur der „Écuries“ in einer gewissen Nähe etwa zu den liegenden Löwen des 11. Jahrhunderts in der Speyrer Krypta, hat aber durch seine angehobenen Fersen und Ellbogen eine höhere dynamische Wirkung.104 Da der Löwe auf einer Konsolplatte steht und eine starke Fernwirkung hat, ist er jedenfalls für eine Versatzstelle in einigen Metern Höhe hergestellt worden. 

Ein Bogenstein im Rundbogen am Rechteckhaus von 1091 ist aus Arkose gefertigt, desgleichen die sichtbare Turmecke und der Fenstersturz im Sockelgeschoss des „Tour des Fromages“; an den Stadthäusern des 12. Jahrhunderts ist das Material nicht mehr zu finden. Der Turm ist als einziger aufrechter Bau der Abtei aus dem 11. Jahrhundert erhalten. Bautechnisch steht er der Vorkirche von St-Philibert in Tournus nahe.105 Die sehr verschiedenen, am unteren Teil des Turms verwendeten Gesteine könnten zum Teil wiederverwendet sein und weisen darauf hin, dass die Erschließung größerer Steinbrüche vor Ort noch am Anfang stand. Die Inseln und eingeschossenen Lagenabschnitte von marmorartig grauweißem Stein nach römischem Vorbild, wahrscheinlich Kimmeridgium-Sediment des oberen Jura, und die Arkose-Eckquader im Erdgeschoss des Turms mögen Odilos Bemühen um die Durchsetzung des Steinbaus in Cluny bezeugen.106 Die einfache, relativ grobe Bauskulptur dieser Zeit in Cluny wirkt noch sehr ursprünglich. Nach allen Anzeichen waren der einfache Feldsteinmauerwerks- und der Holzbau bei den Profanbauten bis in die Zeit um 1100 die Regel. Der Übergang zum anspruchsvolleren Steinbau ist noch am Haus von 1091 abzulesen. Vor diesem Hintergrund erhält das in Cluny III verkörperte Projekt des Abts Hugo, zu dem die Aula von 1108 gehört, und das wenige Jahrzehnte nach Odilo in Angriff genommen wurde, erst recht jenen visionären und megalophilen Zug, der das Zeitalter der großen Kathedralen eröffnet.107 

3.38 Cluny III, Aula von 1108.
Löwenrelief in der Spitze des zur Stadt weisenden Südgiebels. 

e. Geschosse und Anbauten des Saalbaus

Sockelgeschoss des Saalbaus. Das bauzeitliche Hofniveau der Zeit um 1100 vor der Ostfassade der „Écuries“ liegt ca. 1.75 m höher als in den bisher vorliegenden Rekonstruktionen. An der Nordostecke wurde bei der Grabung durch den Service dʼarchéologie 1998 ein Bankett freigelegt (Abb. 3.39). Die Auswertung von Grabungsfotos ergab, dass es den Übergang vom Fundament zum Oberbau markiert. Es ist zwischen ca. 0.12 m und 0.32 m breit, d.h., aus unterschiedlich überstehenden Steinen zusammengesetzt. Diese Eigenschaft weisen es als bodengleiche oder bodennahe Oberkante eines Fundaments aus. Es kann sich nicht um eine Stufe innerhalb des Aufgehenden handeln.108 Rechnerisch ist das Bankett mit einer Toleranz von ca. 2 cm auf 0.75 m unterhalb des Straßenniveaus von 2007 zu fixieren (Pl. 9.35). Das Straßenniveau liegt an dieser Stelle 1.28 m unterhalb der Meterlinie des Sockelgeschosses, d.h., 0.28 m unterhalb der Referenzstelle des Fußbodens am heutigen Mitteltor im Erdgeschoss des Südteils. Das Bankett liegt demnach ca. 1.03 m unterhalb dieses Fußbodens. Das zum Bankett gehörige Hofniveau unter den Arkaden des Vorbaus liegt nach der Fotografie (Abb. 3.39) etwa 2–4 cm tiefer als das Bankett selbst.109 

Durch die Niveaubestimmung ändert sich das Bild der bisherigen Rekonstruktion der „Écuries“.110 Der gesamte Bau erscheint ca. 1.75 m niedriger als in der Darstellung von Kenneth John Conant und ist dadurch proportional gelängt. Von der Traufe als Ausgangshöhe her gemessen, liegen die Bänke der Sockelfenster an der Außenseite ca. 0.75 m niedriger als in Conants Fassadenrekonstruktion. Deren viertes Sockelfenster von Süden ist als hypothetisch zu kennzeichnen. Ab dem sechsten Fenster ändern sich die Abstände der Fenster gegenüber der Darstellung Conants, des Weiteren können keine Eingangstore unterhalb der Fenster rekonstruiert werden. Einziger bisher lokalisierter bauzeitlicher Zugang in das Sockelgeschoss ist das neu entdeckte Mitteltor in der langen Gebäudefront. Von diesem sind noch die senkrechten Kanten der Leibungen im Innern erhalten. Die nördliche Leibungskante reicht bis 1.67 m über dem heutigen Fußboden. Es kann sich dabei um die Kämpferhöhe handeln. Wie bei den Toröffnungen im Saalgeschoss kann ein Bogensturz existiert haben, der bei der Neuordnung des Baus im 19. Jahrhundert, die der Gebäudeteilung von 1798 folgte, zerstört wurde.111 Den Vorschlag eines Rundbogentors stützt, dass die heutigen Fenster– und Toröffnungen im Inneren mit wiederverwendeten romanischen Bogensteinen überwölbt sind. Vielleicht erinnert auch der Rundbogen des klassizistischen Mitteltors an die frühere Gestaltung. 

3.39 Cluny III, Aula von 1108.
Sockelgeschoss.
Östliche Innenecke des Vorbaus mit Fundamentbankett. 

Das Fundamentbankett des Gebäudes liegt am Mitteltor ca. 1.07 m unterhalb des heutigen Fußbodens. Es ist nahe der NO-Ecke ergraben worden, doch kann seine Höhenlage über die gesamte Ostfassade nicht stark variieren. Es verläuft im sondierten Bereich mit annähernd horizontaler Oberkante. Die langgestreckte Aula steht quer auf dem Schwemmkegel des Médasson-Talausgangs, zwischen der Au der Grosne im Norden und dem Médasson im Süden. Nach Süden hin fällt das Gelände leicht ab, nach Norden verläuft es etwa bis zum Nordende der „Écuries“ horizontal und geht dann in den Grosne-Talrand über. Die Längsachse der Abteikirche Cluny II, deren Anlage anscheinend das geologische Relief berücksichtigte, folgt dem nach Osten auslaufenden Schwemmkegel. 

Das romanische Mitteltor der „Écuries“ erhält nach Maßgabe des Banketts eine rechnerische Flügelhöhe von ca. 2.75 m bis 2.85 m.112 Im Inneren ist es zwischen den Leibungen 2.58,5 m breit. Eine angenommene Anschlagbreite zwischen 0.10 m und 0.15 m auf jeder Seite reduziert die lichte Öffnungsbreite des Tors auf der Außenseite auf 2.30 m bis 2.35 m. Es ist bei dieser Breite ein doppelflügliges Tor anzunehmen. An der Front wird nach dem Beispiel aller erhaltenen Durchgänge der Bauzeit ein Rundbogen den Sturz gebildet haben, doch ist auch ein flacher, monolithischer Sturz möglich, wie etwa an der Porte des Morts an der Südseite der Abteikirche III. Wird der Scheitel – oder die Unterkante eines flachen Sturzes – 1.29 m unterhalb der inneren Überkupplung ergänzt, liegt er ca. 2.75 m über dem Fundamentbankett. Die Kämpferlinie der Rekonstruktionsvariante mit einem Torbogen befände sich ca. 1.60 m über dem Bankett. Die Proportion einer solchen Öffnung entspräche derjenigen des Rundbogentors am Haus von 1091, die Öffnungsgröße und die Kämpferhöhe einer der kleineren unter den Arkaden in den spätromanischen Hausfassaden. 

3.40 Cluny III, Aula von 1108.
Sockelgeschoss.
Inneres nach Süden. 

Im Innern des Sockelgeschosses (Abb. 3.40) sind an der Südgiebelwand drei vermauerte Schlitzfenster zu erkennen. Sie gehören zu einer Reihe von ursprünglich vier Fenstern, die symmetrisch auf die Mittelachse der Giebelmauer bezogen sind. An der Stelle des ursprünglichen zweiten Fensters von Osten befindet sich ein breiter späterer Durchbruch. Die zwei westlichen Fenster sind auch im Äußeren erhalten und wurden vom Nachbargebäude her eingemessen. Sie sind außen 2.21,5 m hoch, 0.45,5 m bzw. 0.46 m breit und erweitern sich nach innen. An der langen Ostmauer befinden sich die Fragmente von sechs gleichartigen, knapp 0.40 m breiten Fenstern in nicht ganz gleichen Abständen. Ein siebtes kann in der Mitte des heutigen Südteils hypothetisch die Reihe ergänzen (vgl. Pl. 9.35). Nahe dem Mitteltor stehen die Fenster enger beisammen. Die Westwand enthält in der gesamten Fläche keine bauzeitlichen Fenster, so dass der ursprüngliche Zustand in Erd– wie auch Saalgeschoss als fensterlos darzustellen ist. 

Die Schlitzfenster des Sockelgeschosses wurden innen mit Schrägbänken ausgestattet, die um 0.50 m (Giebelwand) bis 0.60 m (Frontwand) über dem heutigen Fußboden liegen. Das Fundamentbankett liegt ca. 1.08 m tiefer, so dass die Glacisunterkante zwischen ca. 1.58 und 1.68 m über dem romanischen Außenniveau festgelegt werden kann. Da die Schlitzfenster mit Schrägbank gegenüber dem Innenraum als hochliegende Fenster gestaltet sind, muss überlegt werden, ob das Geschoss in die Erde eingetieft war. An der Rückwand ist gegenüber dem Mitteltor ein vermauerter, sekundärer, spätromanisch spitzbogig überwölbter Durchbruch zu finden. Die Bogenhöhe beträgt 1.00 m, die Spannweite 1.72 m, die Bogenstärke um 0.35 m. Die Kämpferlinie liegt 0.80 m über dem heutigen Fußboden. Unterhalb ist links und rechts die Versatzstelle eines ausgebrochenen, 0.31,7 m hohen Sturzes zu erkennen. Auf beiden Seiten lagen die Anfänger des Bogens mit je ca. 0.19 m Überschnitt auf diesem Sturz auf.113 Unterhalb des Ausrissbildes sind senkrechte Leibungskanten bis unter Fußbodenniveau zu beobachten, die gegenüber der Bogenfläche am Anfänger um 3,5 cm versetzt sind, so dass die Öffnung etwas schmäler als die Bogenbreite ist. Mit der Funktion etwa eines Backofengewölbes lässt sich die Höhenlage des Bogens nicht verbinden. Es kann sich um die Überwölbung eines Waschbeckens oder – eher noch – eines Eingangs in einen eingetieften Raum handeln. Der „Plan anonyme“ (Anonymus nodate) aus der Zeit um 1700 zeigt an dieser Stelle einen Durchgang, naturgemäß aber ohne die Angabe des Raumniveaus. Wird hypothetisch die Öffnungshöhe unterhalb des ausgerissenen Sturzes mit 2.25 m ergänzt, läge die Schwelle rechnerisch 1.76,7 m unterhalb des heutigen Fußbodens und 0.68,7 m unterhalb des Fundamentbanketts an der Außenseite. In diesem Fall wäre das Sockelgeschoss der „Écuries“ um mindestens 0.70 m gegenüber dem Außenniveau eingetieft, vielleicht auch 1.00 m und mehr. 

Ein ganz vergleichbares Konzept ist auf dem Abteigelände im „Farinier“, einem im Vergleich mit den „Écuries“ etwas schmäleren, gotischen Saalbau mit bekanntem Tonnendachstuhl zu finden: Auch dort ist das Erdgeschoss eingetieft. Der mit Kreuzrippen eingewölbte Raum des Sockels wurde nach verbreiteter Ansicht als Weinkeller genutzt. Die Fenster dieses Sockelgeschosses liegen in der Gewölbezone, die etwa die obere Hälfte des Raums einnimmt. Ein Bankett an der Westwand in ca. 1.20 m Höhe über dem Fußboden markiert den Übergang zwischen Eintiefung und Oberbau. Ähnlich ist das an den „Écuries“ zu erwarten, falls einmal der wohl im 19. Jahrhundert aufgeschüttete Fußboden wieder auf das ursprüngliche Niveau rückgeführt wird. Die Sockelgeschosse des „Farinier“ wie der „Écuries“ sind beide durch eine Pfeilerreihe auf der Längsachse gegliedert. In den „Écuries“ sind es gemauerte Rundpfeiler von ca. 0.95 m Durchmesser in einem Achsabstand um 6.32,5 m, von denen die vier südlichen erhalten sind; drei weitere können innerhalb der Gesamtlänge des romanischen Baus im selben Achsabstand ergänzt werden.114 Nach Maßgabe von Vergleichsbauten wie den Kirchen in Chapaize oder Tournus haben die Pfeiler keine Basis. Sie werden oben von einem flachen gemauerten Abakus bekrönt, der in Längsrichtung einen zweizügigen Unterzug trägt. In der Breite ragen die Pfeiler über den Unterzug hinaus. Die Elemente des Unterzugs stoßen an der Pfeilermitte stumpf gegeneinander. Die Unterzughölzer sind typischerweise um 0.37 m hoch und genauso breit, so dass der Unterzug insgesamt um 0.74 m breit ist, entsprechend der Mauervorlage an der Südwand, die ihm als Auflager dient. Das innerhalb des beschriebenen Systems unpassend erscheinende westliche Holz des ersten Jochs von Süden ist sekundär, nämlich um 1155 datiert, 0.48 m breit und ragt seitlich über die Wandvorlage hinaus. Auf dem Unterzug liegen die Deckenbalken, an denen Breiten um 0.36 m und Höhen zwischen 0.26 m und 0.31 m gemessen wurden. Der dreizehnte Balken von Süden ist der zweite Balken im dritten Joch. Er wurde auf Winter 1107/08 datiert. Dieser Balken ist 0.37 m breit und 0.26 m hoch. Jedes Joch wird ist von 5 Balken überspannt, so dass das Achsmaß der Deckenbalken im Mittel 1.26,5 m beträgt.115 An den Längswänden bildet eine Stufe mit aufgelegtem Mauerholz das Auflager für die Köpfe der Deckenbalken. Die Mauerhölzer stoßen mit den Enden stumpf aneinander und laufen in den Raumecken nicht in die Mauer hinein. Sie sind typischerweise etwas länger als die Pfeilerabstände und auf der Ostseite durchlaufend erhalten. Ihre Höhe beträgt um 0.22,5 m, die Breite 0.31,5 m. Stellenweise sind Balkensassen flach von oben in die Mauerhölzer eingeschnitten worden, um auch Balken aufzunehmen, die höher als 0.26 m sind, um eine einheitliche Höhenlage der Deckenbalkenoberkanten herzustellen. 

Durch die stark erschwerte Zugänglichkeit sind die Einzelheiten des Saalgeschosses vorliegend nur insular maßlich erfasst. Der Grundriss des Saalgeschosses ist allerdings von Sockel und Dachstuhl her fixierbar, und die eingemessenen Öffnungen des Aufrisses können gleichartige, nicht vermessene, exemplarisch vertreten. Die Traufhöhe als wichtige Marke für die Volumendarstellung ist mit dem Laser-Distanzmessgerät bestimmt worden. Die Fenster und Toröffnungen der Außenseite sind von unten her eingelotet und über Fotoentzerrung in annähernder Höhenlage eingehängt worden. Der obere Sockelabschluss ist von Hand mit dem Teleskopmaßstab erreicht worden. Die erreichbare südliche Toröffnung der Rückseite ist in der Höhenlage bestimmt und durch Handaufmaß fixiert. Die gute Sichtbarkeit des freigelegten Mauerwerks im Außenbereich ermöglicht auch aus der Distanz die Unterscheidung der ersten Bauphase von späteren Eingriffen. 

Saalgeschoss mit Rückwand und Nordgiebel . Auf den Längsseiten des Saalgeschosses sind je zwei gleichartige Rundbogentore der Bauzeit weitgehend erhalten (s. Pl. 9.35 und Abb. 3.41). Die Flügel der beiden Öffnungen auf der Ostseite schlugen nach innen, die der etwas schmäleren Tore auf der Westseite nach außen. 

3.41 Cluny III, Aula von 1108.
Saalgeschoss, Ostseite.
Fragment einer Toröffnung, linke Wange teilweise erhalten, nach rechts und nach unten erweitert und sekundär mit Rahmen versehen, neuzeitlich vermauert, zuletzt Fensterdurchbruch des 19. Jh.s. 

3.42 Cluny III, Aula von 1108.
Saalgeschoss, Ostseite.
In den bisherigen Darstellungen als bauzeitlich interpretierter, tatsächlich jedoch sekundärer Türdurchbruch, der in einer dritten Phase erweitert und schließlich vermauert wurde. 

Die Rundbogenpforten sind die Zugänge zum Saal, doch konnte dessen bauzeitliche Erschließung noch nicht vollends geklärt werden, genauer gesagt, in welcher Form Galerien, Treppen oder Ähnliches angebaut waren.116 Sicher ist, dass das ursprüngliche Äußere des Saalbaus an vielen Stellen nicht mit der bisherigen Rekonstruktion übereinstimmt (vgl. beispielsweise Abb. 3.42). Nur die südliche Toröffnung auf der Westseite ist nicht vermauert; sie wurde mittels einer im Detail leider fehlerhaften Restaurierung der Leibung reaktiviert und mit modernem Rahmen und Flügeln ausgestattet. Der Türblattanschlag, auf jeder Seite 0.14 m breit, weist nach außen. Die lichte Toröffnung ist 1.35 m breit, die Fassung 0.54,5 m stark und mit einem Rundbogen überwölbt. Die Leibung ist 0.57 m stark und hat ebenfalls einen Rundbogensturz. Die Kämpferhöhe befindet sich 4 cm über der Höhe des Scheitels des Fassungsbogens. Der Scheitel der Leibung liegt 0.85,5 m über demjenigen der Fassung, so dass das Tor von Westen her eine sehr hohe Proportion erhält. Von der Unterkante des untersten Hausteins der Leibungskante aus gemessen,117 liegt die Höhe UK Kämpfer des Leibungssturzes bei +8.14,8, der Scheitel bei +8.97,5 m. Der Scheitel der Fassung liegt 0.85,5 m tiefer. Unterhalb des genannten Hausteins (+5.53 m) ist das Mauerwerk gestört. Das spätmittelalterliche Durchgangsniveau liegt 0.20 m tiefer. Es ist derzeit nicht überprüfbar, ob es exakt mit dem Durchgangsniveau der Bauzeit übereinstimmt. Je nachdem, können also eine lichte Öffnungshöhe des Tors von 2.67,8 m (± 0.10 m) und eine Höhe der Fassung bis zum Bogen mit 2.00,3 m (± 0.10 m) errechnet werden. Das andere Tor nahe der NW-Ecke ist nach Augenschein gleichartig proportioniert. Den einzigen Unterschied bildet der Torbogen mit augenscheinlich wiederverwendeten Bogensteinen. Die Schwellenhöhe liegt bei ca. +5.42 m. Die Toröffnungen der Ostseite sind breiter als die der Westseite und nicht so hoch proportioniert. Von der südlichen ist nur die linke (südliche) Seite erhalten, das Tor wurde Richtung Norden erweitert. Die nahe nördlich gelegene, vermauerte Öffnung ist ein später eingebrochener Durchgang.118 

Als bauzeitlich ist auch die gut erhaltene Öffnung unweit der heutigen NO-Hausecke in der Ostwand anzusprechen. Dieser Durchgang lag im Ursprungsbau versetzt oberhalb des Mitteltors des Sockelgeschosses. Seine innen liegenden Leibungskanten sind 2.19 m voneinander entfernt. An der Außenseite beträgt die lichte Breite annähernd 1.92,5 m, so dass beiderseits eine Anschlagbreite von 0.13,25 zu errechnen ist. Das Durchgangsniveau liegt bei +5.18 m und damit ca. 0.25 m tiefer als bei den Durchgängen der Westseite. Es ist zu beobachten, dass Werksteine in den Fassungskanten der Saalgeschosszugänge erst bei +5.36,5 m (bzw. +5.53 m beim südlichen Durchgang) beginnen, unterhalb bestehen die Kanten aus hammerrechten Steinen. Ob diese Beobachtung für die Rekonstruktion des Vorbaus von Bedeutung ist, muss derzeit noch offen bleiben. Die Toröffnung bildet nach Fotoentzerrung ein Quadrat mit aufgesetztem Rundbogen. Ihre Höhe beträgt ca. 2.89 m, die Höhe der Fassung bis zum Bogen ca. 1.92 m. Der Leibungssturz ist verdeckt. Wird analog zur Westseite ein Rundbogen angenommen, liegt sein Scheitel 0.23 m über dem am Tor der Westmauer gemessenen Leibungssturz. Von innen wirkten die Durchgänge in der Ostwand also deutlich höher und breiter aus als diejenigen in der nach Westen gehenden Rückwand. 

3.43 Cluny III, Aula von 1108.
OK Sockelgeschoss, Westseite.
Der aktuell höhere Sockel gegenüber der Ostseite resultiert aus einer sekundären Aufmauerung (heller Kalkmörtel). 

Das Niveau des romanischen Fußbodens im Saal kann ohne bauteileingreifende Sondagen nur annähernd bestimmt werden, dies allerdings im Zentimeterbereich. Die Fußbodenhöhe wurde auf dem Querschnittplan aus der zu erwartenden Konstruktionshöhe vom Sockelgeschoss her im Zusammenhang mit den ablesbaren Durchgangshöhen der Toröffnungen ermittelt (vgl. Pl. 9.35, Querschnitt, und Abb. 3.43). Deren niedrigste, am Tor in der Ostwand nahe der SO-Ecke, liegt bei +5.10,5 m und ist kaum mit einem Bodenaufbau vereinbar, da die Deckenunterkante (OK Deckenbalken) an dieser Stelle nur 5 cm niedriger liegt; es wäre dann nur ein einfacher Bretterboden denkbar. Beim Umbau dieser Öffnung ist vielleicht auch die Unterkante abgesenkt worden, oder sie ist aus anderen Gründen kein unmittelbar auszuwertendes Indiz für die Höhe eines Fußbodenaufbaus. Die Unterkante der gut erhaltenen zweiten Öffnung in der Ostwand (+5.18 m) liegt 0.18 m höher als die Unterkante der Erdgeschossdecke an der entsprechenden Stelle über dem Mittelpfeiler des Sockelgeschosses (+5.00 m). Diese Differenz würde ausreichen, um beispielsweise eine Decke mit Bohlen (ca. 5 cm), einer Dämmschicht aus Moos (ca. 2 cm), einer Lagerschicht aus magerem Kalkmörtel (ca. 7 cm) und Tonfliesen als Fußbodenbelag (ca. 4 cm) zu rekonstruieren. Durchgänge ohne überstehende Schwelle sind nach dem Vergleich mit allen untersuchten Häusern in Cluny der Regelfall. Zwischen der Unterkante dieses mittigen Zugangs in der Ostwand des Saals (+5.18 m) und der etwas höher liegenden Unterkante des Schwellsteins am NW-Eingangs entsteht eine Höhendifferenz von 24,5 cm. Es ist nach dem Modell der Säle im ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 nicht zwingend mit einem exakt horizontal liegenden Boden zu rechnen, sondern dieser kann auch als leicht geneigte Ebene ausgebildet gewesen sein. 

Die Höhe des Saals der Aula von 1108 beträgt vom ermittelten Fußboden bis zum geraden Mauerabschluss, auf dem die Deckenbalken aufliegen, ca. 9.51 m.119 Vom Fundamentbankett an der NO-Ecke bis zum ermittelten Saalfußboden ist die Höhendifferenz 6.28 m. Das bedeutet, dass eine Ebene in 3,6 cm Höhe über dem ermittelten Saalboden die Gesamthöhe des Gebäudes bis zur Traufe in exakt zwei unterhalb und exakt drei oberhalb liegende Fünftel zu je ca. 3.15,8 m, d.h., je eine pertica oder Messrute, teilt. An der oben genannten Stelle nahe der Südwand überschneidet der Fußboden bei konstant starkem Aufbau und leichter Schräglage die Ebene knapp, so dass die Proportionsteilung mit dem Fußbodenniveau übereinstimmend beschrieben werden kann. Es kann daher von einer einfachen Proportionierung des Aufrisses von 2 : 3 für die Höhe des Sockelgeschosses bis zum Saalfußboden im Verhältnis zur Saalhöhe ausgegangen werden. 

3.44 Cluny III, Aula von 1108.
Nordgiebelwand mit Obergaden.
Zugemauerte Öffnung schattiert (Verfasser).
Die Gebäudeecken sind an der Nordseite lisenenlos. 

Durch die Untersuchung des Dachs ist der zur Bauzeit offen gestaltete Dachraum über dem Saalgeschoss nachgewiesen worden. Die drei Fenster des Südgiebels waren von innen her zu sehen. Unterhalb des Giebels stehen im oberen Drittel des Saalgeschosses vier Gadenfenster in einer Reihe. Das westliche von ihnen konnte von innen eingemessen werden. Dabei wurde festgestellt, dass es eine Flachbank hatte. Es ist 0.83 m von der SW-Innenecke entfernt. Das Fenster ist an der Innenkante 1.16 m breit und 2.45 m hoch. Da die schräge Leibung vermauert ist, konnten die lichten Maße nicht direkt abgenommen werden. Nach Augenschein sind die Gadenfenster im Wandquerschnitt symmetrisch gebildet, so wie auch Conants Querschnitt des Dachfußes es zeigt. Die lichte Öffnung der Fenster ist auf Pl. 9.35 zeichnerisch rekonstruiert. 

Die Reihe von Gadenfenstern setzt sich an der Ostfassade fort. Hier können zusätzlich zu den am Bestand erkennbaren sieben romanischen Fenstern fünf weitere im abgegangenen Bauteil ergänzt werden. Die Nordgiebelwand ist um 1800 unmittelbar unterhalb des Giebelansatzes abgebrochen worden. Es fehlen ihr die Ecklisenen der Südwand; das zeigen Wandfotos vor dem Dachausbau der angrenzenden heutigen Stadtbibliothek (Abb. 3.44).120 Die Nordgiebelwand war weniger plastisch durchgebildet als die Südgiebelwand, jedenfalls in den erhaltenen Teilen unterhalb des Giebelbodens. Reste von vier vermauerten Gadenfenstern sind erhalten, die in Größe und Anordnung denen der Südwand entsprechen und wie diese die Fensterreihe der Front weiterführen (Abb. 3.44). 

Für die Gestalt des abgebrochenen Giebels gibt es zwei ikonographische Hinweise. Der Stadtprospekt von Louis Prévost (Prévost 1670, zwischen 1668 und 1672) zeigt unter Legendennummer F in starker Schraffierung den vom First des Narthex beschnittenen, übersteil dargestellten Giebel mit einer Gliederung durch anscheinend drei große Fenster und zwei senkrechte Linien in der Giebelspitze.121 Die Tuschezeichnung von Jean-Baptiste Lallemand „Grande porte de lʼéglise de lʼabbaye de Cluni“ 122 überliefert ein konsolengestütztes Geison, auf dem ebenfalls drei Fenster stehen.123 Diese Gliederung entspricht der Südgiebelwand. Das Geison wird auf Lallemands Zeichnung idealisierend an der Rückwand fortgeführt, wo es nach dem Baubefund definitiv aber nicht vorhanden war. Die vier Gadenfenster waren an der Nordgiebelwand schon zur Zeit der Zeichnung vermauert. Eine Giebelfigur fehlt auf der Zeichnung und war wohl auch nicht vorhanden. Die Verteilung der Gaden– und Giebelfenster an dieser Nordwand der Aula entspricht nach allen Beobachtungen der Südseite, so dass der romanische Saal symmetrisch belichtet wurde. 

Wie schon auf Kenneth John Conants Rekonstruktion des Saalquerschnitts dargestellt, war die Westwand des Saals im Gegensatz zur Ostwand und den Giebelseiten fensterlos (Abb. 3.45). Trotz dieser offensichtlichen Ungleichheit wurde ein symmetrischer Bauquerschnitt in Anlehnung an eine Basilika mit hohem Mittelschiff und zwei niedrigeren Seitenschiffen rekonstruiert. Es kommen zur fensterlosen Ausbildung der Westmauer noch weitere Ungleichheiten gegenüber der Ostmauer des Baus dazu, die neu beobachtet wurden. Die Westmauer war an der Traufe nicht mit einem Konsolgesims abgeschlossen wie die Ostwand, sondern mit einem gewöhnlichen Dachüberstand. Der obere Abschluss der SW-Lisene des Baus ist erhalten und enthält keine Konsole wie sein Pendant an der SO-Ecke. 

3.45 Cluny III, Aula von 1108, Westseite.
Ursprünglich fensterlose Rückwand mit nach außen aufschlagender Pforte. 

An der SW-Ecke zieht das Horizontalgeison des Südgiebels noch um die Ecke herum und läuft an der Westwand ohne Konsolunterbau in die Wandfläche hinein. Des Weiteren ragt das romanische Mauerwerk an der Westwand über das Niveau des Konsolgesimses der anderen Gebäudeseiten hinaus und endet unmittelbar unterhalb des Dachaufbaus. Die Durchstöße der romanischen Sparren sind nachträglich vermauert worden. Primäres und sekundäres Mauerwerk sind durch die Trennlinie in Form eines Zinnenkontur voneinander abgesetzt. Die verwitterten Sparrenköpfe sind durch kleinere Beihölzer ersetzt, die den heutigen Dachüberstand bilden.124 

Diese Beobachtungen bedeuten, dass die im Erdgeschoss festgestellte Ausrichtung des Baus nach seiner Quermittelachse sich in Saalgeschoss und Dach fortsetzt. Die lange Ostseite bildete eine durchfensterte, konsolgeschmückte Front, die von den beiden schmalen Giebelseiten im Süden und Norden flankiert wurde. Im Inneren erhielt der Saal von diesen drei Seiten her Licht, während an der rückwärtigen Westseite keine Fenster existierten. Diese ist die Rückseite des Baus. Die unterschiedliche Gestalt und der unterschiedlicher Stellenwert von Ost– und Westseite der Aula sowie die archäologischen Spuren der Anbauten geben für diese eine ebenfalls unterschiedliche Gestalt und Funktion vor. 

3.46 Cluny III, Aula von 1108.
Südgiebelmauer, SO-Ecke.
Lisene des Saalgeschosses, darunter Mauerabriss des abgestuften Fortlaufs der Lisene (vgl. Abteikirche); links davon Fragment der Wandfläche von 1108 (Bildmitte). 

Rekonstruktion von Vorbau und rückseitigem Anbau. Kenneth John Conants Rekonstruktion bauzeitlicher Vorhallen und Galerien, die die „Écuries“ der Länge nach begleiten, ist für die Ostseite etwa in der angegebenen Gestalt dem Bauwerk zu entnehmen. Die Vorstellung, dass ein Anbau gleichen Querschnitts auch auf der Westseite lag, ist als Hypothese zu bezeichnen. Sicher ist, dass die Aufgänge zum Saal außerhalb des Saalbaus lagen, und dass Anbauten vorhanden waren, die aber an der typologisch klar identifizierbaren Front bzw. Rückseite des Baus unterschiedlich gestaltet gewesen sein konnten. Auf dem „Plan anonyme“, dem ältesten Lageplan der Abtei aus der Zeit um 1700, ist vor der Ostseite des Baus ein Arkadenvorbau eingetragen.125 Dieser biegt zusammen mit dem sekundären Winkelanbau des von Conant so bezeichneten „Hospice de lʼabbé Pierre“ nach Osten ab. Die Beobachtung der Maueranschlüsse an der Ostseite der „Écuries“ zeigt, dass der Arkadenvorbau zur Bauzeit gehört und die gesamte Länge der Ostwand begleitete, bevor der Winkelanbau angeschlossen wurde. Der Achsabstand der Arkaden, wie ihn der „Plan anonyme“ zeigt, ist in den Grundriss (Pl. 9.35) übertragen worden und gewährt den unverstellten Zugang vom Vorplatz zum romanischen Mitteltor.126 Der Vorbau war nur im Sockelgeschoss in starkem Mauerwerk ausgeführt, im Obergeschoss fehlt der Befund entsprechender Maueranschlüsse. An der Nordseite bildete der Mauerabgang des Vorbaus zusammen mit dem Sockel der Nordgiebelwand eine Quermauer, die dem Geländesprung von ca. 1,60 m gegenüber dem tiefer gelegenen Westteil der Abteikirche folgt. Jenseits ist auf dem „Plan anonyme“ ein an die Quermauer angelehnter Längsbau zu erkennen, der nach Westen mehr als 10 Meter über den Saalbau der „Écuries“ hinausreicht. 

Alle größeren Balkensassen auf der Frontseite der „Écuries“ scheinen sekundär eingebrochen zu sein und sind im Bereich des späteren südöstlichen Flügelanbaus zu finden. An der Südostecke der Ostfassade ist bis zur halben Höhe des Obergeschosses der ausgeflickte Abriss einer schwachen Mauer sichtbar. An den anderen Gebäudeecken fehlt das Abrissbild. Vielleicht handelt es sich um den Befund einer Brüstung oder auch einer konstruktiven Verbindung des sekundären Anbaus „de lʼabbé Pierre“, der offenbar noch im Mittelalter an dieser Stelle errichtet wurde. Dieselbe SO-Ecke der „Écuries“ zeigt im Erdgeschoss an der Südseite das Bild eines etwa 1.50 m breiten Mauerabrisses (Abb. 3.46). Wegen dieser großen Dimension ist darin das Fragment einer breiteren und ausladenden Fortführung der Ecklisene des Saalgeschosses bis zum Straßenniveau zu sehen, die abgeschlagen wurde. Die Interpretation entspricht der Grundrissdarstellung des „Plan anonyme“. Die bauzeitlichen Tore im Saalgeschoss mögen gelegentlich der Beschickung des Saales von außen her gedient haben: Eine der beiden Öffnungen liegt versetzt unmittelbar oberhalb des Mitteltors im Erdgeschoss. Mit wandparallelen Treppen konnten die Toröffnungen des Saalgeschosses allerdings nicht unmittelbar verbunden gewesen sein, da sich solche Treppen mit den Fenstern des Sockelgeschosses überschnitten hätten. Die exakte Lage der Treppen muss also weiterhin offen bleiben. 

Nach dem Grabungsbefund von Nadine Roiné im Areal westlich der „Écuries“ scheint es einen Anbau auch längs der Rückwand gegeben zu haben, der seinerseits im Westen von einem Arkadengang gesäumt war und einen anderen Grundriss als der Vorbau der Ostseite hatte. Die Baugeschichte und konkrete Gestalt sind ungeklärt. Die bauzeitlichen Tore und die niedrigeren, frühneuzeitlichen Türdurchbrüche an der Westwand, die jene ersetzen, waren zum Anbau hin zu öffnen. Es scheint sich um einen Innenraum zu handeln. Dafür sprechen Fragmente von roter Kalkmalerei auf Schlämme am (wieder vermauerten) Leibungsbogen der nördlichen romanischen Saalgeschosstür.127 Die oberhalb der Türdurchbrüche in der Wand liegenden Balkensassen, die für das Einsetzen einer Binderlage eingebrochen wurden, könnten den Dachansatz definieren. Auf dem „Plan anonyme“ fehlt der rückwärtige Anbau bereits. Verbindlicher Aufschluss über die konkrete Gestalt der Anbauten der Aula von 1108 kann nur über eine detaillierte Untersuchung und Bauaufnahme aller vermauerter Balken– und Konsolsassen gewonnen werden. Auch bauteil– und bodeneingreifende Sondagen an den Gebäudeecken würden weiterführen. Die einfache Baubeobachtung und die Auswertung der vorhandenen Grabungsdokumentation bleiben ohne definitives Ergebnis für die Rekonstruktion der Anbauten. Allerdings bestärken die Beobachtungen die systematische Ungleichheit von Ost– und Westseite des Bauwerks und führen zur zweifelsfreien Interpretation als Gebäudefront bzw. –rückwand. Dies ist von erstrangiger Bedeutung für die typologische Einordnung des Saalgeschossbaus als Aula. 

f. Dachstuhl und Dachaufbau

3.47 Cluny III, Aula von 1108.
Dachstuhl mit modernem Sprengwerk.
Blick nach Norden. 

Der bauzeitliche Dachstuhl der „Écuries“ steht noch in wesentlichen Teilen und wurde bisher dendrochronologisch auf 1101 (± 6) datiert.128 Er bildet ein wichtiges Element für die Reihenbildung, Datierung und Rekonstruktion romanischer Dachstühle in Cluny, so auch für die Dächer des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 und des ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091. Die vorliegende Zusammenstellung romanischer Dachkonstruktionen in Cluny (s. Pl. 9.45) war 2005/06 der Anlass für eine eingehende Untersuchung des Dachfußes der „Écuries“, da die Detailaufnahme von Kenneth John Conant (1968) in diesem Punkt von Jean-Denis Salvèques axonometrischer Teildarstellung des Dachs (1993) abweicht.129 Die erneute Analyse stand in einer Reihe mit der Untersuchung und Präzisierung der Elemente des romanischen Dachstuhls im Haus 23, rue Filaterie (‚Haus eines Händlers‘). Dessen um 80 Jahre zu hoch greifende dendrochronologische Datierung durch die Universität Besançon (1129±20 statt – richtig – um 1208) hatte seit 1991 weitreichende Folgen für die zeitliche Einordnung von Typologie und Stil romanischer Stadthäuser in Frankreich und Europa. Die zu hoch datierten Proben stammten aus derselben dendrochronologischen Kampagne wie das Datumsergebnis 1101±6 für die „Écuries“. So war auch die dendrochronologische Datierung der „Écuries“ zu verifizieren. Dies schien umso notwendiger, als schon die erneute Auswertung des Datierungsberichts von Lambert / Lavier ein Datumsergebnis vor 1102 ausschloss.130 Die erneute Dendrodatierung der „Écuries“ (2006) bezog neben dem Dach die Erdgeschossdecke ein und ergab für beide Teile ein einheitliches Fälldatum im Herbst/Winter 1107/08. 

Dachsystem. Das System der romanischen Dachkonstruktion im Querschnitt entspricht grosso modo den Darstellungen von Conant 1968 und Salvèque.131 Das Dach ist als Sparrendach mit Horizontalkraftabtragung über eine Dachschwelle auf die Dachbalken zu bezeichnen. Es hat eine Spannweite von ca. 11.82,00 m.132 Die Höhe des lichten Dachdreiecks zwischen der Oberkante der Deckenbalken und der Firstverblattung der Sparren misst ca. 4.58,00 m und dürfte durch geringfügige Verformung wenige Zentimeter weniger als die bauzeitliche Konstruktionshöhe betragen. 

Als Sparrendach unterscheidet sich das Dach der „Écuries“ von den Stadthaus-Pfettensparrendächern von 1136 (11–13, place Notre-Dame) bzw. um 1193 bis um 1208 (23, rue Filaterie), die mit stehenden Stühlen ausgestattet sind. Es sind am Befund der Gespärre der „Écuries“ keine Holznagellöcher oder ähnliche konstruktive Hinweise für eine ursprüngliche Verbindung mit Pfetten zu finden, welche später entfernt worden wären. Zwar gibt es an der Oberseite der Dachbalken Zapfenlöcher, doch sehen diese sekundär eingetrieben aus und unterscheiden sich in Form und Lage von den Zapfenlöchern, wie sie im Haus 11/13 place Notre-Dame und im Haus 23, rue de la Filaterie zur Verankerung von Säulen eines stehenden Stuhles zu finden sind. Im Gegensatz zu letzteren sind sie nicht quadratisch oder annähernd quadratisch, sondern längsrechteckig und nur bis 4,0 cm breit und 7,5 cm tief. Es fehlt das Abdruckbild einer Stuhlsäule, wie es deutlich zu sehen sein müsste. Außerdem sind die Zapfenlöcher ausschließlich in der Mitte der Dachbalken zu finden, wo sie die Säulchen des modernen Hängesprengwerks (Abb. 3.47) aufnehmen. Ein mittelalterliches Hängesprengwerk wiederum ließe einen durchgehenden Zapfen erwarten. Auch das ist nicht der Fall. Die Dachbalken überspannten nach diesen Beobachtungen das Saalgeschoss frei. 

Die Gespärre mit einer Neigung von nur ca. 35,3 Grad sind ausschließlich auf den Dachschwellen aufgelagert. Dachgewicht und Horizontalkräfte werden über verdeckte Klauen und eine Druckfläche von nur ca. 170 Quadratzentimeter pro Sparren auf die Dachschwelle übertragen. Das Konstruktionsbild der verdeckten Klaue unterscheidet sich nicht wesentlich von der Sicherung des Rofenfußes im genannten, späteren Pfettendach der Zeit um 1208 im Haus 23, rue Filaterie, ist in den „Écuries“ allerdings einer vielfachen Belastung ausgesetzt, da hier – im Vergleich – einfach der Stuhl weggelassen wurde. 

3.48 Cluny III, Aula von 1107/08 (d).
Dachfuß Ostseite.
Pl. 9.45, nachbearbeiteter Ausschnitt. 

 

Die gesamte aus den Sparren kommende Horizontalkraft und das daraus in der Höhe der Dachschwelle entstehende Drehmoment werden über eine Verblattung von der Dachschwelle auf die versetzt zu den Sparrenpaaren liegenden Dachbalken übertragen, die den oberen Abschluss des Saalgeschosses bilden. Die Verblattung und die Sparrensassen sind fast durchgehend durch Überbelastung beschädigt und häufig statisch unwirksam geworden. Die Sparren stehen heute zum Teil auf der Mauerkrone und dem darauf lagernden, bisweilen vermörtelten Ziegelschutt. Die Dachschwelle ist durchgängig um bis zu 10 Winkelgrad nach außen gekippt. 

Wie es schon Conant darstellt, liegen die Dachbalken, die als Zerrbalken dienen, im Grundriss versetzt zu den Gespärren. So sind die kraftschlüssigen Knotenpunkte zwischen Gespärren und Zerrbalken systematisch getrennt. Entsprechend der Lagerung der Sparren auf Fußschwellen statt unmittelbar auf den Dachbalken, unterscheidet auch die Tatsache der versetzten Anordnung im Grundriss die hier vorhandene Konstruktion vom klassischen Sparrendach. Durch diese versetzte Anordnung entstehen bei der Übertragung der Horizontalkraft aus den Gespärren auf die Dachschwelle hohe Momentkräfte, die stellenweise nicht nur zur Neigung, sondern außerdem zur horizontalen Durchbiegung der Dachschwelle geführt haben. Der Vorteil der statisch problematischen, versetzten Anordnung liegt im Vergleich zum Dreiecksgebinde darin, dass die Anzahl der Zerrbalken nur halb so groß wie die der Sparrenpaare ist. Das Dach ist dadurch offener einsichtig und scheint über dem Saal zu schweben, während die Dachbalken noch zum vertikalen Raum gehören, den sie nach oben hin begrenzen. 

Beim Umbau des Gebäudes zum städtischen Theater um 1900 wurde jeder zweite Dachbalken an der Wand abgesägt. Den verbliebenen Balken wurde dann je ein niedriges Sprengwerk mit freistehender Mittelsäule aufgesetzt. Die Streben wurden durch lotrechte Zugbänder neben der Säule mit dem jeweiligen Balken verbunden. Das Hängesprengwerk wirkt dem Eigengewicht der zwischen 31,5 und 39,5 cm in der Breite und um 32,0 cm in der Höhe messenden Hölzer entgegen, die über die Spannweite von fast 12 Meter reichen. Zur selben Zeit wurde eine größere Anzahl mittelalterlicher Sparren ausgetauscht. 

Die in allen bisherigen Systemdarstellungen des romanischen Dachquerschnitts vorhandene zweite Mauerlatte in der Mauermitte unterhalb der Dachbalkenköpfe tradiert eine rein hypothetische Darstellung, dies wahrscheinlich auf der Grundlage der Darstellungen von Conant. Dieses Holz ist an den sondierten Stellen am Dachfuß nicht zu finden. In die Mauerkrone ist nur raumseitig eine Mauerlatte eingelassen (ca. 22,0 x 22,0 cm), die die Wandoberkante verstärkt und ausrichtet und durch leichtes Auskragen über einer Fase die Spannweite der Dachbalken um ca. 7 cm verringert.133 Ansonsten zeigt die Mauerkrone einen horizontalen, ebenen Mörtelabschluss, auf den unmittelbar die Dachbalken gelegt sind. Das auf der Mauerkrone ruhende romanische Dachsystem von 1107/08 (d) ist demnach aus nur drei Grundelementen gebildet (Abb. 3.48 und 3.49): 

1den auf der Mauerkrone und der Mauerlatte liegenden Dachbalken mit quadratischem bis liegend rechteckigem Querschnitt (31,5–39,5 cm) mit eingeschnittener Blattsasse für die Dachschwelle, 

2der wandbündigen Dachschwelle mit Quadratquerschnitt (35,0–37,0 cm), mit parallel bzw. senkrecht zur Dachneigung ausgeschnittenen Haken als Sparrensassen, 

3den Sparren mit Quadratquerschnitt (27,0–28,0 cm), die am First verblattet sind. Am Dachfuß der Rückseite des Baus bildeten sie einen Dachüberstand, später sind die Köpfe abgefault und durch seitliche Beihölzer ersetzt worden. An der Fassade enden die Sparren oberhalb des konsolgestützten Geisons, so dass die Dachfläche mit der Geisonoberkante einen knappen Abschluss bildet. 

3.49 Cluny III, Aula von 1108.
Dachfuß Ostseite.
Dachbalken (unten, raumseitig abgesägt), darauf Dachschwellen, hier stumpf stoßend, darauf Sparren.
Links des Dachbalkens Rosette in Kalkmalerei. 

Konstruktive Spuren eines Windverbands sind im Dach der „Écuries“ nicht festzustellen. Es scheint, als habe die Lattung als statische Scheibe diese Aufgabe übernommen. Die Lattung in Form über 10 cm breiter, bis ca. 2 cm starker Bretter mit nur wenige Zentimeter breiten Fugen, wie sie als Unterbau der flach geneigten Mönch-und-Nonne-Ziegellage in Cluny üblich ist, scheint als Windverband ausreichend zu sein. An einigen Latten des untersuchten Dachs befinden sich Holznagellöcher mit ca. 1,5 cm Durchmesser. Diese können von der bauzeitlichen Fixierung der Latten an den Sparren stammen. 

Dachbalken. Conants Detailaufnahme mit Schnitt durch den Dachfuß und Querschnitt durch ein Balkenfeld zeigt sauber zugeschnittene und gleichmäßig dimensionierte Kanthölzer. In seiner axonometrischen Wiedergabe eines Dachabschnitts berichtigt Salvèque die bei Conant zu gering wiedergegebene Höhe der Balkenköpfe. Da Salvèque, ähnlich idealisierend wie Conant, nur klare Kanten darstellt, geraten die Balkenköpfe zu kantigen Klötzen, die wie an die Balken angesetzt aussehen.134 Der Befund zeigt ein anderes Bild. 

3.50 Cluny III, Aula von 1108.
Dachfuß Ostseite, Zwickel hinter Dachschwelle (diese rechts).
Unten der fast naturbelassene Kopf eines Dachbalkens. 

Die großen Balkenköpfe haben eine minimale Bearbeitung erfahren (Abb. 3.50). Ihre Querschnitte liegen mit über 40 cm Höhe und meist über 50 cm Breite nahe am ursprünglichen Stammdurchmesser, der zwischen 55 und 65 cm betrug. Seitlich und oben sind sie allenfalls angeflächt, es ist viel Schalkante stehengeblieben. Am Balkenkopf ist oben bisweilen ein Keil von bis zu ca. 20 cm Länge abgenommen, sofern der Balken in den Dachaufbau hineingeragt hätte. Die Maßnahme scheint eine Anpassung in situ zu sein, die der Verbretterung des Dachs unmittelbar voranging. An der Unterseite der Balkenköpfe, die auf der Mauerkrone liegt, ist gerade so viel Holz abgebeilt, dass eine durchgehende Fläche zusammen mit der Unterseite des gesamten Balkens hergestellt ist. Der Balkenteil, der die Spannweite überbrückt, ist annähernd als Quadratquerschnitt mit 31,5–39,5 cm Breite und um 32 cm Höhe ausgebildet. Der Abstufung der Balkenbreite zum mächtigen Balkenkopf liegt in der Wandfläche, wo die Balkenbreite beiderseits 0–8, in der Regel 3–4 cm zunimmt. Eine Höhenstufe zum Balkenkopf bildet die Rückseite der Schwellensasse, die in der Art einer Lehne ca. 10 cm höher als die Vorderseite ist, das Drehmoment aus der Dachschwelle abfängt und starker Kantenpressung ausgesetzt ist. Raumseitig (wandbündig) ist die Schwellensasse 2,5–8,0 cm tief. Nur die Unterseite der Dachbalken ist auf Ansicht gearbeitet und relativ sauber gefast. Die Oberseite ist grob behauen, eventuelle Fasen sind flach und unregelmäßig geschnitten. In einigen Fällen sind flache, senkrechte Kerben auf den Kanten etwa 15 cm vor der Wand zu sehen. Die Vorarbeiten am Holz fanden auf dem Zimmerplatz statt. Nach dem Einsetzen der Balken im Bauwerk wurden die Fasen und Stufen mit der Wandfläche abgeglichen und nachbearbeitet. Da die Balken im aktuellen Zustand bis zur Oberkante in offener Mineralwolle liegen, wurde exemplarisch nur ein Balken bis zur Unterkante freigelegt und beobachtet. Die Fase zeigt dort keinen Ablauf, sondern reicht bis zur Wand. Hart an der Wand zeigte sich ein gut sichtbarer Sägeschnitt der Nachbearbeitung beim Einsetzen des Balkens vor Ort, der die Fase senkrecht beschneidet. 

3.51 Cluny III, Aula von 1108.
Dach.
Fries mit Zirkelschlag-Rosette in Höhe der Dachbalken. 

Mauerlatten. Die unter den Balken liegende Mauerlatte ist vom heutigen Deckenaufbau komplett verdeckt und kann nur durch eine schmale Fuge untersucht werden. Sie ist ca. 22 cm hoch. Der Querschnitt ist im oberen Teil 17–20 cm hoch senkrecht, darunter führt ein Schrägprofil zur Wandfläche. Nach Tastprüfung ist das Profil gerade. 

Dachschwellen. Mehrfache Kontrollmessungen an den Dachschwellen lassen einen Quadratquerschnitt mit relativ klaren Kanten ohne Fase erkennen. Es handelt sich nicht um hochrechteckige Hölzer, wie in den bisherigen Darstellungen gezeigt. Deren übrige Beobachtungen können dagegen weitreichend bestätigt werden. Die Dachschwelle ist in ausgeschnittene Blattsassen der Deckenbalken eingelassen und dort mit einem runden Holzdübel fixiert. Die stumpf stoßenden Enden der Einzelelemente kommen jeweils auf einer Dachbalkenachse zusammen und sind auf dem entsprechenden Dachbalken jeweils mit je einem wenig überstehenden, durchgehenden Runddübel von ca. 5,0 cm Durchmesser befestigt. Auf der Oberseite sind von der raumseitigen Kante her rechtwinklige Klauen für die Aufnahme der Sparren ausgeschnitten (vgl. Pl. 9.45). 

Der Höhenabstand von 0.30–0.31 m zwischen Mauerlatte und Dachschwelle ist mit zwei bis drei Steinlagen von ca. 0.20 m Schalenstärke ausgemauert, raumseitig verputzt und bemalt. Im Fries erkennbar sind Rosetten von 14,8 cm Radius, aus sechs weißen Lanzettblättern mit senkrechter Achse gebildet, die ein roter Ring von 3,6 cm Strichbreite umfasst (Abb. 3.51). Die Zwickel zwischen den Lanzettblättern sind – ab dem obersten, senkrechten Lanzettblatt im Uhrzeigersinn – abwechselnd rot und schwarz gefüllt. Das Motiv solcher durch Kreisintersektion gebildeten Ornamente ist antiken Ursprungs und schon auf zahlreichen gallorömischen Weihealtären zu finden. Fußbodenfragmente mit inkrustierten Variationen von Lanzettrosen aus dem Chorumgang von Cluny III135 würden der Vorstellung einer entsprechenden, bauzeitlichen Einstufung der Malerei nicht widersprechen. Andererseits ist das Motiv einer aus Kreisbögen konstruierten Rosette in der vorgefundenen Art besonders in gotischer Zeit verbreitet, so dass der Rosettenfries noch eher zu einer gotischen Ausstattungsphase gehört.136 

Sparren. Die Sparren sind in der Unteransicht gefast und an der Oberseite kantig ausgebildet. Der Anlauf der Fase beginnt ca. 5,0 cm von der Dachschwelle entfernt und ist um 7 cm lang, die Fase ist zwischen 5 und 6 cm breit. Der Auslauf wenige Zentimeter von der Firstverblattung ist ähnlich dimensioniert. Die Kanten sind nicht schnurgerade, sondern können etwas bewegt sein. Die Firstverblattung wird von je zwei Holznägeln in generell horizontaler Anordnung zusammengehalten. Die Sparrenenden sind der Dachneigung entsprechend beschnitten. Der von Conant beobachtete systematische Wechsel der Blattorientierung am First kann nicht bestätigt werden. Ob die Sparrenenden am Dachfuß nach der Querung der Dachschwelle wieder den vollen Querschnitt erreichen, konnte wegen Unzugänglichkeit und starker Verwitterung noch nicht definitiv geklärt werden. Es ist der Eindruck entstanden, dass die Höhe der Sparren außerhalb der Dachschwelle bis zum Sparrenende um die Hakentiefe der Klaue (ca. 6,5 cm) reduziert ist. 

Gesamtbild des Dachs. Der Grundriss des Dachsystems ist sehr regelmäßig aufgebaut. Jede Dachschwelle übergreift systematisch drei Balkenfelder von ca. 1.92 m Achsbreite innerhalb einer Varianz von 5 cm. Über jedem Balkenfeld stehen zwei Sparrenpaare im Achsabstand von ca. 0.96 m. Im erhaltenen Teil des Daches liegen an beiden Traufwänden je fünf Dachschwellen. Die Enden der fortlaufenden Dachschwellen stoßen stumpf auf der Achse jedes dritten Dachbalkens, an dem sie durch lange Holzdübel von 4,8–5,0 cm Durchmesser befestigt sind. Die Enden liegen stets gegenüber den Schwellenenden der Gegenseite. Die jeweils erste Dachschwelle am Südgiebel hat eine Überlänge von ca. 0.90 m in Richtung der Giebelwand, da sie den ersten Dachbalken übergreift und nahe der Wand mit einem zusätzlichen Gespärre besetzt ist. Auf diese Weise erhält der Balken keine exzentrische Zugbelastung, die am ohnehin schwachen Knotenpunkt mit der Dachschwelle zusätzliche Kantenpressung erzeugen würde. Vom Südgiebel aus gezählt, endet der erhaltene Teil des Dachs mit der fünften Dachschwelle. Diese ist beim Teilabriss des Gebäudes 1798 in der Mitte ihres nördlichen Balkenfelds gekappt worden, so dass das Dach heute mit dem dreißigsten Gespärre endet. 

Die Holzbearbeitung zeugt von einer stark ökonomischen Orientierung des handwerklichen Arbeitseinsatzes. Querschnitte und Achsabstände zeigen Abweichungen und Toleranzen, die 0.10 m erreichen können. Die Dachbalken und Sparren sind jeweils nur an der Unterseite gefast, im Dachfuß erscheint die Schalkante. Der Dachstuhl ist auf die entfernte Unteransicht vom Saal her ausgelegt und macht aus dieser Perspektive einen sehr einheitlichen, ruhigen Eindruck. Der freie Dachraum erhält Licht durch die mächtigen Giebelfenster, was seine Wirkung noch steigert. Die Flachbänke der Giebelfenster liegen exakt auf der Ebene der Unterkante der Dachbalken, so dass die Möglichkeit einer geschlossenen Decke über dem Saal ausgeschlossen ist. Das Dach war offen von unten einsehbar. 

Es ist wahrscheinlich, dass die Technik der Schubkraftableitung über eine Dachschwelle gegenüber dem aus Einzeldreiecken gebildeten Sparrendach gewählt wurde, um die Zahl der Zugbalken so gering wie möglich zu halten. Neben der Materialersparnis – man denke an die Spannweite von fast 12 m – bleibt auch der Durchblick ins Dach frei. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass das übliche Prinzip des Sparrendachs aus einer Serie von Dreiecken bekannt war, sonst hätte man die Überbrückung dieser Spannweite bei einer Dachneigung von nur 35° nicht gewagt und bewerkstelligt.137 

Dass die Konstruktion des Dachfußes nicht zwischen Sparren– und Pfettendach unterscheidet, ist ein Hinweis darauf, dass nur wenige Konstruktionsmodelle für Dachstühle vorlagen. Zusammen mit dem Bautyp und der plastischen Gliederung des Südgiebels kommt die Form des relativ flachen Dachs der „Écuries“ aus italischer oder byzantinischer Tradition, die allerdings das Pfettendach mit stehendem Stuhl oder einem Hängewerk kennt, um flache Dachneigungen und große Spannweiten zu beherrschen.138 Wenigstens der stehende Stuhl war in Cluny ebenfalls bekannt, wie er in den Stadthäusern und Dorfkirchen des 12. und 13. Jahrhunderts auch zum Einsatz kommt. 

Bei den „Écuries“ scheint es, als habe man aus ästhetischem Anspruch heraus den freien Dachraum eines Sparrendachs ohne Stuhl und Streben mit der Eleganz einer möglichst flachen Dachneigung und dem möglichst freien Einblick von unten her verbunden. Diese Kombination eines stuhlfreien Dachraums mit einem Dach von nur 35 Grad Neigung hat einen experimentellen Zug. Zwar ist die gewünschte Wirkung auch durch starke Querschnitte erkauft, dadurch aber nicht wesentlich beeinträchtigt. Die Dachkonstruktion von 1107/08 (d) der „Écuries“ bewährte sich in der Weise, dass sie als eine der ältesten in Europa bis heute erhalten ist. Ihre offene Wirkung wurde erst ab dem 13. Jahrhundert von gotischen Tonnendächern übertroffen, die allerdings steile Dächer bildeten. 

Hinweise zur Rekonstruktion von Dachaufbau und –deckung. Nach dem Befund des ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091 (20, rue du Merle) und des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 (11–13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre), wo bauzeitliche Dachziegelfragmente nachgewiesen wurden, kann auch bei der Aula von einer bauzeitlichen Ziegeldeckung ausgegangen werden. Für die Alternative einer Steinplattendeckung (laives) sind vor allem die kraftschlüssigen Punkte am Dachfuß nicht ausreichend dimensioniert. Da auch die Stadthäuser ziegelgedeckt waren und die „Écuries“ im Hochmittelalter ein Bauwerk von höchster Bedeutung darstellten, kann die Verwendung von organischem Material für die Dachdeckung ausgeschlossen werden. 

Aus dem 12. Jahrhundert stammt eine bekannte Illustration der Altarweihe in Cluny durch Papst Urban II. am 25.Oktober 1095.139 Sie zeigt die Abteikirche mit einem roten Ziegeldach, dessen Struktur durch weiße, hängende und stehende Bogenlinien angedeutet und mit einiger Sicherheit als Mönch-und-Nonne-Deckung interpretiert werden kann. Conants Rekonstruktion einer bauzeitlichen Deckung der „Écuries“ mit derartigen Ziegeln trifft gerade nach den genannten neuen Befunden der Stadthäuser sicherlich zu, bleibt aber weiterhin als Vorschlag zu kennzeichnen.140 Der aktuelle Zustand des Dachs zeigt eine geschlossene Falzziegeldeckung aus der Zeit um 1900, allerdings sind im Schutt hinter der Dachschwelle am Dachfuß Fragmente älterer Rundziegel liegengeblieben. Bei einer künftigen Sicherung und konservierenden Sanierung des Daches, die angeraten wird, könnte eine Untersuchung der momentan unzugänglichen Mauerkrone und der Ziegelvermörtelung Sicherheit bringen.141 

Da die Fragmente eines älteren Unterbaus der Dachhaut der Abbretterung der Rofen in den Dächern der Stadt gleichen, wäre zu überlegen, ob es sich bei der bauzeitlichen Deckung, wie bei den Stadthäusern, um eine lose aufgelegte Ziegeldeckung ohne Nasen gehandelt hat, die mit einem einzigen Grundelement auskommt. Sie wird bei den Häusern durch die aus dem Eigengewicht resultierende Haftreibung zwischen Unterbau und Deckung in Verbindung mit der Haftreibung zwischen den einzelnen Ziegeln gehalten. Nur die Firstziegel der in der Regel bis zu 25 Grad steilen Dächer sind vermörtelt. Es ist für flache Dächer ein einfaches und flexibles Deckungssystem, da es in Längs– und Querrichtung ohne Zuschnitt an Unebenheiten, leichte tordierte Dachflächen und individuelle Gebäudegrundrisse angepasst werden kann. Es bleibt zu prüfen, ob die Neigung von 35 Grad, wie sie das Dach der „Écuries“ zeigt, bereits einen so steilen Winkel bildet, dass eine solche Ziegelmatte ohne zusätzliche Befestigung aufreißen und abrutschen kann. 

3.4.3 Dendrochronologische Datierung

Alle in den „Écuries“ untersuchten Bauhölzer sind in situ liegende Eichenhölzer. Die dendrochronologische Datierung mit gemeinsamer, gezielt auf die Bauzeit gerichteter Probenentnahme ist en détail den dendrochronologischen Gutachten von Christian Dormoy vom 13. Februar 2006 und vom 7. September 2006 zu entnehmen.142 Die dendrochronologische Datierung bezieht erstmals auch die Decke des Erdgeschosses mit ein. Es sind gezielt insgesamt 19 Proben entnommen worden, davon wurden 18 datiert. Das präzise Fälldatum Herbst/Winter 1107/08 findet sich sowohl unter den Unterzügen (ein Mal) und Deckenbalken (drei Mal) im Erdgeschoss, als auch unter den Sparren (ein Mal) im Dachstuhl. Die datierten Hölzer sind auf Pl. 9.35 mit Jahresangabe angezeigt. Sie sind von der Südgiebelwand her gezählt, so dass die hypothetischen Systemglieder im abgegangenen Nordteil an die Zählung angehängt werden können. 

Wie beim Haus 23, rue Filaterie / 1, petite rue des Ravattes (‚Haus eines Händlers‘ um 1208 (d)), wurde auch bei den „Écuries“ das gesamte Bauholz von der Erdgeschossdecke bis zum Dach zugleich eingeschlagen bzw. zugerichtet (s.u.). Beim ‚Haus eines Händlers‘ wird offensichtlich, dass der Termin des Einschlags und der Zurichtung der Bauhölzer spätestens mit dem Bau des Erdgeschosses zusammenzubringen ist, während das Aufrichten des Dachstuhls aus den um 1193 vorbereiteten Hölzern erst um 1208 unter Ergänzung eines dritten Gebindes stattfindet. Es wird darauf hingewiesen, dass das Gebinde um 1208 nicht sekundär eingefügt, sondern im System eingebaut ist und Pfetten mit dem Fälldatum um 1193 trägt. Die Bauzeit ist demnach mit maximal etwa 15 Jahren, wahrscheinlicher 8–10 Jahren zu veranschlagen.143 

Die Übertragung eines Bauablaufs wie beim beim ‚Haus eines Händlers‘ auf die „Écuries“ würde bedeuten, dass das Bauholz mit der Errichtung des Sockelgeschosses vorbereitet und die Erdgeschossdecke bei dessen Fertigstellung geschlossen wurde. Dem Gedanken, dass die Decke mit Mauerhölzern, Unterzügen und Deckenbalken erst bei Fertigstellung des Dachstuhls eingezogen wurde, widerspricht die gegenteilige Praxis beim ‚Haus eines Händlers‘, dessen Erdgeschoss-Deckenbalken auf konsolengestützten Streichbalken liegen und gleich datiert sind wie der fest eingebaute Ladensturz in der Außenwand desselben Geschosses. 

Auch ist eine Geschossdecke als Arbeitsbühne für den Bauablauf keine schlechte Einrichtung. So deutet alles auf zwei bemerkenswerte Tatsachen hin: Erstens war der Bau der Aula von 1108 wahrscheinlich erst ein bis zwei Jahrzehnte nach der Fällung der Bauhölzer abgeschlossen. Das würde bedeuten, dass er zwar im ersten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts geplant und begonnen wurde, aber erst etwa um 1120 fertiggestellt war.144 Zweitens wurde der Dachstuhl dann im Vorhinein entworfen, bemessen und kalkuliert. 

3.4.4 Baukonzeption, –proportion und –dimensionierung

a. Baupositionierung, Grund– und Aufriss

3.52 Cluny III, Aula von 1107/08 (d).
Sockelgeschoss.
Quadratraster des Grundrisses am Mitteltor in der Ostfassade.
Pl. 9.35, Ausschnitt. 

Die Auswertung der Bauaufnahme erschloss im Grundriss des Sockelgeschosses ein gleichmäßiges Quadratraster. Dieses basiert auf den Achsabständen der Rundpfeiler, die innerhalb einer Toleranz von 1,25 cm die an den Stadthäusern eruierte pertica (Stab oder Rute) um 3.15,00 m widerspiegeln (Pl. 9.35). In den „Écuries“ weicht das durchschnittliche Achsmaß der Pfeiler um 0,4 % von der an den Stadthäusern festgestellten Stablänge ab. Man kann bei dieser geringfügigen Varianz davon ausgehen, dass es sich um dasselbe Grundmaß handelt.145 Die Rundpfeiler stehen auf der Längsmittelachse des Grundrisses im Achsabstand von 6.32,5 m, d.h. 2 Stab à 3.16,25 m. Die Varianz der Achsabstände untereinander liegt innerhalb von 1,5 cm (< 0,5 %). Der Grundriss des Baus ist im Verhältnis von 8 : 2 Stützrasterquadraten konzipiert, entsprechend einem geometrischen Verhältnis 4 : 1 und einem Maßverhältnis von 16 : 4 perticae. Der nördliche der vier erhaltenen Rundpfeiler steht auf der Quermittelachse des Gebäudes, die mit einer Abweichung von ca. 2 cm durch die Öffnungsmitte des neu entdeckten bauzeitlichen Mitteltors verläuft (Abb. 3.52). Diese Achse ist das geometrische Indiz der konzeptionellen Querausrichtung des Saalbaus, wie sie schon aus der Fensteranordnung und der Querlage des Bauwerks zur curtis hin hervorgeht. Es ist ein weiteres neues Ergebnis, dass diese Quermittelachse aus der Längsachse von Cluny II erwächst, die in der Verlängerung über den großen Hof fast senkrecht (ca. 87 Grad) auf den Saalbau trifft, den sie in der Mitte schneidet (Abb. 3.53). 

3.53 Cluny, Abtei.
Achsbezug zwischen Aula und Abteikirche II.
Pl. 9.1, nachbearbeiteter Ausschnitt. 

Die Winkelabweichung liegt weit innerhalb der beobachteten Toleranzen, die im Hochmittelalter bei der baulichen Umsetzung gedachter rechter Winkel oder auch von Ostungsachsen verbreitet sind. Die Bedeutung des Rasters und seiner Hauptachsen für die grundsätzliche Anordnung des Bauwerks entzieht die Beobachtung eines Achsbezugs zu Cluny II dem Eindruck des Zufalls. Die Rasterachsen wurden am Bauplatz zuerst festgelegt, alles Weitere ist in Abhängigkeit von ihnen definiert worden. Der Saalbau ist nicht nur räumlich, sondern auch geometrisch gegenüber dem Atrium von Cluny II geplant und errichtet worden. Diese einfach erscheinende Beachtung des Außenraums ist für hochmittelalterliche Verhältnisse außerordentlich und Zeichen des Rangs der Anlage und ihrer Architektur.146 

Die Position der Außenmauern der „Écuries“ ist in Abhängigkeit von dem eben beschriebenen Grundriss-Quadratraster festgelegt worden. Um die äußeren Rasterlinien herum liegt ein einheitlich ca. 1.14 m breites Spatium, das das Raster einrahmt, und dessen Außenkante die Außenbegrenzung des Bauwerks definiert. Die Rahmenbreite ist eine sekundär an das Raster angelegte Dimension, die offenbar eine gedachte Mauerstärke beinhaltet. Die Außenkante des Baus hat keine geometrische Ähnlichkeit mit dem Raster und ist nicht durch dessen einfache Vergrößerung zu erzeugen. Die Mauern sind dann, ausgehend von dieser festen Außenbegrenzung, entsprechend ihrer Aufgabe unterschiedlich dimensioniert worden. Sie sind durchweg mächtiger als die beschriebene Rahmenbreite, so dass die Innenkante des Rahmens an den Längswänden ca. 0.64 m tief im Mauerinneren zu liegen kommt. An Ost– und Westwand setzt sich das Saalgeschoss innen und außen durch einen Rücksprung von ca. 0.32 m vom Sockelgeschoss ab (gemessen 0.31,5 m), entsprechend zwei Fuß an jeder dieser Mauern. Auch an den Giebelwänden – wenigstens der Südwand – liegt die entsprechende Rasterlinie um einige Zentimeter innerhalb der Konstruktion. Die Innenraumbegrenzung ist folglich unter den Grundrisslinien am weitesten von den Maßgaben des Rasters entfernt. Im Hauptgeschoss entspricht die Dimension der Außenmauern an der Gebäudefront wie auch auf der Rückseite mit jeweils ca. 1.12 m dann annähernd der genannten Rahmenbreite von ca. 1.14 m und entspricht der vom Rahmen vorweggenommene Größe. Da ihre Position aber in Abhängigkeit von den Sockelmauern steht, ist auch sie nicht unmittelbar mit dem Raster zu verbinden, sondern sie steht um genau eine Fußlänge nach innen versetzt. 

Im Aufriss konnte das Gebäude nur anhand weniger Stichmaße dargestellt werden. Deshalb kommt an dieser Stelle nur eine Überprüfung auf ein Vielfaches der Stablänge (pertica) in Betracht, nicht aber kleinerer Einheiten. Das Niveau des Fundamentbanketts (ca. –1.03 m) und die ermittelte Oberkante der Traufe (ca. +14.76 m) liegen in einer Höhendistanz von ca. 15.79 m zueinander. Durch 5 geteilt, ergibt diese Distanz ein Teilmaß von 3.15,8 m. Diese Größe kommt der im Grundriss dargestellten Stablänge 3.16,25 sehr nahe, so dass die Höhe des Baus bis zur Traufe an der Front 5 Stab beträgt. Gestützt wird dieser Gedanke von der Beobachtung, dass die Höhe des Sockelgeschosses bis zur Oberkante des Saalfußbodens präzise mit 2 Stab, die lichte Saalhöhe mit 3 Stab beschrieben werden kann. 

Aus den neu vorliegenden Ergebnissen zu den romanischen Stadthäusern und den „Écuries“ kann abgeleitet werden, dass die Baumeister der Früh– und Hochromanik mit Entwurfsrissen auf der Basis der pertica (Stablänge oder Messrute) arbeiteten. Die Herstellung eines Rechteckgrundrisses durch stabhaltige Diagonalen ist am Haus 20, rue du Merle (‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091) zu erkennen. Der ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 ist nach demselben Stab bemessen. Sein Grundriss ist in der Proportion 1 : 2 mit 2 : 4 Stab darstellbar, allerdings mit pragmatisch bedingten Disgressionen bei der Umsetzung auf der Baustelle. Bei beiden Wohnhäusern drücken die Stabmaße Außenabmessungen aus. 

3.54 Villard de Honnecourt, Livre de portraiture (um 1220–1240).
Lineares Quadratraster in der mittelalterlichen Bauplanung: „vesci une glize desquarie ki fu / esgardee a faire en lordene dcistiaus“ – „Sieh hier eine rechtwinklige [oder: rechtwinklig unterteilte] Kirche, die zu machen [bauen] im Orden von Cîteaux vorgesehen/erwartet wurde“.
Die Haupt– und weitere Achsen des Vorzeichnungsrasters wurden ausradiert (Kratzspuren).
B.n.F., Ms fr. 19093 fol. 14v.
Transkription und Übersetzung: Verfasser. 

Inwiefern die Wandlinien des Grundrisses der „Écuries“ nicht unmittelbar maßhaltig sind, sondern bereits abhängige Größen abbilden, wurde im Vorabschnitt behandelt.147 Andererseits verweisen die auch quantitativ erklärlichen Abweichungen vom maßhaltigen Stützraster darauf, dass das geodätische Raster die primäre Ordnung darstellt. Da die unveränderten Rasterpunkte als Pfeilermittelpunkte dienen, ist die Achse des Mitteltors im Inneren von einem Pfeiler verstellt. Die Achse wird nicht dreidimensional als Bewegungsrichtung interpretiert und in einen architektonischen Raum übersetzt. Sie findet auch keinen Niederschlag etwa in einer vertikal axialen Gliederung der langen Front. Hierin unterscheidet sich die klassizistische Neuordnung des bis heute verbliebenen Gebäudeteils mit fünf Fensterachsen ganz wesentlich vom romanischen Zustand, der aus aufeinander geschichteten Wandzonen gebildet ist.148 Auch an den schmalen Giebelwänden ist kein axialer Bezug der einzelnen Öffnungen zueinander nach oben und unten festzustellen: Jede Wandzone, einschließlich des Giebeldreiecks, ist für sich genommen symmetrisch ausgebildet, allerdings orientiert an einer gemeinsamen und dominant wirksamen Mittelachse, welche dem Bau seine Höhe gibt. 

Es wurde dargelegt, in welcher Weise das gedachte Mauerwerk bei der Absteckung des Bauwerks wie eine Schale außen um das Bauraster herumgelegt wurde. Die Grundrissprojektion und –dimensionierung von innen her kann durch die Beobachtung gestützt werden, dass die Konzeption des Aufrisses sich ebenfalls in der Begrenzung des Innenraums widerspiegelt: Die OK des Saalbodens und die UK der Dachbalken – gleich der Traufhöhe im Äußeren – als obere lichte Begrenzung des Saals bilden die maßhaltigen pertica-Rasterlinien des Aufrisses ab. Der scheinbare Widerspruch zwischen der Grundrissdimensionierung von außen her, wie etwa bei den untersuchten Stadthäusern, oder von innen, wie bei den „Écuries“, könnte durch die Praxis hochmittelalterlicher Bauzeichnung zu erklären sein, die die Mauern in der Regel als Linien darstellt. Die Mauerstärke kann offenbar nach innen wie nach außen gedacht werden. Bei einem Großbau, der auch zur Einwölbung vor gesehen sein kann, ist die vorrangige Darstellung des Innenraums durch ein Bauraster verständlich. Bei den „Écuries“ scheint es, als sei eine entsprechende Skizze mit Schnüren oder Seilen auf den Baugrund übertragen und dann die Außenflucht des Gebäudes abgeschnürt worden, wie letzteres auch heute noch gängige Praxis ist. Die realisierten Innenmaße entstanden dementsprechend als abhängige Größen.149 Jede pragmatische Abweichung vom Entwurf setzt sich in den nachfolgend errichteten Bauabschnitten fort und entfernt das Bauwerk sowohl bezüglich der Proportion wie auch der Abmessung von der Grundgeometrie.150 

Die Vorstellung einer zeitgenössischen Bauskizze gibt Villard um 1220–1240 mit seinem in Quadrate unterteilten Grundriss einer Zisterzienserkirche (Abb. 3.54, „vesci une glize desquarie [...]“).151 Nur Innenpfeiler, Wandpfeiler und äußere Stützpfeiler sind dimensionert wiedergegeben. Mauern und Gurtbögen sind dimensionslos als Linien dargestellt. Zum Teil laufen die Linien sichtbar durch die Pfeiler, deren Achsstellung sie angeben. Die Kreuzrippen sind im Ansatz als von den Pfeilern ausgehende Diagonalen dargestellt. 

Wenn der Stab nach dem Ergebnis aus den vorliegend untersuchten Häusern zehn Fuß enthält, ist der Fuß als Grundmaß der „Écuries“ ca. 0.31,6 m lang. Das Verhältnis von 10:1 zwischen Stab (Messrute, pertica) und Fuß (pes) als Längenmaße beschreiben sowohl Vitruv als auch Gerbert von Reims.152 Die pertica wird als einzige Maßeinheit ausdrücklich mit spezifischen Anwendern, Architekten und Feldmessern in Verbindung gebracht. Briefe von Gerbert sind im Bibliothekskatalog von Cluny, der wahrscheinlich in den 1090er Jahren zusammengestellt wurde, verzeichnet.153 Dasselbe einfache und für Rechenoperationen praktische Maßverhältnis von Fuß und Stab wird in gotischer Zeit in der Münstervorhalle in Freiburg markiert, wenngleich mit geringer Abweichung der absoluten Längen.154 Die dort markierten Längenmaße sind neben Stab und Werkschuh (Fuß) noch Klafter (7 Fuß), Zoll ( Fuß) und Elle ( Fuß). Es werden die in der Praxis gebräuchlichsten Längenmaße sein.155 Auch in Cluny waren an Wandnischen und anderen Bauteilen neben einem dem Fuß entsprechenden Einzelmaß, das zwischen 0.30,5 und 0.32,5 m liegt,156 wiederholt ein weiteres zwischen 0.50 und 0.55 m aufgefallen, noch bevor die Bemessungsgrundlagen der romanischen Architektur Clunys insgesamt zum Thema der vorliegenden Abhandlung geworden waren. Dieses zweite Maß entspricht der Elle als des Fußes, wie in der Freiburger Münstervorhalle angezeigt. Die so definierte Elle ermöglicht zusammen mit dem Fuß, jede ganzzahlige Teilung des Stabs bis auf die Siebtteilung sehr einfach auszudrücken, und sie stellt eine praktikable Verbindung zwischen dezimalem Zahlen– und duodezimalem Proportionssystem her. Eine Bestätigung des Fuß-Einzelmaßes ist auch an den vier erhaltenen Rundpfeilern auf der Längsachse des Sockelgeschosses der „Écuries“ zu finden, deren Durchmesser von jeweils ca. 0.94,5 m drei Fuß à 0.31,5 m entspricht. Die nachfolgende Überprüfung von Bauteilen im Ostteil der Abteikirche, im einzelnen von Pfeiler-Grundrissmaßen, von Achsabständen und Öffnungsmaßen, kommt zu einem vergleichbaren Ergebnis für die Grundmaße von Fuß und Elle: 

Zugangstür der Spindeltreppe
Breite 0.90,5
Tiefe 0.30,4
Leibungstiefe 0.82,0
Eingang der Kapelle im Glockenturm
Breite 0.61,2 – 0.61,7
Pfeilerbasis Querschiff / Ecke Sakristei
Vorlage gegenüber Raumflucht ca. 0.63,0
Pfeilerecke Süd/Ost 0.41,5 / 0.30,8
Pfeilerbasis Ecke Querschiff West / kl. Seitenschiff Süd
(Teilabwicklung Originalsubstanz)
Basis Halbrundstab Südseite 0.61,9 / knapp 0.41,0
Pfeilerecke Süd/Ost 0.30,8 / knapp 0.31,0
Basis Halbrundstab Ost 0.40,5 / 0.62,0 / 0.40,5
Basis Halbrundstab Nord 0.42,0 / 0.61,5
Südl. Seitenschiffe / Querschiff
Pfeilerbasen aufbauend auf 0.26,0 / 0.30,4
Querschiff, axiale Breite 9.16,0 – 9.17,0

3.1  Cluny III, Abteikirche.
Aufrecht erhaltene Teile am Südarm des großen Querschiffs.
Beispiele für Grundriss-Detailmaße [m].  

Es ist der „römische“ Fuß von 29,5 cm Länge das von Kenneth John Conant und in der Folge besonders von Alain Guerreau vertretene Grundmaß für Cluny III.157 Eine akribisch geführte Herleitung des „römischen“ Fußes aus den maßgeblichen Einzelheiten des Baubefunds ist anhand der vorhandenen Forschungsliteratur nicht nachvollziehbar. Der Versuch der Teilung von Strecken, die dem Baubefund entnommen wurden und unmittelbar mit Bauentwurf und –bemessung zusammenhängen, auf der Grundlage dieses „pied romain“ führte ausschließlich zu komplizierten, in der Zeit um 1100 arithmetisch kaum darstellbaren Bruchergebnissen. Das betrifft sowohl Kontrollrechnungen an Achs– und Einzelmaßen der „Écuries“ wie auch der erhaltenen Ostteile der Abteikirche III. Darüber hinaus werden in den vorhandenen Abhandlungen weder die Probleme der Längenrekonstruktion von in der Antike gebräuchlichen, durchaus unterschiedlich langen Fußmaßen beachtet, noch die Tradition einer absoluten Länge dargelegt und bewiesen. Bruchhaltige Umrechnungsfaktoren zwischen Fuß– und Stabmaßen – genannt wird etwa 9 – sind nach der Beobachtung der Architektur des 11. und 12. Jahrhunderts eine erst spät– oder nachmittelalterliche Erscheinung.158 Sie wären durch landesherrliche Reformen zu erklären, etwa das Zusammenführen von Referenzlängen unterschiedlicher Herkunft für perche (Geodäsie) und pied (Alltagsmaß), die zu einem neuen, aus heterokliten Elementen zusammengesetzten System verbacken wurden. 

Im diesem Zusammenhang ist die Arbeit von Norbert Stachura über den Plan von St. Gallen bemerkenswert, an dem mittels des δ-Verfahrens sowohl der duodezimale Planmaßstab 1:144 wie auch das Grundmaß eines Fuß von 0.31,14 m Länge aufgefunden werden, ohne dass vorgegebene Hypothesen berücksichtigt werden.159 Es bleibt festzuhalten, dass sich der Längenunterschied zum erschlossenen Fußmaß der Zeit um 1100 in Cluny, das nach Maßgabe der aufgefundenen Stablängen zwischen etwa 0.31,4 m (am ‚Haus mit Rundbogentor‘) und 0.31,625 m (an der Aula) liegt, innerhalb eines Spielraums von weniger als 5 mm bewegt. Ein Zusammenhang zwischen den beiden neu rekonstruierten Grundgrößen des Sankt Galler Plans und der Bauten der Zeit um 1100 in Cluny ist nicht a priori gegeben, doch scheint es, dass er diskutiert werden sollte, nachdem bisher für Sankt Gallen der viel längere „karolingische“ und für Cluny III der viel kürzere „römische“ Fuß in Umlauf waren; vielleicht steht der Fuß um 0.31 m in der Tradition des pes drusianus. Auch der duodezimale Planmaßstab des St. Galler Plans entspricht dem Regelfall im Mittelalter.160 

Für den Entwurf der „Écuries“ würde die Anwendung eines duodezimalen Planmaßstabs bedeuten, dass die Stab– oder Rutenlänge (pertica) auf einer Planskizze mit der Einheit des Zolls (ca. 2,63 cm) und die Fußlänge mit der Einheit der Linie (ca. 2,19 mm) dargestellt werden könnten.161 Wenn es Planskizzen gab, wird es sich bei den „Écuries“ um ein effizientes Schema der Baubemessung und um auszughafte Details des Aufrisses, etwa am Giebeldreieck, gehandelt haben, nicht aber um eine vollständige Durchplanung des Bauwerks mit allen Details von Grundriss, Aufriss und Ansichten. Derartige Entwurfszeichnungen waren nicht dafür geeignet, komplizierte arithmetische Verhältnisse von Primzahlen und Ähnlichem zu vermitteln, wie sie die bisherige Forschung im Bauwerk verwirklicht sieht.162 Solche Zahlenverhältnisse hätten zusätzlich präzisierend in langen Reihen unübersichtlicher römischer Ziffern ausgedrückt werden müssen und wären auf der Baustelle kaum umzusetzen gewesen. Angesichts der am fertigen Bauwerk festgestellten Maßtoleranzen und Symmetrieabweichungen wird vollkommen unwahrscheinlich, dass eine diffizile Zahlensymbolik kryptisch Eingang in die Grundrisse der Zeit um 1100 gefunden hat. Dagegen wurde eine durch einfache Geometrie bestimmte Proportionierung und Bemessung von Grund– und Aufriss herauskristallisiert, und es scheinen am Bauwerk abzählbare Elemente (Joche, Fenster, Turmseiten, Chorpfeiler) das zahlensymbolische Vermächtnis der hochmittelalterlichen Baukunst zu bilden. Der Bauentwurf kann nicht ohne grundlegende, einfache Bemessungs– und Proportionszeichnungen ausgekommen sein, denn nur mit einer klar vermittelbaren Planung war zu leisten, dass der Entwurf eines Großbauwerks bis zu dessen Fertigstellung durchgehalten werden konnte.163 Die Proportion und Dimensionierung der „Écuries“ könnte nach den neuen Beobachtungen in wenigen Minuten vermittelt werden.164 

b. Konzeption des Dachstuhls (Pl. 9.35)

Im Dachstuhl wurde in der Längsrichtung eine systematische Abfolge von Dachschwellen à drei Balkenachsen Länge festgestellt. Wird das System nach den vorgefundenen Achsmaßen bis zum ehemaligen Nordgiebel fortgeführt, sind die je fünf vorhandenen Dachschwellen à 6.00 m Länge auf den Gebäudelängsseiten durch je drei weitere auf acht zu ergänzen. Dies entspricht der Achtzahl der Stützquadrate des Sockelgeschossgrundrisses. Aus der Länge der Dachschwellen, die systematisch kürzer als das Rastermaß des Sockelgeschosses dimensioniert sind, ergibt sich für die Rekonstruktion der nördlichsten Dachschwelle auf beiden Seiten des Gebäudes eine abweichende Länge von exakt vier Balkenachsen. Nach dem durchlaufenden Grundrissbild des Erdgeschosses mit Axialstellung der Pfeiler in Längs– und Querrichtung ist auch keine Teilung des Dachstuhls durch Quermauern zu rekonstruieren. Insgesamt enthält die Rekonstruktion des Dachs 26 Dachbalken, die 25 Felder einschließen, d.h., je ein Element weniger, als Kenneth John Conant errechnet.165 Gemäß dem Befund des Dachstuhlendes am Südgiebel, erfordert die Rekonstruktion auch am Nordgiebel die Verlängerung der Dachschwelle um ca. 0.90 m für Vorholz jenseits des letzten Dachbalkens vor der Giebelwand. Es gibt 12 Dachschwellen à 6.00 m Länge, zusätzlich je zwei längere Abschlussdachschwellen an den Giebeln, insgesamt 16 Dachschwellen, davon acht auf jeder Langseite. Die Dachhaut tragen 50 Gespärre über den Balkenfeldern, zusätzlich zwei Gespärre entlang der Giebelwände, insgesamt also 52 Gespärre. 

Die hohe Systematik dieser einfachen Dachkonstruktion aus drei Grundelementen, in der insgesamt 146 Bauhölzer quadratischen Querschitts nebst Kleinmaterial verbaut sind, erlaubt eine verhältnismäßig einfache Planung, Kalkulation und Vorbereitung des Dachwerks. Das gemeinsame dendrochronologische Datierungsergebnis Winter 1107/08 für die Erdgeschossdecke und den Dachstuhl setzt voraus, dass der Bauholzbedarf für die Aula präzise vorkalkuliert und eingeschlagen wurde; eine Bedarfsdeckung aus Lagerbeständen ist bei dem Umfang der Bauaufgabe wenig wahrscheinlich. Die Vorkalkulation setzt ihrerseits die annähernde Kenntnis der Konstruktionshölzer nach Maß und Zahl voraus. Nun entspricht das Längenmaß des anhand der vorhandenen Teile in Extrapolation bis zum Nordgiebel ergänzten Dachwerks mit ca. 50.72 m insgesamt ziemlich genau der Länge von 50.60 m des Grundrissrasters im Erdgeschoss aus 8 x 2 Stützquadraten.166 In Anbetracht der ebenfalls acht aufeinanderfolgenden Dachschwellen an jeder Traufseite ist der Dachgrundriss wahrscheinlich nach jenem Stützraster entworfen und pragmatisch abgeändert worden. Folgendes Vorgehen ist denkbar: Das projektierte Dach wurde zunächst in Liniendarstellung auf einer Skizze nach den Rasterachsen in acht Segmente à 2 Stab zu je 3.16 m unterteilt, jedes Segment wiederum in drei Teile. Jede der Teilungslinien markierte einen Deckenbalken, jeder Deckenbalken wurde links und rechts von je einem Sparrenpaar begleitet. Der Achsabstand der Sparren war mit exakt 2 Ellen à ca. 0.52,7 m sehr leicht als praktikables und übliches Maß festzulegen, während andererseits die Addition der Segmente einen raschen Überblick über das Dachwerk und die Anzahl seiner Elemente für Projektierung und Vorkalkulation ermöglichte. Da aber das Grundrissraster als Achslinienraster die Längenbegrenzung des Dachwerks darstellte, ohne der Dimensionierung der Randelemente an Süd– und Nordgiebel Raum zu geben, musste es zusammengeschoben werden, um die Randelemente unterzubringen. Da das Dachwerk konstruktiv getrennt vom begrenzenden Mauerwerk der Giebel konzipiert wurde, konnte es nicht einfach an den Enden beschnitten werden. Die Dachschwellen erforderten an ihrem giebelseitigen, freien Ende je einen vollen Dachbalken zur Schubkraftableitung, so dass im Grundriss das Randfeld geschlossen wurde. Zur Herstellung des Giebelwandanschlusses der Dachfläche wurde zusätzlich je ein Sparrenpaar entlang der Giebelwände notwendig, so dass auch die Systemrandbalken von je zwei Sparrenpaaren begleitet wurden. 

Die Ermittlung des Achsmaßes für die Ausführung der Dachbalkenlage und der konstruktiv damit zusammenhängenden Dachschwellen musste die beschriebene, an beiden Systemenden erforderliche zusätzliche Strecke von ca. 0.90 m berücksichtigen, die sich aus der Vorholzlänge der Dachschwelle mit aufliegendem Streichsparren und der halben Dachbalkenbreite zusammensetzt. Diese Strecke war vom stabhaltig glatt rekonstruierbaren Längsinnenmaß des Dachraums abzuziehen. Die Differenz war nun nicht mehr glatt maßhaltig in die vorgesehenen 24 Balkenabstände unterteilbar. Das wird der Grund sein, weshalb stattdessen letztlich die operativ wesentlich einfachere Division durch 25 durchgeführt wurde.167 Es scheint, dass die Vorstellung von Bauabmessungen im 11. Jahrhundert vom Dezimalsystem geprägt war. Das entspricht auch der Darstellung von Größen und Rechenoperationen mit römischen Ziffern, die auf dieser Grundlage am einfachsten ausgedrückt werden können. Die Beobachtung sowohl des Stab– wie auch des Fußmaßes, die im Verhältnis von 1:10 zueinander stehen, macht in Ergänzung zum Dezimalsystem der verwendeten römischen Zahlen eine derartige Rechenoperation relativ einfach. Als Beispiel diene ein Vorschlag für die Bestimmung der Balkenachsen im untersuchten Dachstuhl: Das Gesamtmaß der Dach-Innenlänge beträgt ca. 50.70 m, entsprechend 16 perticae (Stab) zu 3.16,8 m. Abgezogen werden an beiden Giebelseiten je 3 Fuß (am Bau 0.92 m gemessen) bis zur Achse der ersten Deckenbalken. Als zu teilende Strecke verbleiben 15 Stab 4 Fuß. Die Strecke wird durch 100 geteilt (zerlegt in  x  ) und dann 4 mal addiert. Die im Ergebnis VI+ +  Fuß entstehenden Bruchteile wurden nach Maßgabe der im Dachstuhl gemessenen Achsmaße (zwischen ca. 1.87 m und ca. 1.97,5 m) unterschiedlich verteilt; 6 Fuß entsprächen 1.89,6 m bei einem Grundmaß von 0.31,6 m. 

Die Teilung des Dachstuhls in 25 Felder definierte das ausgeführte Achsmaß der Dachbalken, bedingte die Einführung eines zusätzlichen, sechsundzwanzigsten Dachbalkens sowie die Gesamtzahl von fünfzig Sparrenpaaren zuzüglich zwei Wandsparrenpaaren. Diese konstruktiv und pragmatisch motivierten Anpassungen wurden in der jeweils unterschiedlichen Verlängerung der giebelseitigen Dachschwellen gegenüber den Normalschwellen manifest (vgl. Pl. 9.35). Die Abhängigkeit von den Sondermaßen am Systemende kennzeichnet das Achsmaß der Dachbalken als bruchhaltiges Maßergebnis aus einer Teilung, nicht als frei gewählte und additiv angeordnete Strecke. Es ist deshalb etwa für eine metrologische Auswertung nicht zu gebrauchen. 

Die Festlegung der Dachschwellenlänge auf je drei Balkenachsen ergab eine einigermaßen handliche Abmessung der schweren Querschnitte, einschließlich der beiden vier Balkenachsen messenden Sonderelemente à ca. 8.00 m Länge. Da sich diese beiden Hölzer nicht im erhaltenen Südteil des Gebäudes befinden, der mehr als die Hälfte des Baus umfasst, ist ihre einstige Lage am Nordgiebel zu vermuten, und das Dach scheint vom Südgiebel her aufgezimmert worden zu sein. Der Südgiebel als Ausgangsort lässt zwei Gedanken aufkommen: Erstens hatte er mit seinen Lisenen und der starken plastischen Ausprägung den Vorrang vor der Gegenseite und war im mentalen Bild als Gebäudeansicht präsenter als der Nordgiebel.168 Zum Zweiten wurde eine hypothetische Planungsskizze mit großer Wahrscheinlichkeit von der Ostseite her gesehen, die die Front des Gebäudes bildet, und nach der Schriftrichtung rechtsläufig entwickelt. 

3.4.5 Bauhistorische Stellung als Aula der Periode Cluny III

Es handelt sich bei den „Écuries“ um einen langen Großbau mit Sockel– und Obergeschoss. Im Obergeschoss befindet sich ein großer Saal. Er ist im oberen Drittel mit einer Reihe großer, hochgelegener Fenster ausgestattet. Die mächtige Dachkonstruktion kommt innerhalb des Dachdreiecks ohne Querriegel, Ständer oder Streben aus. Sie ist als offener Dachstuhl konzipiert, der von je drei großen Fenstern in Süd– und Nordgiebel Licht erhält. 

Die Spannweite der Dachkonstruktion überbrückt 11.82 m und entspricht der lichten Breite des Mittelschiffs der Abteikirche.169 Zwar scheint zunächst die weithin sichtbare Achssymmetrie des Südgiebels (Abb. 3.55) das Bauwerk zu dominieren, sich nach der Gewohnheit des Kirchenbaus in der Länge des gesamten Baukörpers fortzusetzen, doch der Grundriss zeigt ein ganz anderes Bild. Hier ist die Querachse dominant. Im Sockelgeschoss der „Écuries“ wurden die Reste eines Mitteltors gefunden, das sich an der östlichen Langseite genau in der Querachse des Baus befand, von der aus das Ordnungsraster des Grundrisses entwickelt ist. Das Mitteltor liegt an der Frontseite des Bauwerks zum großen Abteihof hin. Die Vorderfront und die beiden seitlichen Giebelwände enthalten zahlreiche Fenster, während die lange, rückwärtige Westwand fensterlos und bis auf zwei (erhaltene) Zugänge zum Saalgeschoss ganz geschlossen ist. 

Nach dem Baubefund und der dendrochronologischen Datierung 1107/08 (d) gehören die „Écuries“ zu den ersten fertiggestellten Bauwerken der Periode Cluny III. Die Traufhöhe des Gebäudes von ca. 16 m ist beachtlich und wird, mit Ausnahme der Türme, nur vom Mittelschiff der Abbatiale Cluny III noch übertroffen. Im Grundriss erreicht das Gebäude schon ohne seitliche Anbauten die Ausdehnung der Abteikirche II. Seine Größe ist bei der Interpretation des Baus bisher nicht ausreichend beachtet worden: Es ist die „Nr. 2“ der Anlage Cluny III. Der ca. 53.07 m lange Bau liegt am zentralen Hof der Abtei, quergerichtet gegenüber dem Atrium II. Diese Anordnung erinnert an die Stellung der aula regia gegenüber dem Kirchenbau in der Ingelheimer Pfalz. Die Achse von Abteikirche und Atrium Cluny II trifft in der Verlängerung nach Westen die Mitte des neu entdeckten Mitteltors im Erdgeschoss der „Écuries“ (Abb. 3.56).170 

3.55 Cluny III, Aula von 1108.
Südgiebelmauer mit Ecklisenen, Konsolgesimsen und Löwenfigur. Die Fläche des Giebeldreiecks kragt gegenüber der Wandfläche des Gadens aus. 

3.56 Cluny III, Aula von 1107/08 (d).
Grundriss, Front und Dachstuhl mit Proportions– bzw. Bemessungsraster.
Pl. 9.35, nachbearbeiteter Ausschnitt. 

Es wurde dargelegt, in welch exakter Weise das Gebäude auf diese Quermittelachse bezogen, und dass es als quergerichteter Bau konzipiert ist. Diese Erkenntnis entzieht den Achsbezug gegenüber Cluny II dem Eindruck des Zufalls. Ob dieser Achsbezug nur als Ordnungshilfe bei der Anlage des neuen Hofes genutzt wurde oder zusätzlich Ausdruck eines liturgisch-ideologischen Verhältnisses ist, bleibt zunächst offen. Chor und Atrium II blieben jedenfalls noch nach der Fertigstellung der Abbatiale III in Benutzung, so dass der Achsbezug über die curtis hinweg im Bauergebnis wahrnehmbar war. 

Dass der Bau der „Écuries“ als „Hospice dʼaccueil“ konzipiert sei,171 wie spätestens seit Kenneth John Conant weitergetragen wird,172 ist jedenfalls in der Interpretation als „Gästetrakt“ unwahrscheinlich.173 Die Gästehäuser etwa in Fontenay, auf dem Sankt Galler Plan oder auf der zweiseitigen Darstellung des Kathedralkomplexes von Canterbury im „Eadwine“-Psalter sind in der Größe weniger auffällig und treten als gegliederte Bauten auf. Große Säle sind dagegen etwa in den späteren großen Krankenhospizen enthalten, liegen dort aber zu ebener Erde, so in Beaune oder Tonnerre. Das große Krankenhospiz der Abtei Cluny scheint entgegen verbreiteter Ansicht erst dem 13. Jahrhundert anzugehören.174 Die „Écuries“ sind als seltener früher Großbau herauszuheben. Die gängige Interpretation sieht im Erdgeschoss Stallungen für die Pferde der Gäste vor.175 Der Zustand der Deckenbalken und –unterzüge des Erdgeschosses lässt eine über viele Jahrhunderte dauernde Stallnutzung dort allerdings ausschließen.176 Die Bezeichnung „Écuries“ geht auf die neuzeitliche Nutzung des Baus für Pferdestallungen zurück, die nach der Raumunterteilung des „Plan anonyme“ um 1700 darin bereits vorhanden sein könnten (und es um 1790 nach der Darstellung im Plan „Philibert Fils“, Legendennr. 21, sicher waren). Die älteste eindeutige Funktionsangabe zu dem Gebäude ist der Legende des Stadtprospekts von Louis Prévost um 1670 unter Buchstabe F zu entnehmen und bezeichnet es als „Le College, accompagné de toutes les Classes, & dʼune tres grande Salle pour les Actions publiques“, während die „Escuries“ der Abtei an anderer Stelle, unweit des „Tour des Fromages“, eigens angegeben werden und noch nicht mit dem untersuchten Gebäude in Verbindung zu bringen sind.177 

Es bleibt die Bauform der „Écuries“, die Aufschluss über die bauhistorische Stellung geben kann. Es handelt sich um einen zweigeschossigen Langbau. Über einem Sockelgeschoss mit mittiger Rundpfeilerreihe ist ein stützenfreies, hohes Saalgeschoss mit offenem Dachstuhl errichtet. Durch die dendrochronologische Datierung der Sockelgeschossdecke mit doppeltem Unterzug auf 1107/08 kann auch die Rundpfeilerreihe zweifelsfrei der Bauzeit zugeordnet werden. Ihr präzises Achsmaß im Zusammenhang mit dem neuentdeckten Mitteltor auf der östlichen Langseite sind Bauergebnis einer quergerichteten, präzise konzipierten Anlage, deren Front die zum Haupthof hin gelegene Ostseite darstellt. Diese Querausrichtung als folgenreiche strukturelle Beobachtung ergänzt und erklärt den bekannten Befund des fehlenden Lichtgadens auf der Westseite als Rückseite des Gebäudes. Auch das konsolengestützte Geison der anderen Gebäudeseiten fehlt dort definitiv, wenn auch die Symmetrie des Südgiebels und des (erhaltenen) Dachquerschnitts bisher zu einer Rekonstruktion mit Ergänzung von Konsolen verleitet haben, die der Ostseite entspricht.178 Seitlich angesetzte Treppen– bzw. Galerievorbauten sind wegen der vorhandenen Durchgänge im Saalgeschoss anzunehmen, ihre Konstruktion, Größe und Anordnung bisher allerdings nur zu vermuten, abgesehen vom Erdgeschoss des Arkadenvorbaus im Osten. In Anbetracht der signifikanten Unterschiede des Befunds von Ost– und Westwand kann die bisherigen Rekonstruktion gleichartiger, als Baukörper den Seitenschiffen einer Basilika entlehnter Galerieanbauten nicht gestützt werden. 

Der im „Eadwine“-Psalter aus dem 12. Jahrhundert enthaltene Prospekt des Kathedralkomplexes von Canterbury mit fokussierter Darstellung der Wasserversorgung zeigt ein Gebäude, das den „Écuries“ auffallend ähnlich ist.179 An der Nordwestecke der Anlage von Canterbury steht ein großer, zweigeschossiger, hoher Langbau mit hochliegenden Arkadenfenstern, die Fenstern der spätromanischen Häuser in Cluny nicht unähnlich sind. Das Bauwerk ist als „AULA NOVA“ bezeichnet (Abb. 2.4 und 3.36). Vor seiner Langseite steht ein Brunnenhaus. Wie an den ebenfalls am Westrand der Abtei gelegen „Écuries“ in Cluny, schmückt die dem Betrachter zugewandte Giebelspitze ein Löwe. Auf dem Gegengiebel sitzt ein geflügelter Drache.180 Unmittelbar an die „AULA NOVA“ schließt die „porta CURIE“ an, das Haupttor des Kathedralbezirks. Die viel bescheidener als die Aula gestaltete „DOMUS HOSPITUM“, der Gästetrakt also, liegt in einiger Entfernung an einem eigenen kleinen Hof, der an den Kreuzgang anschließt, gegenüber dem Küchengebäude. Die domus hospitum verkörpert eine Funktion, die den „Écuries“ bislang zugeschrieben wird; doch ist es die „AULA NOVA“, die nahezu wie ein Abbild der „Écuries“ ikonographisch dargestellt ist. 

In der Tat entspricht die in Cluny erkundete Bauform der „Écuries“ bis in die Einzelheiten der Definition einer Aula, wie sie Günther Binding im Lexikon des Mittelalters vorstellt: Es ist ein großer, querrechteckiger Saalbau mit Sockel– und Hauptgeschoss und Treppenvorbau, der als solarium bezeichnet wird.181 Dieser Terminus ist im Begriff domus solarata enthalten und für die typologische Entwicklung des Stadthauses von außerordentlicher Bedeutung.182 Die „Écuries“ stellen einen Bautypus dar, der der Paderborner Aula des 11. Jahrhunderts gleichkommt. Von letzterer sind nur Teile des Sockelgeschosses erhalten, jedoch enthalten die Fragmente als Signifikans ein Mitteltor auf der Südlangseite – wie im übrigen auch der vorromanische Vorgängerbau, bei ihm ist das Tor allerdings nicht genau axial angeordnet. Mit der im Grundriss ca. 44,50 x 16,45 m messenden, ein wenig kleineren Paderborner Aula des 11. Jahrhunderts (Abb. 3.57) teilen die „Écuries“ außerdem das Konzept einer Mittelpfeilerreihe im Erdgeschoss und die Eigenart, dass die Achse des Mitteltors im Inneren des Baus auf einen Pfeiler zuführt.183 

3.57 Paderborn, ottonische Aula (Grundriss).
Gai and Mecke 2004, S. 18 Abb. 16.
Graue Markierung: Verfasser. 

Zusammen mit der Darstellung des Kathedralkomplexes von Canterbury im „Eadwine“-Psalter zeigt nun der Baubefund in Cluny, dass Bezeichnung und Bauform der Aula noch im 12. Jahrhundert in Klosteranlagen von Weltbedeutung nicht nur auftreten, sondern in beherrschender Position errichtet werden. Es scheint, dass der Bautypus der Aula den Machtanspruch nicht nur der weltlichen Herrschaft, sondern in gleicher Weise des Klerus verkörpert, bis die Bettelorden die Klosterlandschaft nachhaltig verändern. Die Wirklichkeit des 12. Jahrhunderts scheint noch der Darstellung einer Aula auf dem Sankt Galler Klosterplan zu entsprechen.184 

Nun erwähnt Conant in der Beschreibung der „Écuries“ eine Quelle, die besagt, dass der Abt Bertrand de Colombiers (1295–1308) die Decke der „aula magna hospitii“ hat bemalen lassen.185 Von einer Aula ist wörtlich demnach auch in den cluniazensischen Quellen die Rede. Conant kommt jedoch zum Schluss, dass der untersuchte Saal offenbar nicht vertäfelt war: „Lʼabbé Bertrand de Colombiers (1295–1308) a fait peindre [...] le plafond de la « aula magna hospitii » – mais cette salle de lʼhospice de lʼabbé Hugues était (paraît-il) sans lambris“.186 Insofern geht Conant davon aus, dass das Saalgeschoss der „Écuries“ wohl nicht gemeint sein könne, und er geht der Information der Quelle nicht weiter nach.187 Einige der romanischen Sparren im Dach der „Écuries“ tragen jedoch das Bild horizontaler Streifen, die von einer sekundären Verbretterung zeugen. Es sind Eisennägel mit breiten Köpfen steckengeblieben. Etwa am 15. Sparrenpaar befindet sich nahe am First das Fragment eines konkav passig beschnittenen Zierbretts, das rot, schwarz und weiß bemalt ist, wahrscheinlich einen spätgotischen Wappenschild darstellt und wie das Fragment eines hölzernen Pendants zum Wappen im Gewölbe der Kapelle von Jean de Bourbon aussieht (ab ca.1460).188 Auch die Ausmalung mit einem Fries aus Lanzettblattrosetten zwischen den Deckenbalken, gleichfalls in rot, schwarz und weiß, könnte in der Quelle gemeint sein. Jedenfalls gibt es Anhaltspunkte für die Möglichkeit einer Zuordnung der Malarbeiten des Bertrand de Colombier zu den „Écuries“ – und damit der Schriftnennung einer Aula – deren Spuren heute in dem dunklen und mit Glasstaub verseuchten Dach leicht zu übersehen sind.189 

Interessant ist, dass um 1300 die Bezeichnung aula nicht mehr für den damals schon veralteten Bautyp des quergerichteten, herrschaftlichen Saalbaus, sondern auf den Hauptraum reduziert und als Synonym für den Saal benutzt wird. Das Bauwerk insgesamt bedarf eines zeitgemäßen Ersatzterminus und ist als „hospitium“ eingeführt, was sicherlich in der Funktion der Aula für offizielle und gastliche Empfänge begründet und bis heute tradiert ist. Zur selben Zeit wird die Errichtung des (so benannten) „Palais du Pape Gélase“ in Angriff genommen. Für eigene Repräsentations– und Wohnzwecke scheinen die Äbte von Cluny immer an ihrer Zeit orientiert gewesen zu sein. Die erhaltenen Paläste der Äbte Jean de Bourbon (um 1460) und Jaques dʼAmboise (nach 1500) sind Beispiele für ein solches Selbstverständnis des Abts. Sie befinden sich ganz in der Nähe, jenseits des Narthex. 

3.58 Cluny III, Aula von 1107/08 (d).
Rekonstruktion mit Vervollständigung des Saalbaus (durchscheinend) und Ergänzung von Anbauten (konturiert). 

Die nur wenigen Quellen mit stark gerafften Informationen, die mit den „Écuries“ in Verbindung gebracht werden können, haben in einem Punkt eine Gemeinsamkeit, die vielleicht nicht übersehen werden sollte. Zwar liegen zwischen der Quelle des Abts de Colombier und dem Stadtprospekt des Louis Prévost (Prévost 1670) 370 Jahre, doch wird in beiden Fällen mit der Nennung der „aula magna“ bzw. der „tres grande Salle“, ausdrücklich auf einen Saalbau hingewiesen, der unmissverständlich als „groß“ bzw. „sehr groß“ gekennzeichnet wird. Auch die Nennung einer „grande salle des grands palais“ innerhalb einer Aufzählung von 1622 kann dem Bau zugeordnet werden.190 Damit bliebe der Bau, der ja um 1108 als mittelalterliches palatium errichtet wurde, aufgrund seiner Mächtigkeit als großer Palast charakterisiert, der zuvorderst einen großen Saal enthält. Prévost bezeichnet auch andere Bauten, namentlich Abteikirche, Refektorium, Dormitorium und Krankenhospiz als groß oder weitläufig, doch die bestimmungsneutrale Bauform eines Saals wird in der Legende nur in Verbindung mit dem „College“, den heutigen „Écuries“ genannt. Keiner der späteren Bauten ist in dieser Weise gewürdigt. Es bleibt der große Saal eine so besondere Eigenschaft dieses Baus aus der Zeit um 1100, dass Prévost sie noch im fortgeschrittenen 17. Jahrhundert exklusiv erwähnt, und das sicher nicht wegen der frühen Zeitstellung. Noch zur Zeit Louis Prévosts, als in dem Gebäude eine Oberschule eingerichtet ist, wird der große Saal „pour les Actions publiques“, für öffentliche Veranstaltungen oder Versammlungen, genutzt. Dieser Gebrauch könnte ein später Reflex der ursprünglichen Bestimmung des Saalbaus für Zusammenkünfte und Empfänge durch den Abt nach dem Modell der aula regia sein. Die entsprechende Bauform ist jedenfalls vorhanden (Abb. 3.58). Die in der Hugo-Vita des Gilo erwähnte aula imperialis, die der Abt kurz vor seinem Lebensende – er starb 1109 – noch in Angriff genommen habe, kann mit dem untersuchten Bauwerk verbunden werden.191 

 

3.5 Doppelsaalhaus 11–13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre
‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1135/36 (d)

Doppelsaalbau mit viergeschossigem Rechteckhaus 

Pl. 9.219.34 

Stadtübersicht Pl 1: K 

Zeittafel S. 342351: 17 

3.59 Cluny, Place Notre-Dame mit Westportal der Marienkirche, Laufbrunnen und Häusern Nr. 11–13, place Notre-Dame (frontal).
Rechts hangaufwärts die Rue de la Barre. 

3.5.1 Vorbemerkungen

3.60 Cluny, Häuser 11–13, place Notre-Dame und 3, rue de la Barre.
‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1135/36 (d).
Isometrische Rekonstruktion des Ursprungsbaus.
Pl. 9.34, Ausschnitt. 

Die Beschreibung des Gebäudes als ‚Saalbau mit ‚hohen Wohnhaus‘ ist ebenso wie die Datierung 1135/36 (d) Ergebnis der vorliegenden Untersuchung. Nach dem ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091 ist es das zweitälteste bislang präzise datierte und dokumentierte Stadthaus Frankreichs, dazu der älteste bekannte, noch aufrecht stehende Vertreter des aus Saal– und Wohnbau kombinierten Typus. Das Gebäude mit dem äußerlich auffälligen ‚hohen Wohnhaus‘ ist bis zum Ende der 1980er Jahre von der Forschung nicht beachtet worden.192 Pierre Garrigou Grandchamp und Jean-Denis Salvèque erkannten das Gebäude als romanisches Haus und würdigten es in einer umfassenden Plan– und Textdokumentation, noch ohne es allerdings in seiner zeitlichen und typologischen Einordnung überzeugend zu erfassen.193 Schon nach ersten Beobachtungen zu Beginn der vorliegenden Untersuchung entstand 1995 die Vermutung, dass das ‚hohe Wohnhaus‘ zusammen mit dem vorgelagerten, breiten Baukörper einen schon im 11. Jahrhundert verbreiteten Feudalbautypus vertritt, den Immo Beyer 1992 erstmals als „,Donjon‘ + Saalbau“ umrissen hat.194 Den Verdacht der höheren Zeitstellung gegenüber den bekannten romanischen Reihenhäusern bestärkte die sparsamere, teils feingliedrigere Bauornamentik. Im Vorbericht Flüge 2001 wurde zum Zeitpunkt der Aufnahme des Grundrisses ein erster Überblick über die bis dahin gemachten Beobachtungen gegeben,195 die vor allem die bauliche Einheitlichkeit im Grundriss des gegliederten Hauskomplexes feststellten.196 Die Untersuchung und steingerechte Dokumentation wurde bis 2005 fortgesetzt und konnte den Bauzusammenhang im Aufriss bis ins Dach fixieren. 

Ergebnis ist die annähernd erschöpfende Dokumentation und sichere Rekonstruktion eines Crossopterygius der hochmittelalterlichen Bau– und Stadtbaugeschichte, der zwischen älterem Einzel– und jüngerem Reihenhaus sowie zwischen feudaler Hofanlage und bürgerlich geprägter Stadttextur steht (Abb. 3.60). Als Zeugnis einer durchgreifenden typologischen Entwicklung illustriert das Bauwerk auch den kolossalen Umbruch der Gesellschaft in den Jahren nach 1100. Ergebnisse zu seiner Bauproportion und –dimensionierung geben Einblick in geistige Grundlagen der Zeit, die Wahrnehmung und Bewältigung des Raums betreffen. 

3.5.2 Überlieferung

3.61 Häuser 11–13, place Notre-Dame und 3, rue de la Barre im „Terrier Bollo“ von 1693.
Nordrichtung (Place Notre-Dame) links.
Markierung: Verfasser. 

Die dem untersuchten Bau zugewandte Kirche Notre-Dame ist Sitz der größten Pfarrei der Stadt und die einzige der ehemals drei Pfarreien Clunys, die bis heute existiert. Sie geht auf eine ältere Marienkapelle zurück, die um 1120 von Papst Calixtus II. als erste der Stadt mit den Rechten einer Pfarrei beurkundet wurde.197 Der öffentliche Brunnen der Place Notre-Dame ist im „Terrier Bollo“ von 1693 bereits als Quellbrunnen erwähnt,198 der vielleicht noch die mittelalterliche Situation darstellt.199 Derselbe Steuerkataster enthält die früheste überlieferte zeichnerische Darstellung des Hauses, genauer gesagt, der heute noch bestehenden Parzellen, in die das romanische Gebäude aufgeteilt wurde (Abb. 3.61, 3.62). Die Nutzungen des 17. Jahrhunderts waren durchaus gewöhnlich: Im Erdgeschoss des Wohnhauses existierte ein Stall, hinter dem Haus lag ein Hof mit Latrine und Nebengebäuden, daran schloss ein Garten an. Ein Teil des Hauses (die heutige Nr. 11) war gar nicht mehr bewohnt, sondern in einen Stall mit Heuboden umgenutzt, darüber gab es Toiletten und Nebenräume.200Heutiges Haus Nr. 13, place Notre-Dame: 

„Sr Jean Subutin (?) Bourgeois de Cluny 

Fol. 113 art. seul = Maison Etable 

Cour aisances appart.[enances] Et Jardin [Kürzel] 

Vve Fournier art. 2. En Perrier (Verzeichnisname?) 

Steuersumme  

Vers la Fontaine Notre Dame 

395 (Parzellennummer?)“ 

Heutiges Haus Nr. 11, place Notre-Dame: 

„Me François Arcelin 

Fol. 174 art. 3 = Etable Fenil 

dessus aisances Et appart.[enances] Kürzel  

Kürzel de Dame Thomasse Noblet 

Steuersumme 528 (Parzellennummer?)“. 

3.62 Häuser 11–13, place Notre-Dame und 3, rue de la Barre im „Terrier Bollo“, aktualisierte Fassung letztes Viertel 18. Jh.
Nordrichtung (Place Notre-Dame) links.
Markierung: Verfasser. 

Die Aufgabe der Wohnfunktion ist nicht nur durch den Zustand der damals schon fast 560 Jahre alten Bausubstanz zu erklären,201 sondern auch durch den Anbau eines Reihenhauses im Osten des Gebäudes im 13. Jahrhundert. Dieser nahm der Osthälfte des Saalbaus jede Zufuhr von Licht und Luft, so dass sie kaum noch bewohnbar war. Diese Feststellung ist als Indiz dafür zu werten, dass der ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136 ursprünglich noch als Solitär gedacht war. Erst der Einbau eines tiefen Lichthofs 18. Jahrhundert brachte die Wohnnutzung zurück, die östliche Haushälfte ist jedoch bis heute nur mit Mühe zu belichten und zu belüften.202 

Es ist der aus niedrigerem Saal– und hohem Wohnhaus kombinierte Gebäudetyp, der das Haus mit dem Wortlaut einer ortsgeschichtlich bedeutsamen Verkaufsurkunde vom 20. Februar 1451 zusammenbrachte.203 Bürger Clunys, die sich als „Konsuln und Richter“ proklamierten und eine von der Abtei unabhängige Gemeinde anstrebten,204 erwarben ein „hohes und niedriges“ Haus vor der Kirche der seligen Maria, um es als Waffenkammer, Stadtarchiv und Bruderschaftshaus zu nutzen.205 In einem 12 Jahre dauernden, vom Abtsherrn angestrengten Prozess wurde ihnen das Recht dazu abgesprochen. Bislang wurde dieses erste „Rathaus“ in einem der schmalen Häuser der Zeile westlich des Platzes vermutet (Isometrie Pl. 9.34, untere Parzellenreihe),206 etwa der „Maison des Griffons“ mit ihrer qualitätvollen Fensterarkade aus dem 13. Jahrhundert – außer der Lage am Platz aber ist für dieses Haus kein Zusammenhang mit der Urkunde gegeben.207 Es könnte sich bei der Angabe in der Urkunde um den ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ handeln. Als einstiger Feudalbau(typus) und größtes Haus am Platz kann dieses dem Anspruch eines repräsentativen Rathauses gut entsprochen haben. Die Formel „domus alta et bassa“208 ist nach der weitergehenden Analyse des „Terrier Bollo” aber eine geläufige Bezeichnung für mehrgeschossige Häuser und weist nicht per se auf eine besondere, gegliederte Hausform hin, wie zunächst vermutet. Allerdings ergaben sich aus der Bauuntersuchung andere Indizien, die darauf hindeuten, dass es sich um das Bürgerschaftshaus der Urkunde von 1451 handelt. Der ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ wurde nach 1447 bis ca. 1467 unter Beibehaltung der Hausform grundlegend instandgesetzt.209 Zwanzig dendrochronologische Daten belegen die sukzessive Erneuerung in dieser Zeit. Eine längere Pause entstand zwischen ca. 1454 bis ca. 1467 während des Prozesses zwischen Abt und Bürgern.210 Beachtet man den Wortlaut der Urkunde, der die Position des fraglichen Hauses „ante ecclesiam parrochialem beate Marie“211 bzw. „ante portalem beate Marie de panellis“ angibt,212 ist die vorgeschlagene Sichtweise umso wahrscheinlicher, da das lateinische ante nicht eigentlich „gegenüber“ wie die griechische Präposition ἀντί, sondern „vor“ oder „nahe bei“ bedeutet. Das Haus lag näher an der Vorhalle von Notre-Dame als jedes andere in der Nachbarschaft und war ihr im spitzen Winkel zugewandt. Das Ergebnis, dass es sich beim „Rathaus“ von 1451 wahrscheinlich um den ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ handelt, konnte nur aus der kombinierten Auswertung von gebautem und geschriebenem Dokument erwachsen. 

3.5.3 Bauhistorischer und –archäologischer Befund (Überblick)

a. Lage (Pl. 9.1)

Der Hauskomplex 11–13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre ist um 60 m von der Abteimauer bzw. ca. 245 m vom Haupttor der Abtei entfernt und liegt sehr nahe am Tour des Fromages, dem ältesten Turm der Abteiumfassung. Das Haus steht am Platz vor dem Hauptportal der gotischen Pfarrkirche Notre-Dame und fasst den knapp 25 mal 25 m großen Platz mit Brunnen von Süden her ein (Abb. 3.59). Die Place Notre-Dame hat erst nach 1772 ihren annähernd quadratischen Grundriss mit geradliniger Begrenzung erhalten. Ebenso ist auch die vorhandene Brunnenschale mit Obelisk ein Erzeugnis des Louis-Seize. Die Isometrie (Pl. 9.34) zeigt die vorhergehende Situation mit der Lage des großen, in den Boden eingetieften Quellbrunnenbeckens und der Vorhalle des Kirchenportals vor dem Abbruch. Der untersuchte romanische Baukomplex ragte um 2.75 m weiter in den Platz hinein und wurde durch klassizistische Straßenrandbegradigungen (alignements) verkürzt.213 

3.63 Cluny, Notre-Dame im „Terrier Bollo“ (4. V. 18. Jh.). Oben Nordosten.
Place Notre-Dame mit mittelalterlichem Laufbrunnen, Pfarrkirche Notre-Dame mit Markt am Chorhaupt („Les Halles“) und Hauptstraße des Orts („Grande Rue [Mercière]“).
Unten links markiert Häuser 11–13, place Notre-Dame.
Ausschnitt und Markierung: Verfasser. 

Der Platz liegt in unmittelbarer Nähe der Hauptstraße, der ehemaligen Römerstraße von Belleville-sur-Saône nach Autun,214 ist allerdings durch eine räumlich beengte Häuserzeile von ihr getrennt (Abb. 3.63). Es ist die breiteste Stelle der Médasson-Talsohle, die der Stadt zwischen der Abteimauer im Norden und dem Steilhang im Süden bleibt. Sie wird von zwei Straßen begrenzt, die beide durch die naturräumliche Topographie bedingt sind. Entlang der Abteimauer folgt die Hauptstraße dem Bach, am Fuß des Steilhangs verläuft die Petite rue Notre-Dame und konvergiert nach Osten mit der Hauptstraße. Zwischen den beiden Straßen liegt der Platz mit Brunnen, die Kirche Notre-Dame, an deren Chorhaupt sich ehemals die Markthalle der Stadt befand, sowie die genannte, eingeengte Häuserzeile ohne die üblichen Gärten und Höfe.215 Die ältesten dort erfassten Baubefunde kommen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts; die Häuserzeile überbaute zu jener Zeit den Kloakenbach Médasson. Was die vom Platz hangaufwärts führende Rue de la Barre angeht, scheint es so, dass diese den Weg von der Abtei in Richtung der Hügelkapelle Saint-Odile (11. Jh.) bildete, bevor sie gegen 1200 durch den Bau der Stadtmauer am oberen Hangsaum gekappt wurde.216 Sie könnte auch den in präurbaner Zeit kürzesten Weg vom Portal der Marienkapelle zur Odilokapelle ersetzt haben, von dem ein Rest in der nicht mehr existierenden „Rue des Galoux“ bis ins 18. Jahrhundert hinein erhalten blieb. 

Die städtebauliche Situation des romanischen Saalhauses zur Bauzeit um 1136 unterschied sich vom heutigen Stadtraum. Nach den vorliegenden Schlüssen aus der Topographie Clunys, die durch detaillierte Baubeobachtung gefestigt wurden, bildete der in geringer Entfernung stehende Tour des Fromages, der um oder wenig nach 1000 erbaut wurde, ursprünglich einen Eckturm der Abtei Cluny II. Westlich außerhalb der Klostermauer verlief die Talrandstraße nach Norden, bis sie um 1100 durch die Erweiterung der Abtei III überlagert und gekappt wurde.217 Nahe der Ecke am Turm würden die vorgenannte Römerstraße und die Talrandstraße zusammenkommen. Hier wäre die Mitte der alten villa Cluniacum zu vermuten. An der Stelle befand sich die vor– oder frühromanische Marienkapelle und nach Süden der Abzweig zur frühromanischen Odilokapelle, der im weiteren Verlauf zur villa und dem doyenné von Jalogny führte. Zur Zeit des Hausbaus um 1135/36 war zwar die Abtei bereits erweitert, so dass das Haus nach Norden auf die Abteimauer blickte, doch stand noch die alte Marienkapelle, die ab dem späteren 12. Jahrhundert durch einen großen gotischen Neubau ersetzt wurde.218 Die Nachbarschaft bestand aus kleineren, niedrigeren, freistehenden Häusern, die keine Straßenfront bildeten. In diesem noch kaum verdichteten Kontext in der Mitte der entstehenden Stadt erschien der ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ weitaus mächtiger als in der bekannten spätmittelalterlichen Situation. Es sollte der größte romanische Profanbau in der Stadt bleiben. 

3.64 Haus 13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre.
Mittelalterliche Westseite entlang der Rue de la Barre: Treppenvorbau mit Biforium, Saaltrakt, hinten das ‚hohe Wohnhaus‘ mit Giebel zur Straße. 

b. Parzellen (Pl. 9.21)

Die Parzellen der Häuser 11, place Notre Dame und 13, place Notre Dame mit 3, rue de la Barre bilden zusammen ein leicht verzogenes Rechteck, dessen 15 Meter messende Schmalseite im Norden die Fassade zur Place Notre Dame einnimmt, und dessen Längsseite sich ca. 45 Meter weit entlang der Rue de la Barre, früher „Rue des Pourceaux“, nach Süden den Hang hinaufzieht.219 Die nördliche Hälfte der Parzelle ist bebaut, die südliche Hälfte belegt ein Garten. Der von Geschoss zu Geschoss verspringende Grenzverlauf zwischen beiden Parzellen im Haus geht auf die Tatsache zurück, dass das Haus 11, place Notre-Dame sekundär aus dem Ursprungsbau herausgetrennt wurde. Im Urkataster von 1693 ist dieser Zustand bereits gültig. Da der große Baukomplex das älteste durch Baubefund bekannte Steinhaus an der Place Notre-Dame darstellt, ist es möglich, dass das ursprüngliche Grundstück auch über die heutigen Parzellengrenzen hinausging. 

c. Äußere Erscheinung

Die traufständigen Platzfassaden der beiden heutigen Parzellen 11 und 13, place Notre-Dame sind als einheitliche Konzeption mit fünf Fensterachsen, zwei Obergeschossen und Mansardengeschoss Ergebnis der Platzrandbegradigung um 1800, bei der der Platz die heutige Form erhielt. Diesen Straßenfluchtregulierungen (alignements) fielen seit dem 18. Jahrhundert die meisten mittelalterlichen Hausfassaden Clunys zum Opfer. Im Fall des ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ wurde die Fassade um 2.75 m zurückversetzt, bisher die stärkste bekannte Korrektur im Rahmen der alignements. Eine Grabung im Winter 1997/98 brachte die frühere Hausecke als Bausubstanz der Zeit um 1600 zutage. 

Der Bau liegt am Nordhang, seine Fassade steht exakt am Hangfuß. Das zum Vorplatz hin ebenerdige Sockelgeschos ist in den Hang eingeschnitten. Obwohl der Saalbau durch vielfache sekundäre Baueingriffe stark verändert ist, ist die ursprüngliche Kubatur des Gesamten noch zu erahnen, da das ‚hohe Wohnhaus‘ im hinteren Viertel des Grundrisses sich mit anderthalb Geschossen steil aus dem übrigen Gebäude abhebt (Abb. 3.64). Sein First steht um 18.17 m über dem bauzeitlichen Straßenniveau vor dem Haus, das dort ca. 1.00 m unterhalb der heutigen Straßenoberkante lag. Das platzseitige Mansarddach entspricht in der Zeitstellung der klassizistischen Fassade der Zeit um 1800; der nach hinten anschließende Treppenturm mit Pyramidendach wurde gegen 1600 errichtet; das Pultdach aus derselben Zeit entlang der Rue de la Barre ersetzte den breiten romanischen Giebel. Die 22.42 m lange Westseite an der Rue de la Barre hangaufwärts stellt sich im Wesentlichen noch als romanisch dar. Nahe der NW-Ecke steht ein romanisches Biforium des ersten OG in situ über einer gegen 1600 angesetzten, geböschten und gequaderten Stützmauer im Erdgeschoss. Zwei Schlitzfenster im Sockel kommen aus der Bauzeit. Kleinere Fenster verschiedener Formate und die großen Saalfenster à meneau et traverse im 1. OG entstammen Umbauten des 15. bis 18. Jahrhunderts.220 Vom ‚hohen Wohnhaus‘, das das obere Viertel des Grundrisses belegt, ist an der Rue de la Barre die komplette romanische Giebelwand bis zum First des Schildgiebels erhalten. An der Schnittstelle des Saalbaus mit dem ‚hohen Wohnhaus‘ ist der Speier einer bauzeitlichen Traufrinne erhalten, die durch das vorhandene Pultdach des ehemaligen Saalbaus verdeckt ist. 

Ähnlich wie die 15 m breite Platzfassade im Norden, ist die 12.50 m breite Rückwand des Hauses im Süden im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert als traufständige Lochfassade mit drei Fensterachsen und zwei Obergeschossen gestaltet worden. Sie ersetzte die mittelalterliche Gartenfront an gleicher Stelle. Das vorhandene Pultdach zwischen den Schildgiebeln des ‚hohen Wohnhauses‘ entstand zusammen mit der klassizistischen Rückwand. An den Ecken der Rückwand sind in beiden Obergeschossen Ansätze romanischer Arkadenfenster und Türöffnungen erhalten. An das Haus anschließend, beginnt der Garten mit einer Terrasse, die einen ebenerdigen Zugang von der Rue de la Barre besitzt und auf gleicher Höhe mit dem Bodenniveau des 1. OG des Hauses liegt. Oberhalb der Terrasse ist der Garten um ca. einen Meter aufgeschüttet und abgemauert, zum hinteren Ende der Parzelle hin folgt er der Hangfläche. Baugeschichtlich nennenswerte Nebengebäude gibt es nicht. Die Freiflächen des Grundstücks sind über drei Meter hoch ummauert; der Ansatz der Ummauerung steht im Verband mit der romanischen Hausecke an der Rue de la Barre. Auf der östlich angrenzenden Parzelle ersetzte ein dreiflügeliger klassizistischer Bau mit kleinem Ehrenhof ein Haus des 13. Jahrhunderts und einen Teil des alten Friedhofs von Notre-Dame. Er ist fast in voller Länge und Höhe an den ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ angebaut. 

d. Sockelgeschoss (Pl. 9.21, Pl. 9.259.29, Pl. 9.31)

3.65 Haus 13, place Notre-Dame.
‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Sockelgeschoss.
Arkadenbogen zwischen Vor– und Saalbau (Fragment). 

Bauzeit um 1136. Der Grundriss des Hauses von 1136 erscheint grosso modo als 2 : 1 dimensionertes Rechteck, das im Westen von der Rue de la Barre trapezoidal beschnitten wird. Er liegt längsseitig hangaufwärts, berührt im Nordosten den Kirchplatz, im Südwesten den Garten und im Südosten die Nachbarbebauung des 13. bis 18. Jahrhunderts. Bis auf die ergrabene Fassade zum Platz ist der Grundriss des Hauses von 1136 fast vollständig erhalten. Die in der Baudokumentation als bauzeitlich dargestellten, d.h., nicht schraffierten Mauerzüge bedurften nur weniger Ergänzungen, nämlich der Querwand zwischen Treppenvorbau und Saal in der Osthälfte, um dem Bauzustand um 1136 zu entsprechen. Es stellt sich im Grundriss ein von Straßen begrenztes Eckhaus dar. 

3.66 Haus 13, place Notre-Dame.
‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Sockelgeschoss.
Zwei von vier Arkaden zwischen Saalbau und ‚hohem Wohnhaus‘. Die tiefe Arkade setzt sich jenseits der Längsmittelmauer (diese im Bild links) fort und trägt ein Treppengangsystem. 

Ein hervorstechendes Merkmal des Grundrisses bildet die lange Mauer auf der zentralen Längsachse des Bauwerks. Sie ist in Abhängigkeit von den Außenmauern und der genannten Querwand positioniert, von der sie durch eine Baufuge getrennt ist.221 Ihre Verlängerung im Treppenvorbau bis zur Place Notre-Dame hin ist frühneuzeitlich und teilt den ehemals quergelagerten Vorbau in zwei Teile, dies wohl seit der Aufteilung des Gebäudes in die beiden heutigen Parzellen. Im Bereich des ‚hohen Wohnhauses‘ ist die Längsmittelmauer erweitert und umschließt einen Hohlraum, der die Substruktion eines schmalen Ganges im Obergeschoss bildet. Die beiden Quermauern des Grundrisses trennen dessen vorderes und das hinteres Viertel des von der Hausmitte ab. Sie sind im Erdgeschoss fast vollständig von großen Arkaden durchbrochen und erzeugen so eine ungehinderte Passierbarkeit des Geschosses von der Fassade bis zur Rückwand. Form und Aufteilung des Grundrisses suggerieren einen längsgerichteten, einheitlichen Baukörper. Auf die Tatsache, dass dem in Wirklichkeit nicht so ist, verweisen im Grundriss des Sockelgeschosses nur wenige Details, etwa die unterschiedlichen Mauerstärken von Vorbau, Saaltrakt und hohem Wohnhaus. 

3.67 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Sockelgeschoss.
Rückwärtiger Raum.
Links Lüftungsschlitz, dahinter schmaler gefangener Raum unterhalb des Durchgangs zum Garten.
In der Raumecke Öffnung zu einem Schacht in der Hausrückwand. 

3.68 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Sockelgeschoss.
Schacht in der Rückwand, der im 18. Jh. – und wahrscheinlich seit der Bauzeit des Hauses – als Abortschacht diente.
 

An der Rue de la Barre setzt die Staffelung der Mauerstärken den Treppenvorbau (0.63 m unter– bzw. 0.52 m oberhalb des Treppengewölbes) vom Saaltrakt (um 0.72 m) und vom ‚hohen Wohnhaus‘ (um 1.03 m) ab. Die Längsmittelmauer ist um 0.95 m, die Rückwand und die östliche Längsmauer je etwa 0.80 m stark. Die nur erschwert zugängliche östliche Längsmauer zeigt auf der Innenseite keinen Versprung, außer im Treppenvorbau im Bereich des abgängigen Treppengewölbes. An der östlichen Grenzwand des Treppenvorbaus entspricht die Mauerstärke der Gegenseite, am ‚hohen Wohnhaus‘ beträgt sie um 0.80 m, im Bereich des Saaltrakts liegt sie zwischen 0.70 m und 0.80 m. Die innenliegenden Quermauern sind 0.75 m bis 0.80 m (zwischen Treppenvorbau und Saaltrakt) bzw. um 1.56 m (Substruktion der ‚Treppenbrücke‘) stark und liegen jeweils streng parallel zur Rückwand (Abb. 3.65, 3.66). Bauzeitliche Fenster gibt es nur in der Westmauer zur Rue de la Barre. Zwei Schlitzfenster sind komplett erhalten, zwei weitere wurden sekundär erweitert. Ihre Bänke liegen in etwa derselben Höhe, während die Sturzhöhe in Richtung des Vorplatzes abnimmt. Der abnehmenden Sturzhöhe folgen Fragmente der bauzeitlichen Deckenbalkensassen. In der Westwand des ‚hohen Wohnhauses‘ bestand im Sockelgeschoss eine niedrige, nur um 1.40 m hohe Tür, die nachträglich zum Fenster umgewandelt und noch später ganz vermauert wurde (Abb. 3.69). Ein teilweise erhaltenes Rechteckfenster mit Schrägleibung und Ladenfalz belichtete den Raum (Abb. 3.70). 

3.69 Sockelgeschoss, rückwärtiger Raum, Westwand.
Fragment einer Tür der Bauzeit um 1136.
Podest mit Begehungsspuren in ca. 1 m Höhe über dem Kellerfußboden, nach hinten (außen) abgeschlossen von einer zweilagigen Schwellstufe mit Türblattanschlag.
Die Schwelle liegt ca. 0.50 m unterhalb des heutigen Straßenniveaus. 

In der Rückwand befindet sich ein viereckiger, um 0.80 x 0.80 m messender, senkrechter Schacht, der in Höhe des bauzeitlichen Fußbodens im geologisch anstehenden Lehm endet (Abb. 3.67 und 3.68). Er enthielt einen Fladen grünlich-schwarzer organischer Reste mit wenigen Geschirrscherben, fast alle aus dem 18. Jahrhundert, darunter ein schwarzer Henkeltopf, und war nach oben hin mit Schutt vom Umbau der Rückwand um 1780 angefüllt. Oben abgebrochen, ist er durch die bestehende Rückwand und Terrasse versiegelt. Zum Raum hin war der Schacht bis zum 18. Jahrhundert über eine später vermauerte Luke in Bodenhöhe zugänglich. Es scheint sich um eine regelmäßig ausgeräumte kleine Latrine des Baus von 1136 zu handeln.222 

Der bauzeitliche Fußboden war ein um 2,5 Grad zum Vorplatz hin geneigter Stampflehmboden, von dem nur wenige Fragmente noch gefunden werden konnten (s. Pl. 9.26). Er wurde im 18. Jahrhundert zusammen mit möglicherweise auflagernden Schichten abgegraben und durch neues Material – Glasscherben, Lehm, Bauschutt, und Erde – in gleicher Neigung wenig oberhalb des ursprünglichen Niveaus ersetzt (vgl. Pl. 9.26). Der Fußboden des Vorbaus wurde neuzeitlich nivelliert und teils mit Tonfliesen belegt. 

3.70 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Sockelgeschoss.
Rückwärtiger Raum, Westwand.
Fragment eines einflügligen Rechteckfensters (ca. 13. Jh., markiert) mit Schrägbank, Falz und Angel (hervorgehoben rechts in kleinem Quadrat). 

3.71 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, 1. OG.
Treppenturm um 1600 an der Stelle des romanischen Saaleingangs (reaktivierte Türöffnung). Links oben Fragment der Nische des mittelalterlichen Türblatts, jenseits der Tür der Treppenvorbau mit Biforium. 

Die Balkendecke des Sockelgeschosses mit Unterzügen entspricht im Saalteil dem Zustand um 1450 und im Treppenvorbau dem Ende des 18. Jahrhunderts. Für die Balkendecke von 1136 wurde im Saaltrakt eine geneigte Lage rekonstruiert, da die Höhenlage der in den Längswänden noch vorhandenen Balkensassen in Richtung des Vorbaus stetig abnimmt. Die entsprechend sukzessive abnehmende Öffnungshöhe der vier Lichtfenster in der Westwand des Erdgeschosses kennzeichnet diese Neigung der Decke, mithin des Fußbodens im darüber liegenden Saalgeschoss, als beabsichtigt. Nach den Balkensassen betrug das Achsmaß der Deckenbalken von 1136 im Erdgeschoss des Saaltrakts um 1.30 m bei Formaten um 0.30 x 0.30 m, im Wohnhaus knapp 1.20 m bei Querschnitten um 0.25 x 0.25 m. Die Streichbalken entlang der Quermauern waren jeweils etwas schwächer dimensioniert. Durch die Ausstattung mit Schlitzfenstern und einem geneigten Lehmfußboden präsentiert sich das Erdgeschoss des Ursprungsbaus als Sockelgeschoss, das als Arbeitsstätte, Karrenhalle, Lagerraum für feuchtigkeitsunempfindliche Güter oder Stall nutzbar war. Ein innenliegender Aufgang vom Erd– zum Obergeschoss existierte nicht. Die auf einem Viertelkreisgewölbe in Stein gesetzte Haupttreppe im Vorbau führte unmittelbar vom Platz vor dem Haus aus ins Obergeschoss. Ihr Abriss wurde an der Westwand freigelegt und als Kontur präpariert (vgl. Pl. 9.25). 

Sekundäre Befunde. Der vorhandene Treppenturm mit Spindeltreppe wurde gegen 1600 erbaut und ersetzte die angrenzende, einläufige romanische Treppe (Abb. 3.71). Er ermöglichte die unabhängige Erschließung mehrerer Geschosse und steht in Zusammenhang mit der platzseitigen Aufstockung der Westhälfte des Hauses. Dabei wurde der romanische Arkadenfuß der Querwand entfernt und die große Arkadenöffnung asymmetrisch reduziert. Bei der Erneuerung der Hausentwässerung wurde das Fundament einer Mauer festgestellt, die von der Stelle des romanischen Eingangs her einen innenliegenden Gang zum Treppenturm abteilte. Diese Mauer wurde im 18. Jahrhundert wieder entfernt, der vormals verschließbare Zugang zum Treppenturm ausgebrochen und durch eine breitere Segmentbogenarkade ersetzt. Im 19. Jahrhundert wurde längs der Mittelwand eine bequeme, einläufige Steintreppe eingesetzt und der zweite romanische Arkadenfuß großteils entfernt, so dass nur noch die Scheitelzone der Arkade erhalten blieb. Diese Treppe wurde bei der Renovierung 2003 aufgegeben und abgedeckelt. Die sekundär im Sockelgeschoss eingezogenen Bruchsteinmauern sind Raumteilungen des 18. Jahrhunderts, die zum Teil die verformten Unterzüge des 15. Jahrhunderts unterfangen. 

e. Obergeschosse von Saaltrakt und Treppenvorbau (Pl. 9.229.29)

Das erste Obergeschoss ist das Hauptgeschoss des Gebäudes. Noch heute ist es das einzige durchgängig bewohnte Geschoss des Hauses. Die Parzellengrenze zwischen den heutigen Häusern 11 und 13, place Notre-Dame verläuft in den Obergeschossen anders als im Sockelgeschoss: Während dieses in der gesamten Tiefe etwa mittig geteilt ist, bricht die Grenze in den Obergeschossen zwischen Saalbau und hohem Wohnhaus nach Osten um. Dieser Sachverhalt illustriert die Querausrichtung der romanischen Baukörper, die auf einem gemeinsamen, längsgerichteten Sockel sitzen. 

3.72 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, 1. OG.
Westsaal, Zugangstür der Bauzeit, rechts Biforium des Vorbaus über der Haupttreppe mit Malereifragmenten der Zeit um 1200. 

Die Räume der Obergeschosse im Haus 11, place Notre-Dame sind von geringerer baugeschichtlicher Bedeutung als diejenigen des Hauses Nr. 13. Treppenaufgang, Decken und Trennwände scheinen im Haus Nr. 11 im 18. und 19. Jahrhundert vollständig erneuert worden zu sein. Wegen der schlechten Zugänglichkeit konnten die Wohngeschosse dort nur punktuell eingemessen werden; vorrangig wurden die Grenzmauern erfasst, die noch Substanz des 12. Jahrhunderts enthalten. Baugeschichtlich interessant ist die aus dem 18. Jahrhundert erhaltene, hölzerne Spindeltreppe der Obergeschosse dieses Hauses in der südöstlichen Ecke der gefangenen Parzelle. Die südwestliche Ecke enthält den kleinen, heute glasüberdachten Lichthof des 2. OG, der den hinteren Bereich des 1. OG über eine Lichtkuppel erhellt.223 Die informationsreichen Grenzwände sind vollständig durch Aufputze und Tapeten versiegelt. 

3.73 Haus 13, place Notre-Dame, Sockelgeschoss.
Als Deckenbrett wiederverwendetes frühneuzeitliches Ladenelement mit eingeritzter Subtraktion der Zahlen 1767 und 1593 (siehe Anm. 225). 

Im Westteil des Saalbaus (Abb. 3.75, 3.76) und im ‚hohen Wohnhaus‘, die zusammen die Parzelle 13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre bilden, wurde die gesamte Baugeschichte untersucht und fast vollständig geklärt. Die komplexen und vielfältigen Veränderungen im Lauf von fast 900 Jahren sind im Einzelnen der Baudokumentation zu entnehmen. Die folgenden Bemerkungen dienen der Orientierung im Gebäude und der richtigen Einordnung auch von Details, die teils erst kürzlich restaurativ ergänzt wurden. 

Wie schon zur Zeit um 1600, gelangt man auch heute wieder vom Vorraum des Erdgeschosses über den rechtsgewendelten Treppenturm ins Obergeschoss. Die Ende des 18. Jahrhunderts vermauerten Zugänge wurden 2003 reaktiviert (Abb. 3.72). Die einläufige Treppe des 19. Jahrhunderts an der Mittelwand wurde im selben Jahr stillgelegt und abgedeckelt, ein seit dem 19. Jahrhundert bestehender Erschließungsgang entlang der Mittelwand dem wiederhergestellten Saal zugeschlagen. Aufteilung und Proportion der Räume im 1. OG sind um 1450 und gegen 1600 geprägt worden. Aus dieser Zeit stammen die vorhandenen Deckenkonstruktionen (plafond à la française) mit mächtigen spätgotischen Konsolen (um 1450) und der Treppenturm (um 1592). Vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wurden verschiedene Modernisierungen vorgenommen, die vor allem mehr Komfort ins Haus brachten und alle Zimmer mit Kaminen ausstatteten. Im zentralen Saal wurden dünne Trennwände aus Holzrahmen mit Füllung aus hochkant stehenden Tonfliesen eingezogen (Pl. 9.22); sie wurden seit 2003 entfernt, und der Raum an den Zustand des 15. Jahrhunderts angenähert. Dabei wurde der stellenweise eingebrochene Fußboden abgebaut – es traten auch Funde zutage (Abb. 3.73) –, mit dem auf die Bauzeit zurückreichenden Gefälle neu aufgebaut und mit alten Eichendielen belegt. Die auf Pl. 9.25 als Ergänzung eingetragenen Kreuzstöcke der Fenster wurden im Zuge des jüngsten Umbaus restaurativ neu angefertigt und eingesetzt.224 Der heutige große Saalkamin wurde zwischen 2001 und 2003 an der alten, seit ca. 1800 aufgegebenen Kaminstelle neu eingebaut. 

An Elementen der Bauzeit ist im ersten Obergeschoss ein Biforium (H um 1.14 m, B um 1.15 m) in der Westwand des Treppenvorbaus zu sehen, das um 1994 freigelegt wurde (Abb. 3.1033.101 und 5.10). Die Kalkmalerei mit Fabelwesen in den Leibungen (Pl. 9.33 und Abb. 3.109) ist im frühen 13. Jahrhundert zugefügt worden. Das Fenster begleitete den Treppenaufgang vom Platz zum Hauptgeschoss und belichtete den Saaleingang von 1136 (Abb. 3.72, H 2.13 m, lichte B vor Verformung 1.02 m). An der diagonal dem Saaleingang gegenüberliegenden Ecke ist der Ausgang zum ‚hohen Wohnhaus‘ und Garten teilweise erhalten.225 Dahinter befindet sich der Verkehrsknotenpunkt des romanischen Hauses mit Aufgängen zu den Obergeschossen, Zugängen zu allen Räumen des Hauptgeschosses und einem Korridor zum rückwärtigen Garten (Abb. 3.96). 

In Richtung des Vorplatzes schloss an die Säle das Obergeschoss des Vorbaus an. Es nahm als ungeteilter, querliegender Raum die gesamte Hausbreite ein. Nach oben führt der Treppenturm weiter zum 2. Obergeschoss des Treppenvorbaus, die Aufstockung aus der Zeit um 1600. In der Westwand wurde der Pultdachansatz des romanischen Treppenvorbaus freigelegt (Abb. 3.74). An der anschließenden Querwand zeichnet sich im Streiflicht das Relief der Oberkante der romanischen Bauphase ab (vgl. Pl. 9.27). Der heutige Raum erhielt seine Ausstattung, einen kleinen Kamin und einfachen Stuck, in der Zeit um 1800. Die verkleidete Balkendecke könnte noch aus der Zeit der Aufstockung stammen. Das darüber liegende, nicht bewohnte Mansardengeschoss wird ebenfalls durch den Treppenturm erschlossen, dessen steinerne Spindel in dieser Höhe endet und mit einem hölzernen Podest mit Brüstung abschließt. Diese Bausubstanz der Zeit um 1600 ist außergewöhnlich unberührt erhalten. Das Dach des Vorbaus wurde zusammen mit der Fassade gegen 1800 erneuert. Es enthält in Wiederverwendung eine Pfette des romanischen Saaldachstuhls (siehe Pl. 9.24). In dem in Resten erhaltenen, dicken, geschlämmten Kalkputz der Zeit um 1600 sind an der Querwand nahe der Tür in Hüfthöhe per Zirkelschlag konzentrische Kreise um einen markierten Mittelpunkt eingeritzt. Von diesem Raum aus ist über eine Leiter eine niedrige Öffnung zu erreichen, die den Zugang zum Dachgeschoss des Treppenturms bildet, der von einem Pyramidendach gedeckt ist. 

3.74 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136.
Treppenvorbau, Westwand.
Ansatzstelle des Vorbau-Pultdachs am Satteldach des Saaltrakts.
Dachschräge markiert. 

Das zweite Obergeschoss des Saaltrakts ist unbewohnt (Abb. 3.75). Es liegt unter einem offenen, zur Längsmittelwand hin hoch aufsteigenden Pultdach, das zur Rue de la Barre entwässert. Eine spätmittelalterliche Zwischendecke, von der hinter dem Treppenturm noch ein Teil erhalten ist, wurde wahrscheinlich gegen 1800 entfernt. Der einfache Pfettendachstuhl enthält in Wiederverwendung zwei obere Querrähme und eine an beiden Enden beschnittene Pfette des stehenden Stuhls von 1136. Der südliche von insgesamt zwei Dachbalken dieses Stuhls ist in situ erhalten. Zapfenlöcher an der Oberseite geben die Stellen ehemaliger Stuhlsäulen an. 

3.75 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136.
Westsaal oberhalb der Zwischendecke von 1467 mit in situ erhaltenem, dunklen Dachbalken der Bauzeit 1136, darüber Pultdach von 1593.
Auf dem deutlich sichtbaren Absatz zum ‚hohen Wohnhaus‘ (rechte Bildhälfte) verläuft der Traufkanal zwischen Saal– und Wohntrakt. 

Die bauzeitliche Längsmittelwand stößt verbandlos gegen die Querwand zum Vorbau. Ein Riss von bis zu 0.10 m Breite ist Folge einer Kippbewegung der Querwand zwischen Saaltrakt und Vorbau. Er vergrößerte sich stetig, wie das Klaffen mehrerer Reparaturen anzeigt. Das bedeutet, dass die romanische Front schlecht gegründet und erheblich verformt war, als sie um 1600 einschließlich des Fundaments erneuert wurde. Das Gefälle der Oberkante der Längsmittelwand von 1136 ist allerdings nicht auf diese Verformung zurückzuführen, sondern reproduziert das – wie oben erläutert – absichtlich hergestellte Gefälle des Saalfußbodens. An der Längsmittelwand sind Spuren der Kamineinbauten vom 13. Jahrhundert bis heute zu finden: Im 13. Jahrhundert wurde ein breiter Kamin mit geböschtem Rauchfang errichtet, nach dem Rhythmus der Bindersteine (auf Pl. 9.25 mit kleinem „a“ markiert) wahrscheinlich aus Backstein. Er wurde gegen 1600 durch einen etwas kleineren Kamin mit senkrechtem Abzug ersetzt, dieser wiederum im 18. Jahrhundert durch einem noch kleineren, dessen Traverse heute als Sitzbank im Garten verwendet wird. Dieser Kamin diente nicht mehr zum Kochen, sondern nur noch zum wohnlichen Heizen. 

3.76 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136.
Westsaal unterhalb der Zwischendecke von 1467. 

Die Neigung des mittelalterlichen Dachs ist an der Längsmittelwand an einer schrägen Baufuge oberhalb des Absatzes mit dem aufliegenden Dachbalken abzulesen. Es hatte eine Neigung um 23,5 Grad. Die Höhe des heutigen Pultdachs wurde mit einer horizontal abschließenden Aufmauerung gegen 1600 erreicht, die die Entwässerung zur Rue de la Barre ermöglichte. Das wurde notwendig, da durch die Aufstockung des Vorbaus die frühere Entwässerung zur Place Notre-Dame versperrt wurde. Das auffällige, wenig stabil wirkende Fugenbild oberhalb des in situ erhaltenen bauzeitlichen Dachbalkens war der Grund für eine Sondage an dieser Stelle der Längsmittelmauer, die ein im Mauerinneren verstecktes, großteils erhaltenes Gebinde des Dachstuhls von 1136 zutage brachte (Abb. 3.77). Die Vermauerung des Gebindes, die sich durch das kleinteiligere Steinmaterial, den hellen Lehmmörtel und den unsaubereren Fugenstrich vom Mauerwerk der Bauzeit um 1136 unterscheidet, wurde beim Einbau des ersten Kamins um 1200 in gleicher Ebene mit der neu errichteten Kaminrückwand auf der bestehenden Längsmittelmauer aufgeschichtet und setzt sich von dieser durch eine Mauerstufe ab. Das Satteldach von 1136 wurde nach Süden in den erhaltenen Traufkanal entwässert, der die Mauertreppen zwischen Saal und Wohnhaus abdeckt. Nach Norden ging es in das einstige Pultdach des Vorbaus zur Place Notre-Dame über, mit dem es eine Fläche bildete. 

3.77 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Dachstuhl des Saaltrakts.
In der Längsmittelwand in situ vermauertes Gebinde: Dachbalken, darauf Stuhlsäule, darauf Querbalken. 

Der heute im 2. OG des Saaltrakts sichtbare Traufkanal zwischen dem romanischen Saaldach und dem ‚hohen Wohnhaus‘ war mit Bauschutt und Staub überhäuft und wurde freigelegt (Abb. 3.95). Er wurde schon zur Bauzeit mit Ziegelmehlmörtel abgedichtet und auch später mehrfach damit ausgebessert. Die oberen Ränder sind sekundär versteilt und mit Dachziegeln belegt worden. Der Querschnitt der Werksteinrinne (Breite um 0.26, Tiefe um 0.25 m) mit nach unten etwas zusammenlaufenden Wangen und leicht gerundeter Sohle sowie der Ziegelmörtel entspricht sehr nah einem römischen Kanalstein, der im Museum von Souvigny ausgestellt ist. An den Rändern ist das Gefälle der Rinne, das um 2,7 Prozent beträgt, gegenüber dem horizontalen Dachansatz durch Aufmauerung ausgeglichen. Der bis 0.70 m weit über die Rue de la Barre auskragende Speier ist gegenüber den eingemauerten Kanalsteinen wenig zur Spitze hin verjüngt (Abb. 3.94). An der Innenecke des Saals zum Speier hin ist das Mauerwerk an einer Stelle bis zur UK der abgebrochenen Dachhaut erhalten. Zwei kleine Dachziegelfragmente im Mörtel der ersten Bauphase geben erstens Gewissheit, dass der rekonstruierbare Dachstuhl vonn 1135/36 (d) und der romanische Steinbau derselben Phase angehören, und zweitens, dass dieses Dach mit einer Mönch-und-Nonne-Deckung versehen war. Auch die Nordtraufe des Satteldachs am ‚hohen Wohnhaus‘ wurde über den Traufkanal entwässert. Der nur 0.25 m messende Abstand des Kanals von der Nordwand des Hauses gibt einen relativ geringen Dachüberstand von ca. 0.30 bis 0.40 m vor, der eher den knappen Dachüberständen romanischer Kirchenbauten in Südburgund als den weit ausladenden Dächern der sich in Cluny inzwischen verbreitenden Rekonstruktionen gleicht, die erst seit dem Spätmittelalter belegt sind. 

Schließlich bleibt die Westwand zur Rue de la Barre mit mehreren Fensteröffnungen zu beschreiben (Abb. 3.78). Zu Untersuchungsbeginn waren nur die beiden heutigen Fenster zu sehen. Der Segmentbogen hart oberhalb des Fußbodens war zugemauert. Er zeichnete sich im Befund durch einen Riss im sekundär aufgetragenen Zementputz ab. Nach der Freilegung schien es sich zunächst um einen bauzeitlichen Rundbogen zu handeln. Die Identifikation eines Keilsteins in der sekundär neu gesetzten nördlichen Bogenhälfte und eines weiteren Keilsteins unter Fußbodenniveau am südlichen Bogenansatz sicherten die Form eines schrägen Segmentbogensturzes, wie er erst um 1200 üblich wurde (Abb. 3.79); nach seiner Form ist das Fenster sekundär eingebrochen worden (L Sehne zwischen 1.91 m und 1.99 m, H Segment zwischen 0.61 und 0.64 m rekonstruierbar, Gewändewinkel um 108,2 Grad, B Bogenstirn um 0.26 m; Material Oolith, Flächung von Stirn und Gewände mit dem Schlageisen).226 Der schüttere, fast vollkommen dezimierte umgebende Mauerverband erlaubt keine unzweifelhafte Phasierung mehr. Reste von Kalkmalerei im Gewände, rot– und gelbocker, schwarz und weiß, stammen aus dem 13. Jahrhundert und stellen ein rot-weißes Zickzackband (ruban plié) zwischen gelb-roten Begleitstreifen dar, dessen schwarze Zwickel mit Lilien und Akanthusblättern gefüllt sind (Pl. 9.33). Den Malgrund bilden mehrere Schlämmeschichten, die unter anderem eine erste Verformung des Bogens ausgleichen. Die Fensterfassung mit Ladenanschlag, deren Stärke um 0.15 m betrug, ist ausgebrochen und durch eine Braue der stehengebliebenen, an den Rahmen streichenden Schlämme feststellbar. Die hohe Lage des Segmentbogensturzes bildet den zentralen Hinweis darauf, dass das Gebäude des 12. Jahrhunderts mit etwa 5.50 m hohen Sälen ausgestattet war und infolgedessen als Saalbau bezeichnet werden kann. 

3.78 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Westsaal, Westwand.
Zone oberhalb der Zwischendecke des 15. Jh.s mit Segmentbogen des großen Saalfensters, Hochfenstern des Spätmittelalters (links und rechts) und Giebelfenster des 13. Jh.s (oben, gekappt und vermauert). 

Die anderen an der Westwand des 2. OG dokumentierten Fenster sind nachromanisch (vgl. Abb. 3.78). Chronologisch folgte im 13. Jahrhundert ein rechteckiges Giebelfenster oberhalb des Segmentbogens mit breiter Fase an der Außenseite seiner Fassung. Für diese Zeit ist der reine Lehmmörtel des Baueingriffs typisch, wie er unterhalb der Fensterbank vorhanden ist. Die Fensterbank liegt in Höhe der OK der Dachbalken, die Innenseite des Werksteingewändes wenig oberhalb der UK der Dachbalken. Das Fenster scheint zusammen mit einer Flachdecke im Saal eingebaut worden zu sein, um den 0.40 bis 2.50 m hohen, darüber verbliebenen Dachraum zu belichten. An der UK des erhaltenen Dachbalkens sind Löcher von Eisennägeln zur Befestigung von Brettern zu sehen. In dieser Höhe enden auch die flächendeckenden Wandputze des 13.–16. Jahrhunderts. Die Fensterbank wurde später als Glacis heruntergebrochen. Sie ist mit Mörtel des 15. Jahrhunderts versäubert. Wahrscheinlich wurde die Flachdecke damals zwischenzeitlich entfernt, da der Dachstuhl um 1450 instandgesetzt wurde. 

Die der Lichtzufuhr des aktuellen 2. OG dienenden Fenster sind zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert als Hochfenster in die Saalwand von 1136 eingebrochen worden. Sie sahen zunächst beide gleich aus, nämlich wie das erhaltene nördliche (H 1.42 m, B 0.49 m), und hatten beide Rahmen des 13./14. Jahrhunderts mit schmaler Fase und schrägen Sturzgewölben aus wiederverwendeten spätromanischen Werksteinen. Eine Sondage am erhaltenen Fenster brachte eine Schrägbank zutage, die auf Pl. 9.25 nach dem Befund ergänzt eingetragen ist. Das südliche, aktuell breitere Fenster wurde beim Einbau eines Wickelkrans mit einer Säule oktagonalen Querschnitts gegen 1600 einseitig erweitert.227 

Die heutige Zugangstür von den romanischen Mauertreppen in den heutigen Speicherraum wurde im 15. Jahrhundert beim Einzug der Zwischendecke in den Westsaal durchgebrochen. Ein gleichartiger Zugang auf der symmetrischen Gegenseite des Hauses wurde mit noch hochmittelalterlichem Stilverständnis aus wiederverwendeten romanischen Türsteinen zusammengesetzt; er scheint noch dem 13. Jahrhundert anzugehören. Demnach wäre der Ostsaal schon zu dieser Zeit in zwei Geschosse unterteilt worden. 

3.79 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136, Westsaal, Westwand.
Segmentbogen des großen Saalfensters mit Kalkmalerei-Fragment.
(Zickzackband mit Lilien in den Zwickeln). 

g. Mauertreppen und Erschließungsgänge (Pl. 9.29)

Vom Verteilerpodest des 1. OG führen divergierend zwei Treppengänge, die von den vier tiefen Arkaden der hinteren Quermauer im Erdgeschoss getragen werden, zum 2. OG des ‚hohen Wohnhauses‘. Durch die Freilegungen und Restaurierungen der Jahre zwischen 1994 und 2008 ist ihre zur Mittelachse symmetrische Anordnung leicht zu erfassen. Vor den Treppengängen (B um 0.84 m) nach Osten und Westen liegt je ein Podest mit Türdurchgängen in den Saaltrakt (offen) und zum ‚hohen Wohnhaus‘ (verschließbar). Von diesen Podesten ging je eine weitere Tür in einen schmalen Gang auf der Längsachse des Hauses, der quer durch das ‚hohe Wohnhaus‘ nach hinten zum Garten führte. Dieser Korridor lag über dem durch ein Schlitzfenster belüfteten, gefangenen Raum des Sockelgeschosses, der von oben über eine Klappe im Boden zugänglich gewesen sein muss, denn die Innenwand des Raums bildet eine sauber gesetzte Fläche, die sich von der ungeordneten Rauheit nicht zugänglicher Hohlräume oberhalb der Treppengänge unterscheidet.228 Die symmetrischen Treppen haben je 13 Stufen und sind um 36,5 Grad steil. Sie enden mit Podesten, von denen aus man seitlich über zwei weitere, in den Türdurchgängen zum ‚hohen Wohnhaus‘ liegende Stufen das Fußbodenniveau des 2. OG – das erste Solariengeschoss des ‚hohen Wohnhauses‘ – erreicht. Die Türen schlagen zum Podest hin auf. Diese Zugangssituation muss schlecht belichtet gewesen sein, da um 1200 die Außenwände an beiden Podesten aufgebrochen und Schlitzfenster asymmetrisch eingebaut wurden, die von den aufgeklappten Türflügeln nicht komplett verdeckt wurden. Die Treppengänge sind von Steinplatten abgedeckt. Die lichte Höhe der Gänge, von unter 2.00 bis ca. 2.15 m, ist knapp und ökonomisch bemessen. Die Breite des Türblattanschlags an den oberen Ausgängen wird in ganz charakteristischer Weise als Absatz der unterschiedlichen Mauerstärke von Saalbau (um 0.68 m) und ‚hohem Wohnhaus‘ (um 0.82 m) genutzt. Die Details der komplexen Treppenanlage ist nur durch eine differenzierte Konzeption zu erklären, die allerdings einen erheblichen Materialaufwand für die Treppenbrücke in Kauf nahm und dabei nur schachtartig enge Räume erzeugte. Dies bezeugt, dass die Entwicklung innenliegender Erschließungen mehrstöckiger Steinhäuser in der Zeit um 1136 noch am Anfang stand. Soweit noch zu erfassen, sind alle Verkehrsflächen im Haus stollenartig versteckt und mauerbegleitend angelegt, die Treppen sind einläufig, gerade und bestehen aus einfachen Blockstufen.229 

h. Obergeschosse des ‚hohen Wohnhauses‘ (Pl. 9.239.26, 9.30)

Die Obergeschosse des ‚hohen Wohnhauses‘ enthalten insgesamt fünf größere Räume, von denen im 1. und 2. OG je zwei links und rechts der querliegenden Erschließung angeordnet sind. Diese Erschließung mit Zugang vom rückwärtigen Garten und angewendeltem Aufgang zum 2. Obergeschoss wurde im 18. Jahrhundert geschaffen. Die Treppe wurde in den ursprünglichen Mittelgang des Hauses eingesetzt. Die Tür zum Garten wurde um eine Türbreite von der Hausmitte an die heutige, die Mittelmauer tangierende Stelle versetzt. Die romanischen Treppengänge zum Obergeschoss des ‚hohen Wohnhauses‘, die von den tiefen Arkaden des Erdgeschosses getragen werden, waren seit dieser Zeit vermauert und wurden erst um 1994 bzw. 2002 wieder geöffnet. 2004 wurden auch die fehlenden unteren sechs Stufen der westlichen romanischen Treppe nach Maßgabe der vorliegenden Rekonstruktion durch ein nicht zementiertes Implantat aus weißem Möbelbeton ergänzt (Abb. 3.88). Die Zimmer im 1. und 2. OG mit Vertäfelungen und Wandschränken behielten weitgehend die Ausstattung des Umbaus im späten 18. Jahrhundert, bei dem auch die Balkendecken erneuert wurden. Der oberhalb gelegene fünfte, das 3. OG bildende Raum wird über eine Treppe vom 2. OG des Saaltrakts aus erschlossen. 

Von den Räumen des ‚hohen Wohnhauses‘ hat im 1. OG der östliche Salon die Proportion der Bauzeit um 1136 bewahrt. Der westliche Raum wurde um die Breite des heutigen Gartengangs verschmälert. Einziges im Inneren sichtbares Element des Mittelalters ist der reaktivierte Türdurchgang vom Verteilerpodest zum östlichen der beiden Räume. Wie bei der Beschreibung des Außenbaus bereits erwähnt, wurde gegen 1780 die Rückwand des Hauses neu aufgeführt und in der Dimension von ehemals 0.80 auf 0.50 m und darunter reduziert. Das Satteldach des Wohnhauses wurde durch ein Pultdach ersetzt und die Traufhöhe der Rückwand vermindert. 

3.80 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136.
‚Hohes Wohnhaus‘, 3. OG, Westwand.
Hinter dem Kaminschacht ein Biforium, rechts oben Linie des mittelalterlichen Satteldachs. Links in der Ecke Ansatz eines Arkadenfensters, rechts Biforium von 1136, oberhalb davon Aufmauerung des 18. Jahrhunderts. 

Die Decke zwischen 2. und 3. OG wurde rund 0.60 m tiefer liegend ersetzt. Die Höhe des 2. OG wurde dadurch von annähernd 4.00 m auf 3.60 m, die lichte Höhe von 3.70 m auf 2.90 reduziert, die Raumbreite von 5.00 m auf 5.35 m vergrößert. So gibt die Proportion des 2. OG einen nur abgeschwächten Eindruck von dessen ursprünglichen Steilheit. Das Geschoss wurde an der Westwand von einem heute vermauerten Biforium, an der Südwand von einem Arkadenfenster, mit der Hausecke beginnend, und an der Nordwand von zwei Rechteckfenstern belichtet. Die um 0.94 m hohen und 0.52 m breiten Rechteckfenster stehen über dem außen vorbeiführenden Traufkanal zwischen Saaltrakt und Wohnhaus und erlaubten Zugang und Wartung der Traufrinne.230 Ihre Anordnung an der Nordwand erzwingt die Rekonstruktion des Aufgangs vom 2. zum 3. OG entlang der Ostgiebelwand des ‚hohen Wohnhauses‘.231 Die einfache klassizistische Ausstattung mit glattem Wandputz, Einbauschränken und Kaminen ist besonders im 2. OG gut erhalten und nicht ohne Reiz. 

3.81 ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1136.
‚Hohes Wohnhaus‘, 3. OG, Nordwand.
Biforium, Säule mit angesetzter Basis. Zur Bauzeit besaßen die Fenster des Hauses keine Holzrahmen, sondern nur Fensterblätter, die an der Mittelsäule verriegelt wurden. 

Das 3. Obergeschoss bildete das höchstgelegene und durch allseitige Fensteröffnungen lichteste Geschoss im Haus (Abb. 3.80). Trotz der Lichtzufuhr war es seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr bewohnt. Abgesehen vom fehlenden Innenausbau, ist der Zustand der Bauzeit um 1136 noch zu erfassen. Den stärksten Baueingriff stellte der Umbau Ende des 18. Jahrhunderts dar; von ihm stammen der Zugang in der Mitte der Nordwand, der die vormals geschlossene Außenmauer durchbricht, der Fußboden in niedrigerer Lage, das offen sichtbare Pultdach mit Erhöhung der Nordwand, der Dachstuhl unter teilweiser Wiederverwendung älterer Hölzer, die Kamine an den Giebelwänden und die gesamte Rückwand des Hauses mit drei Lochfensterachsen. Die Konstruktionshöhe des spätmittelalterlichen Fußbodens lässt sich zwischen dem Geschossabsatz an der Westgiebelwand und einem dunklen Streifen an der Nordwand ablesen.232 Der Abdruck eines Streichbalkens an dieser Stelle wird unterhalb von einem roten Farbstreifen begleitet. Die Deckenkonstruktion des 12. Jahrhunderts nutzte wahrscheinlich Konsolen, von denen in Höhe der Hochfensterstürze im 2. OG die Versatzstellen erhalten sind. Die lichte Höhe des Geschosses betrug im 12. Jahrhundert bis zur Oberkante von Nord– und Südmauer etwa 3.15 m.233 An der Innenkante des Westgiebels begleiten Mörtelbrauen – oben im Pultdach zu sehen – Ober– und Unterkante des schmalen mittelalterlichen Satteldachs. Der Giebel erhebt sich als 0.30 m bis 0.50 m hoher Schildgiebel über das als Abdruck ablesbare, um 30 Grad geneigte mittelalterliche Dach. Er ist mit Werksteinplatten abgedeckt, die an den Hausecken auf auskragenden, teilweise leicht gekehlten Schrägprofilen aufliegen.234 

Der Ansatz der nördlichen Traufseite des ‚hohen Wohnhauses‘ ist erhalten und gibt die Höhe des Lagers einer Mauerschwelle vor, die von den Dachbalken überblattet und durch eine Dachschwelle aufgedoppelt war. Vom romanischen Dachstuhl selbst ist nur noch das Fragment einer solchen Mauerschwelle erhalten, die im 15. und nochmals im 18. Jahrhundert als Dachschwelle weiterverwendet wurde.235 Diese konnte über dendrochronologische Datierung dem Stuhl des 12. Jahrhunderts zugewiesen werden. Als Rekonstruktionsvorschlag für diesen stehenden Stuhl ist der Dachquerschnitt (Pl. 9.45) maßgeblich; der auf Pl. 9.30 gezeigte Rekonstruktionsversuch gilt für das 15. Jahrhundert und hatte wahrscheinlich liegende oder wenigstens abgestrebte Stuhlsäulen, die im frühen 12. Jahrhundert noch nicht üblich waren. Bei der flachen Dachneigung von 30 Grad ist um 1136 ein stuhlfreies Dach wie bei der Aula von 1108 eher unwahrscheinlich. Auch der von der Mauerschwelle vorgegebene Achsabstand der Dachbalken (3.63 m) ist zu groß für eine stuhlfreie Konstruktion, als Gebindeabstand aber geeignet. 

3.82 ‚Hohes Wohnhaus‘, 3. OG, Nordwand.
Biforium von außen. 

Mit der Mauerschwelle vernagelte Dachschwellen würden die in einer stuhlfreien Konstruktion entstehenden Horizontalkräfte nicht gleichmäßig auf die Dachbalken abtragen, sondern nach außen hin ausweichen. Insofern ist noch im 15. Jahrhundert von einem stehenden Stuhl auszugehen, der außerdem materialsparend ausgeführt wäre.236 Der Dachstuhl war offen von unten einzusehen: Nach Maßgabe des frühesten deckenden Wandputzes aus dem 13. bis 15. Jahrhundert befindet sich an der Westgiebelwand kein Abdruck einer Flachdecke, dafür ist deutlich die Unterkante der Sparren zu erkennen. Die Raumhöhe betrug bis zur Oberkante der Dachschwellen um 3.55 m, bis unter die Sparren am First annähernd 5.00 m. Höhe, Befensterung und vertikaler Raumeindruck des Geschosses stehen nicht hinter dem 2. Obergeschoss zurück, so dass beide gleichermaßen als Hauptgeschosse zu interpretieren sind. 

Die bauzeitlichen Fenster bezeugen die Varianz der im Haus vertretenen Formen. Die rechteckigen Hochfenster des 2. OG ragen über den sekundär tiefer gelegten Fußboden bis ins heutige 3. OG hinein. Im östlichen der Fenster befindet sich eine bauzeitliche Eisenangel, die eine Ladenklappe hielt, welche unmittelbar an den steinernen Falz schlug. Von den mittelalterlichen Fenstern des 3. OG sind an der Nordwand drei Biforien mit geradem Sturz und an der Westgiebelwand eines mit Sturzgewölbe ganz oder zu großen Teilen erhalten. An der SW-Ecke wurde das Fragment eines Arkadenfensters an der Rückwand mit ebener Sohlbank, Ladenanschlag mit Angeln und Sturzgewölbeansatz freigelegt. Im Abriss ist die ehemalige Mauerstärke um 0.80 m messbar, die vom Erdgeschoss bis zum 3. Obergeschoss konstant blieb. Offenbar begegnete man der Schwächung einer Mauer durch Arkadenfenster mit der Masse der geschlossenen Mauerteile. Im 15. oder 16. Jahrhundert wurden hölzerne Rahmen in die Arkadenfenster eingesetzt. Ein Abdruck ist am erhaltenen Fensterfragment noch zu erkennen. Die Bänke der Arkadenfenster und Biforien liegen in unterschiedlicher Höhe: gegenüber dem ursprünglichen Fußbodenniveau liegt die Bank des Arkadenfensters um 1.17 m hoch, die des überwölbten Biforiums an der Westwand um 1.12 m, und die Bänke der Biforien mit geradem Sturz an der Nordwand 1.30 m.237 Die Oberkanten der Innenleibungen liegen bei allen Biforien um 2.67 m über dem Fußboden, unabhängig von der Sturzkonstruktion, beim Arkadenfenster nur wenig höher. So wurden die Fenster auf gleicher Höhe liegend wahrgenommen. 

Das Neben– und Übereinander flacher und gewölbter Leibungsstürze zeigt die Flexibilität der Planungs– und Bauweise. Allerdings wurden in diesem Geschoss zum Höhenausgleich der Öffnungen die Biforien mit flachem Sturz höher proportioniert, als es die Länge der erhaltenen monolithischen Fenstersäule vorsah (Abb. 3.803.82 und 3.1043.105):238 Der Fuß wurde bis auf die Fläche des Säulenschafts reduziert und die Säule mit einer zugefügten Basis um 0.27,5 m verlängert (vgl. Pl. 9.30 und 9.32). Ein bauzeitliches Dachziegelfragment dient am erhaltenen Biforium zum horizontalen Ausgleich des monolithischen Sturzes. Es weist darauf hin, dass – wie schon das Saaldach – auch das Satteldach des ‚hohen Wohnhauses‘ mit tuiles creuses eingedeckt war. 

In der Mitte der Ostgiebelwand steht ein vermauertes Licht– und Lüftungsfenster (H 1.35 m, lichte B um 0.37 m) unmittelbar unterhalb des Giebeldreiecks. Es vermittelt zwischen den Achsen der Außen– und der Innenwand. Ohne Rahmen und Ladenanschlag ausgeführt, ähnelt es den Fenstern im Sockelgeschoss der Aula von 1108. Der gut erhaltene, unverschmutzte Fugenputz an der Außenseite – schon um 1300 wurde in gleicher Höhe angebaut, und die Wandfläche war vor der Witterung geschützt – zeigt, dass das Fenster keinen Kaminabzug darstellte.239 Mit der flachen Bank in ca. 2.30 m Höhe über dem bauzeitlichen Fußboden stehend, betonte es die Höhe des Raums und brachte Licht bis in den Dachstuhl. Der erste deckende Putz gotischer Zeit strich die Gewände noch aus. In der Südostecke des Raums ist das Fragment einer unter 2.00 m hohen Türöffnung erhalten, die auf der Ebene des Fußbodens an der Rückwand nach draußen in einen hölzernen Anbau führte, wahrscheinlich eine Latrine. Ein senkrechter Kantholzabdruck wurde im Fugenputz an der Außenecke festgestellt. Einzelne Rahmensteine der Tür schließen an den Eckverband des Hauses an. Die Tür schlug nach innen auf. Im 2. OG ist dieselbe Disposition vorhanden. 

3.5.4 Bodenarchäologischer Befund

3.83 Haus 13, place Notre-Dame.
Notgrabung 1996/97 im Hausvorbereich Place Notre-Dame, Ecke Rue de la Barre.
Um 1600 unter Verwendung romanischer Werksteine erneuertes Fundament der Fassade an ursprünglicher Stelle (vgl. Pl. 9.27). 

Bei der Erneuerung des Hausanschlusses der Parzelle 13, place Notre-Dame wurde in 2.72 m Entfernung von der aktuellen Fassade die ehemalige Hausecke im Bereich Place Notre-Dame / Rue de la Barre ergraben (Abb. 3.83).240 Ihre ungefähre Lage war durch die zeichnerische Darstellung im „Terrier Bollo“ (vgl. Abb.3.62) bekannt, so dass die angeschnittene Mauer mit Sicherheit als ältere Front des Hauses zu identifizieren war. Auch die vordere Ecke der seitlichen, geböschten Stützmauer wurde in der Stellung gefunden, wie der Terrier sie zeigt. Im Unterschied zum ersten Eindruck, der sich durch die Zusammensetzung aus Werk– und Bruchsteinen des 12. Jahrhunderts ergab, handelt es sich nicht um mittelalterliche Bausubstanz, sondern um das Fundament der Fassadenerneuerung um 1600. Es ist mit festem Kalkmörtel gebunden, enthält zahlreiche Werksteinquader sowie einen zertrümmerten romanischen Bogenstein. Es reicht vom aktuellen Straßenniveau um 1.05 m tief in den Boden hinein. Alle romanischen Hausfundamente der Zeit vor 1150, die zwischenzeitlich vom Verfasser untersucht wurden, unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer Konstruktion und Tiefe.241 

Es handelt sich bei dem ergrabenen Fundament um eine neuzeitliche Erneuerung, die um 1600 notwendig wurde und der Aufstockung des Vorderhauses diente. Der weiche Lehmboden der Talsohle ist plastisch beweglich. Fast alle beobachteten romanischen Fassaden in Cluny sind aufgrund unzureichender Fundamentierung gekippt. Auch die innenliegende, fassadenparallele Querwand im untersuchten Haus ist im 2. OG über 0.10 m nach vorn geneigt. Derselbe Effekt ist verstärkt für die abgängige romanische Hausfront zu erwarten.242 Diese wurde bis zur Fundamentsohle entfernt, bevor die tiefer gegründete, ergrabene Mauer entstand. Zugleich wurde seitlich am Haus eine geböschte Stützmauer errichtet, die die Bewegung der romanischen Seitenwand an der Rue de la Barre abfing, nachdem dort im Inneren das romanische Treppengewölbe herausgerissen, die Mauer destabilisiert und durch die erhöhte Vertikallast der Aufstockung beansprucht war. Die Grabung zeigt, dass die Stützmauer tatsächlich nicht bis an die Hausecke reichte, sondern um 1.10 m davon entfernt endete, wo ihr Vorsprung einen Winkel mit der Hauswand bildete – sie wurde nicht als Gestaltungselement, sondern allein zur Verbesserung der Standsicherheit errichtet. In den Winkel wurde später ein Entwässerungsschacht gesetzt. 

Die vorgefundenen archäologischen Schichten in der während der Grabung täglich aufs neue überschwemmten Sondage enthielten keine datierenden Artefakte. Sie können allerdings in Abhängigkeit von der geologischen Deckschicht und der relativ präzisen Datierung der tangierenden Architektur eingeordnet werden. Die Straten geben Aufschlüsse über das sukzessive Anwachsen des Straßenniveaus seit dem Hochmittelalter bzw. der Bauzeit des Hauses von 1136 (s. Pl. 9.27). In 0.30 m Tiefe unterhalb des aktuellen Platzniveaus befindet sich die Abrisskrone der Fassade, die um 1800 abgetragen wurde. Darüber liegen moderne Erd– und Sandschichten, die das heutige Kopfsteinpflaster tragen. Es scheint, als habe man den Straßenbelag zwischenzeitlich unter Verwendung der Pflastersteine des 19. Jahrhunderts erneuert. 

Die im Folgenden beschriebenen Schichten sind nur in kleinen Inseln erhalten und stark von Kabel– und Entwässerungsleitungen durchschnitten. In 0.50 bis 0.70 m Tiefe erscheint vor der ergrabenen Mauer das Kiespflaster des Umbaus von ca. 1600, das vom mächtigen Bauschutt der Zeit um 1800 bedeckt ist. Es ist zwischen 5 und 10 cm stark und streicht an die Fundamentoberkante (Euthynterie) an. Darunter beginnen die Schichten, in die die Baugrube der ergrabenen Mauer eingetieft ist. Zunächst sind es zwei zusammen rund 0.30 m starke Schichten aus Lehm, Erde und Kieseln, die auf Umbauaktivitäten zurückzuführen sind; die obere hat die Farbe des anstehenden Lehms. In 1.00 m bis 1.10 m Tiefe folgt ein weiteres rotbraunes Kiespflaster um 5 cm Mächtigkeit mit feiner schwarzer Lehmauflage, das längere Zeit als Begehungshorizont diente. Es handelt sich um das früheste stratigraphische Zeichen der Stadtentstehung an dieser Stelle und ist, bei Vergleich des Schichtenbildes vor dem Haus 15, rue dʼAvril, mit einiger Sicherheit mit dem Bau von 1136 zu verbinden. Darunter liegt ein gut 0.10 m starkes Lehmpaket mit Kieseln, das den ältesten Begehungshorizont darstellt und in den weichen grauen Auenlehm übergeht. 

An der Ecke zur Rue de la Barre sind die Schichten bis in eine Tiefe von 0.70 m durch spätere Eingriffe gestört. Eine erste ältere Erd-Kiesschicht liegt in 0.73 bis 0.82 m Tiefe, darunter konnten über ca. 0.27 m vier 4–10 cm starke, dichtgepackte Kiespflaster-Straßenschichten bis zur geologischen Deckschicht hinunter verfolgt werden. Dort findet sich ein Horizont mit eingetretenen Kieseln als älteste begangene Fläche. Er liegt ca. 4 cm tiefer als der vor der Mauer liegend beschriebene Begehungshorizont, die Differenz wird allerdings durch die folgende, gleichartige Kiesauflage an beiden Stellen (Pl. 9.27, Schicht 3 bzw. 2°) ausgeglichen. Die beiden Schichten gehören demnach zusammen und bilden nach den vorgenannten Beobachtungen das bauzeitliche Verkehrsniveau um das Haus von 1136. Im Bereich der zu rekonstruierenden Vortreppe setzen die archäologischen Schichten aus, da der Raum von der Treppenkonstruktion belegt war, zunächst derjenigen des Baus von 1136, später der Fassade um 1600. Die unterschiedliche Schichtenbildung links und rechts der Vortreppe ist zum Ersten als Hinweis auf die Existenz der Treppe seit dem ältesten Kiespflaster auszuwerten, zum Zweiten bezeugt sie die intensive Nutzung der Rue de la Barre als Verkehrsweg. Zerfahrene Straßenschüttungen wurden in dichter Folge und mit festen Pflasterpaketen erneuert und aufgehöht, während an der Place Notre-Dame das Niveau mit wenigen, höheren und weicheren Schichten aufgefüllt und angepasst wurde. 

3.84 Rue de la Barre, Hangbereich, Schichtenbild bei Straßenarbeiten.
Um 0.50 m tief reichende anthropogene Straten (vgl. Pl. 9.25). 

Rue de la Barre, nahe der Rückwand des Hauses . Im Bereich des Hangs wurde bei der Verlegung von Leitungen die Straße aufgegraben. Die geologische Deckschicht erscheint in ca. 0.50 m Tiefe (Abb. 3.84). Sie ist von einer 0.15 bis 0.20 m starken, braunen, nicht weiter differenzierbaren Lehm-Kies-Schicht bedeckt, darüber liegen moderne Kiese und Sande, Pflaster und Asphalt. Der geologische Lehm ist hell ockerfarben. Sein Niveau gibt Aufschluss über die Eintiefung des Erdgeschosses in den Hang und den Straßenbezug von Fenstern und Türen, namentlich der nur um 1.40 hohen Tür und des Rechteckfensters im Erdgeschoss des ‚hohen Wohnhauses‘. Beide Öffnungen rechnen mit der natürlichen Hangneigung und sind nicht etwa durch einen Schacht im Außenbereich von der Straße abgesetzt. Das bestärkt den Sockelcharakter der romanischen Erdgeschosse, die das Hauptgeschoss aus den Unebenheiten des geographischen Reliefs herausheben. Weiter oben am Hang erscheint der anstehende Fels an der Straßenoberfläche, so dass dort anthropogenen Schichten nur geringster Mächtigkeit bestehen. 

Hausinneres . Im Hausinnern wurden die aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit stammenden archäologischen Schichten in mehreren Umbauvorgängen, hauptsächlich im 18. Jahrhundert, vollständig ausgekoffert und in mehreren Schichten durch Lehm, Erde, Bruchsteine, Flaschenscherben und Bauschutt mit einzelnen Keramik– und Trinkglasscherben ersetzt. Von einem ursprünglichen Lehmboden haben sich in ca. 0.15 bis 0.35 m Tiefe unter dem heutigen Fußboden noch geringe, am Mauerwerk haftende Spuren erhalten. An der sondierten Stelle am Ansatz der Treppenbrücke an der Mittellängsmauer reicht eine neuzeitliche Putzbraue bis ca. 0.15 m unterhalb dieser Spuren (vgl. Pl. 9.26). 

3.5.5 Dendrochronologische Datierung

Zwischen 1996 und 2005 fanden insgesamt fünf dendrochronologische Kampagnen im Haus 13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre statt, die die baugeschichtliche Untersuchung begleiteten.243 Die Ergebnisse werden nachfolgend zusammengefasst und mit der Bauanalyse zusammengeführt. Es wird anhand der mittleren Splintholz-Ringzahl von jahrgenau datierbaren Bauhölzern versucht, sich dem individuellen Fällungsjahr der einzelnen Bauteile anzunähern, um der Bauabfolge innerhalb der Hauptphasen nachzuspüren. Im Haus 11, place Notre-Dame, das zum selben Baukomplex gehört, wurden wegen starker moderner Bauveränderungen und der Unzugänglichkeit eventuell verbliebener Hölzer keine Proben entnommen. 

Die Datierungsergebnisse weisen die untersuchten Hölzer vier Datengruppen zu. Diese präzisieren die Errichtung des romanischen Baus und die drei großen Umbauperioden der Spätgotik, der Frühklassik und der Zeit zwischen Louis XVI und Empire, die die Bauanalyse beschreibt. Angegeben ist die jeweilige Probennummer aus den Ergebnisberichten des Datierungslabors, gefolgt vom aktuellen Standort der Hölzer. Nach dem Ergebnis der Bauanalyse zum Ursprungszustand sind die drei Hausteile nachfolgend von Nord nach Süd als „Treppenvorbau“, „Saalbau“ und „Hohes Wohnhaus“ bezeichnet. Diese Dreiteilung gliedert noch heute das Gebäude. Sämtliche Dächer sind seit der Bauzeit in Form und Konstruktion verändert worden. Die Standortangabe der datierten Hölzer bezieht sich auf die heutige Situation. Kursiv erscheinen das Datierungsergebnis eines Holzes und dessen konstruktive Ausbildung, auf der die Rekonstruktion der jeweils datierten Periode aufbaut. In Klammern steht das geschätzte Fällungsjahr von datierten Hölzern, bei deren Proben Splintholz ohne Schalkante vorliegt. Die fehlenden Splintringe sind hierbei rechnerisch ergänzt, und zwar nach dem Mittel der Splintringzahl vergleichbarer Proben mit Schalkante aus Hölzern, die für denselben konstruktiven Zusammenhang hergestellt wurden. 

a. Bauzeit um 1136

Probennummer (PN) nach Datierungsbericht 

In Klammern: Rechnerisches Fällungsjahr nach Addition von gemittelter Splintholzringzahl 

PN 5: Treppenvorbau Dach, Pfette (ursprünglich Pfette Saaldach 12. Jh.): 

Splint: 19 mit Schalkante, gefällt Winter 1135/36